Irak US-Hubschrauber greifen Hochzeitsfeier an - Dutzende Tote

Mehr als 40 Menschen sind Augenzeugen zufolge bei einem US-Luftangriff im Irak ums Leben gekommen. Kampfhubschrauber sollen eine Hochzeitsgesellschaft beschossen haben. Das US-Militär erklärte dazu, man habe verdächtige ausländische Kämpfer attackiert. Es habe keine Anzeichen für eine Privatfeier gegeben.


Angehörige trauern über dem Sarg eines der Opfer
AP

Angehörige trauern über dem Sarg eines der Opfer

Bagdad - Nach Angaben des stellvertretenden Polizeichefs der Stadt Ramadi, Sijad al-Dschburi, wurden bei dem Angriff bis zu 45 Menschen getötet, darunter 15 Kinder. Der Angriff fand in einer abgelegenen Wüstengegend in der Nähe der Grenze zu Syrien und Jordanien statt. Ein Krankenhausarzt bestätigte die Zahl von 45 Toten. Die Agentur Reuters berichtet unter Berufung auf den arabischen Fernsehsender al-Arabija von 20 Toten. Die US-Streitkräfte erklärten, sie könnten die Angaben nicht bestätigen. Der Vorfall werde noch untersucht.

Ein der Fernseh-Nachrichtenagentur APTN vorliegendes Video zeigt einen Lastwagen voller Leichen, bei denen es sich um die Opfer des Angriffs handeln soll. Unter den Leichen sind auch einige Kinder zu sehen. Einem habe die Explosion offensichtlich den Kopf abgerissen.

Auf dem Band werden mehrere Iraker interviewt, die erklärten, bei der Hochzeit seien Freudenschüsse abgegeben worden. Nach Angaben des Krankenhausarztes Salah al-Ani erschienen daraufhin US-Soldaten bei der Feier, um nach dem Rechten zu sehen, zogen aber wieder ab. Gegen 3 Uhr morgens habe dann ein Kampfhubschrauber auf die Gesellschaft geschossen. Bei dem Angriff seien zwei Häuser zerstört worden.

"Das war eine Hochzeit, und die Flieger kamen und haben die Menschen im Haus angegriffen", sagt einer der Männer auf dem Videoband. "Ist das die Demokratie und die Freiheit, die uns Bush gebracht hat? Es gab überhaupt keinen Grund für den Angriff."

Neue Gefechte mit Sadr-Milizen

In der heiligen Stadt Kerbela wurden bei neuen Gefechten zwischen US-Soldaten und Milizionären des radikalen Geistlichen Muktada al-Sadr sieben Aufständische getötet, wie Krankenhäuser berichteten. Augenzeugen zufolge kam es zu Kämpfen nahe dem Imam-Abbas-Schrein. Die US-Streitkräfte warfen Sadr-Kämpfern vor, ein weiteres Heiligtum im Zentrum der Stadt für Angriffe zu nutzen. In Nadschaf demonstrierten rund 300 Iraker gegen eine Entweihung islamischer Heiligtümer durch US-Soldaten.

Zwei Tage nach dem Mordanschlag auf den Präsidenten des irakischen Regierungsrates bekannte sich eine dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe stehende Gruppierung zu der Tat. Auf einer Website erklärte sich die Monotheismus- und Dschihad-Gruppe für den Selbstmordanschlag verantwortlich. Geführt wird die Monotheismus- und Dschihad-Gruppe vermutlich von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi, einem der von den USA meistgesuchten Terrorverdächtigen.

Zuvor hatte sich bereits eine bislang unbekannte Gruppe namens Arabische Widerstandsbewegung zum Anschlag auf Issedin Salim bekannt.

Heute Nachmittag wurde Salims Leiche nach Nadschaf überführt. Auch die Särge von sechs Leibwächtern und Mitarbeitern, die dem Anschlag ebenfalls zum Opfer fielen, wurden zu einer Totenwache am Imam-Ali-Schrein gebracht.

Der im iranischen Exil lebende irakische Großajatollah Kadhim al-Haeri machte unterdessen die Besatzungstruppen für den Tod Salims mitverantwortlich. In einer in Nadschaf veröffentlichten Erklärung warf Haeri der Koalition einen "vorsätzlichen Mangel an Sicherheit" vor. Haeri gilt als spiritueller Mentor Sadrs.

Bush: Übergangsregierung soll in zwei Wochen feststehen

Bei einem Überfall nördlich von Bagdad wurde gestern erneut ein US-Soldat getötet, wie die Streitkräfte heute mitteilten. Ein weiterer habe einen tödlichen Stromschlag erlitten.

US-Präsident George W. Bush rechnet damit, dass rasch die Mitglieder der irakischen Übergangsregierung ausgewählt werden. Er gehe davon aus, dass in den nächsten beiden Wochen entsprechende Entscheidungen für Präsident, Vizepräsident, Regierungschef und Minister gefällt würden, sagte er heute in Washington.



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