Wahlen im Irak Der Schiit, dem die Saudis vertrauen

Iran und Saudi-Arabien kämpfen um Einfluss im Nahen Osten - auch im Nachbarland Irak. Bei den dortigen Parlamentswahlen setzten die Saudis ausgerechnet auf einen schiitischen Kleriker.

Muqtada al-Sadr
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Muqtada al-Sadr

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Wenn die Iraker am Samstag ein neues Parlament wählen, geht es nicht nur darum, wer künftig in Bagdad regieren wird. Auf dem Spiel steht auch der außenpolitische Kurs des Landes.

Bislang galt der Irak als treuer Verbündeter des großen Nachbarn Iran. Seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 dominieren schiitische Parteien die irakische Politik. Sie werden von Teheran unterstützt. Im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat der direkte Einfluss der Iraner seit 2014 noch einmal zugenommen. Irakische Revolutionswächter haben schiitische Milizen im Irak aufgestellt, ohne deren Hilfe die Terrororganisation kaum besiegt worden wäre.

Mitte April erst kam Irans Verteidigungsminister Amir Hatami nach Bagdad. Er traf syrische, russische und irakische Militärs sowie Geheimdienstexperten. Das offizielle Ziel der Vier-Länder-Tagung: der Kampf gegen den IS.

Hatamis Besuch dürfte auch ein klares Signal an die Regierungen in Riad und Washington gewesen sein. Die Botschaft: Iran wird seinen Einfluss im Irak nicht aufgeben, will das Nachbarland nicht Saudi-Arabien oder den USA überlassen.

Wandel durch Annäherung?

Denn Teheran hat allen Grund zur Sorge: Bei den Wahlen am Sonntag rechnet sich ein Bündnis Chancen aus, das Muqtada al-Sadr geschmiedet hat. Dieser ist zwar Schiit - trotzdem gilt er als Mann, mit dem sich vor allem Saudi-Arabien arrangieren kann.

So hatte Kronprinz Mohammed bin Salman im vergangenen Sommer öffentlichkeitswirksam den charismatischen Prediger in der saudischen Hafenstadt Dschiddah empfangen.

Sadr hatte mit seiner Miliz vor Jahren einen rücksichtslosen Kampf gegen die US-Besatzungstruppen geführt. Sein Verhältnis zu Iran hat sich in den vergangenen Jahren aber merklich abgekühlt. Er hat den Einfluss der proiranischen Milizen und Parteien im Irak in den vergangenen Monaten mehrfach scharf kritisiert.

Als ihn Nuri al-Maliki, Ex-Premier und enger Verbündeter des iranischen Regimes, zu einem Wahlbündnis aufforderte, wies Sadr ihn brüsk zurück. "Einige Politiker glauben, sie könnten Allianzen schmieden, um die Mehrheit zu gewinnen und ihre korrupte Politik fortzusetzen", sagte Sadr. Er tritt bei den Wahlen zwar nicht selbst an, hat jedoch ein Bündnis seiner Gefolgsleute mit Kommunisten und weiteren linken Splitterparteien organisiert. Es dürfe keine Regierung gebildet werden, in der nur von Iran unterstützte, religiöse schiitische Parteien vertreten seien, forderte Sadr.

Bemerkenswertes Treffen in Riad

Doch nicht nur die saudischen Annäherungsversuche an schiitische Geistliche sorgen in Iran für Unruhe. Im vergangenen Oktober hatte sich der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi im Beisein des damaligen US-Außenministers Rex Tillerson mit König Salman in Riad getroffen. Saudi-Arabien und der Irak vereinbarten damals die Gründung eines sogenannten Koordinierungsrats, um die politischen und wirtschaftlichen Kontakte auszubauen.

König Salman und Haider al-Abadi in Riad (Archiv)
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König Salman und Haider al-Abadi in Riad (Archiv)

Ein bemerkenswerter Schritt: Denn die Beziehungen zwischen dem Irak und Saudi-Arabien waren jahrzehntelang angespannt. Die USA hatten die wahhabitische Monarchie 1991 im Golfkrieg für den Angriff auf Saddam Hussein genutzt. Seit einigen Jahren nähern sich Riad und Bagdad nun aber wieder an:

  • 2016 eröffnete Saudi-Arabien nach rund einem Vierteljahrhundert wieder seine Botschaft in Bagdad sowie ein Konsulat in der kurdischen Stadt Erbil.
  • 2017 war nach mehr als 25 Jahren erstmals wieder eine kommerzielle Passagiermaschine von Riad aus in die irakische Hauptstadt geflogen. Zudem wurde ein Grenzübergang nach Saudi-Arabien im Südirak geöffnet.
  • Im Februar 2018 fand erstmals seit den Achtzigerjahren ein Fußballspiel zwischen Saudi-Arabien und dem Irak in der am Persischen Golf gelegenen Öl-Stadt Basra statt. Trotz der 1:4-Niederlage seines Teams soll König Salman anschließend versprochen haben, ein Stadion in Bagdad bauen zu lassen, in dem 100.000 Fans Platz haben werden. Saudi-Arabien kann auch Softpower.
  • Bald sollen auch Konsulate in Basra und in der für Schiiten heiligen Stadt Nadschaf folgen.

Noch ist der Einfluss des saudischen Herrscherhauses im Irak vergleichsweise gering. Die Frage ist, wie lange das so bleibt.

Sadr gibt sich als Mittler

Der Geistliche Sadr inszeniert sich mittlerweile als nationalistischer Populist, der die Interessen Irans und Saudi-Arabiens im Irak ausbalancieren will. Der Schiit hat sich sogar schon als Vermittler zwischen den beiden Erzfeinden ins Spiel gebracht: "Ich bin bereit, zwischen der Islamischen Republik und dem Königreich Saudi-Arabien zu intervenieren und einige Probleme zu lösen", sagte Sadr Anfang April. "Mir geht es dabei nur um das Wohl des Iraks und der Region."

Nicht nur deshalb dürfte im saudischen Herrscherhaus die Erkenntnis reifen: Je stärker Sadrs Block bei der Parlamentswahl am Samstag abschneidet, desto besser für Saudi-Arabien.



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