Irak US-Offiziere befürchten Kollaps wie in Vietnam

"Inkompetent und dumm": Mit scharfen Worten hat Timothy Carney, US-Koordinator für die Wiederaufbauhilfe im Irak, die Politik seines Landes im ersten Jahr nach dem Sturz von Saddam Hussein kritisiert. US-Offiziere befürchten einem Zeitungsbericht zufolge einen Kollaps im Irak - wie einst in Vietnam.


Washington - Der Hauptfehler der USA war nach Auffassung von Carney, nach dem Sturz des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein im Frühjahr 2003 keine Iraker in die Regierungsarbeit einzubinden. Die falsche Vorstellung, das Land allein regieren zu können, habe den Konflikt in die Länge gezogen und viele Menschenleben gekostet, sagte der US-Koordinator für die Wiederaufbauhilfe im Irak dem US-Hörfunksender NPR.

Gewalt im Irak: US-Soldaten sichern nach der Explosion einer Autobombe eine Straße nahe Bagdad
REUTERS

Gewalt im Irak: US-Soldaten sichern nach der Explosion einer Autobombe eine Straße nahe Bagdad

Als er den Irak Mitte Juni 2003 verlassen habe, sei es - zumindest in Bagdad - ohne weiteres möglich gewesen, mit dem Auto herumzufahren oder ins Restaurant zu gehen, fügte Carney hinzu. Bei seiner Rückkehr im Februar 2007 sei die Sicherheitslage dagegen "entsetzlich" gewesen. Die USA hätten jetzt aber noch eine Chance, ihre Ziele im Irak zu verwirklichen. Carney, der unter anderem Botschafter in Haiti und im Sudan war, arbeitete nach der US-Invasion im Irak drei Monate als Berater im Industrieministerium in Bagdad. Auf seinen Posten als Koordinator für die Wiederaufbauhilfe wurde er im Januar berufen.

Noch skeptischer als Carney äußerte sich ein Eliteteam von US-Offizieren um General David Petraeus, das helfen soll, Bushs neue Irak-Strategie umzusetzen. Einem Bericht der britischen Zeitung "Guardian" zufolge sehen die Offiziere das US-Militär unter erheblichem Zeitdruck: Demnach haben die USA nur noch sechs Monate Zeit, um den Krieg im Irak zu gewinnen - ansonsten drohe ein Kollaps wie einst in Vietnam, der einen raschen Abzug der Truppen zur Folge hätte. "Sie wissen, dass die nächsten sechs Monate ihre Chance sind. Und sie sagen, dass es jeden Tag schwieriger wird", sagte ein früherer Regierungsvertreter dem Blatt über das Eliteteam. Die Lage sei sehr angespannt.

Dem Bericht zufolge sehen die Militärexperten vor allem in der ungenügenden Anzahl von Soldaten ein Sicherheitsrisiko. Zudem warnen sie vor einer Auflösung der internationalen Koalition und einer Zunahme der Gewalt im Süden des Landes.

Unterdessen kündigte Großbritannien an, bereits in den nächsten Wochen mit dem Abzug seiner Truppen aus dem Irak zu beginnen. Dies teilte Heereschef Richard Dannatt mit. Die ersten Soldaten sollten in zwei bis drei Monaten nach Hause geholt werden, sagte Dannatt heute während eines Besuchs in Malaysia.

Premierminister Tony Blair hatte vergangene Woche angekündigt, London werde die Streitkräfte im Irak in den kommenden Monaten um rund 1600 Mann verringern. Eine weitere Reduzierung sei möglich, falls die Regierung in Bagdad für Sicherheit im Süden des Landes sorgen könne. Allerdings sollten bis mindestens 2008 britische Truppen im Irak bleiben, erklärte Blair. Die derzeit rund 7100 britischen Soldaten sind vor allem in Basra und Umgebung stationiert.

Für wie gefährlich Großbritannien die Lage im Südirak hält, zeigte eine gerichtliche Untersuchung des Todes zweier britischer Soldaten im Irak, die im Mai vergangenen Jahres bei einem Bombenanschlag in Basra ums Leben gekommen waren. Die Armee hat keine Ermittler entsandt, um die Rolle der Fahrzeuginsassen in dem Attentat zu untersuchen, weil sie die Gefahr für die Offiziere als zu hoch einschätzte. Der Fall wurde an die irakische Polizei abgegeben.

Blair hatte in der vorigen Woche Pläne für den Rückzug britischer Soldaten aus dem Südirak damit begründet, dass sich die Sicherheitslage in der Region gebessert habe.

hen/AP/AFP/dpa



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