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Deutsche Waffenlieferungen: Panzerknacker für die Peschmerga

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Panzerabwehrwaffe "Milan": Die Waffe ist einfach zu bedienen Zur Großansicht
DPA/ K. Schneider/ Bundeswehr

Panzerabwehrwaffe "Milan": Die Waffe ist einfach zu bedienen

Berlin will in Kürze bekannt geben, welche Waffen Deutschland an die Kurden im Nordirak liefern will. Viel deutet auf panzerbrechende "Milan"-Raketen hin. Die Abgabe von modernen G36-Sturmgewehren hingegen scheut die Regierung noch.

Berlin - Ursula von der Leyen macht in diesen Tagen Tempo. Am Mittwochnachmittag, kurz nachdem die Bundesregierung ihr grundsätzliches Ja zu Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak bekannt gegeben hatte, trommelte von der Leyen im Wehrressort schon die Abteilungsleiter zusammen. Das Thema der Runde war klar: Welche Waffen könnte die Bundeswehr wann und wie in den Nordirak schicken, um die Kurden im Kampf gegen die IS-Milizen aufzurüsten.

Schon in den vergangenen Tagen hatten Mitarbeiter des Ministeriums einen Kriterienkatalog erstellt, um anhand dessen Waffenmodelle aussuchen zu können. Dabei geht es um einen besseren Schutz der Kurden, eine effizientere Kommunikation und mehr Durchschlagsfähigkeit. Zudem sollen die Waffen internen Papieren zufolge sofort einsatzbereit und ohne größere Schulungen von den Kurden zu bedienen sein.

Über die Ergebnisse der Turbo-Prüfung schweigt das Ministerium bisher, doch schon jetzt deutet sich an: Die Abgabe einer größeren Zahl von panzerbrechenden "Milan"-Raketen ist schon fast ausgemacht. Der Wunsch der Kurden nach deutschen Schnellfeuergewehren vom Typ G36 hingegen wird noch kritisch gesehen.

Die "Milan"-Rakete hatten sich die Kurden gewünscht. Die in den Siebzigerjahren durch Deutschland und Frankreich entwickelte Waffe, die teils mit Nachtsichtgeräten ausgestattete gepanzerte Fahrzeuge in bis zu zwei Kilometern Entfernung zerstören kann, lagert in vielen Depots der Bundeswehr. Derzeit prüft die Truppe, welche Exemplare noch funktionieren.

Für die "Milan"-Rakete bräuchten die Kurden zumindest eine Art Einweisung. Allerdings will Deutschland keine Ausbilder in den Irak schicken und peilt deswegen Schnelllehrgänge in einem Nachbarland an, die dort geschulten Soldaten sollen ihre Kenntnisse dann im Irak an ihre Kameraden weitergeben.

Ausdrücklich wollen die Peschmerga auch das Sturmgewehr G36 aus dem Hause Heckler & Koch. Grundsätzlich verfügt die Bundeswehr über große Bestände, das G36 ist das Standardgewehr der Truppe. Im Kanzleramt und in der Bundeswehr gibt es trotzdem Zweifel an einer Lieferung in den Irak. Denn das G36 ist weltweit als deutsche Waffe bekannt und niemand kann sagen, in wessen Händen die Gewehre am Ende des Konflikts landen könnten.

Deutsche Maschinengewehre könnten jedoch rasch in den Nordirak gelangen. So ging in Berlin aktuell eine Bitte aus Italien ein. Rom möchte schnell 1000 Maschinengewehre vom Typ MG42 an die Kurden liefern. Da Deutschland die Schnellfeuergewehre, die schon im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen, 1963 nach Italien verkauft hatte, muss Berlin der Lieferung zustimmen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll dies noch diese Woche geschehen.

Ebenso prüft das Wehrressort eine Art Tauschhandel mit Bulgarien. Die bulgarische Armee könnte größere Bestände ihrer recht alten Gewehre vom Typ AK-47 abgeben und würde von Deutschland mit neuen Waffen ausgestattet. Die Bundeswehr könnte die Waffen dann mit Militärmaschinen in den Irak bringen. Ebenso ist der Transport von Munition aus anderen osteuropäischen Ländern geplant.

Regierung in Bagdad will Lieferungen abwickeln

Noch schneller sollen zudem die ersten deutschen Flieger mit Militärausrüstung in Richtung Irak abfliegen, sie sollen schusssichere Westen, Helme und Nachtsichtgeräte für die Kurden abliefern. Bei den Westen allerdings musste die Truppe kleinlaut einräumen, dass viele der gelagerten Modelle nicht mehr zeitgemäß sind, bei den Nachtsichtgeräten ist man zudem selber etwas knapp. Trotzdem soll eine Lieferung zusammengestellt werden.

Wie Waffen und Material am Ende konkret geliefert werden, birgt noch einige Probleme. So beansprucht die Zentralregierung in Bagdad, dass alle Unterstützung zumindest offiziell über sie abgewickelt wird. Um solche Formalien zu klären, sollen möglichst bald Militärattachés an die Botschaft in der Hauptstadt und das Generalkonsulat in der Kurden-Metropole Arbil entsandt werden.

Um ein drohendendes Chaos und unsinnige Doppellieferungen aus verschiedenen Nationen zu vermeiden, will sich das Wehrressort zudem möglichst eng mit Großbritannien, Frankreich, Österreich, Holland, den USA und allen anderen Ländern, die liefern wollen, abstimmen. "Wenn am Ende alle das Gleiche liefern", so ein Top-Beamter, "haben die Kurden nichts von unserer Hilfe."



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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 174 Beiträge
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1. Finde es gut, dass...
privado 21.08.2014
...die Bundeswehr die kurz vor dem Verfallsdatum stehenden Milan-Systeme an die Kurden liefert. Wir müssen schließlich sparen und nichts wird weggeworfen. Und die Bundeswehr kann dann Nachschub beim Hersteller bestellen - das sichert deutsche Arbeitsplätze.
2. Die Türken werden sich freuen
fredadrett 21.08.2014
Wenn ihnen die Kurden demnächst mit deutschen Waffen hochgerüstet gegenüberstehen und einen Staat mit Teilen der Türkei gründen wollen. Wie kurzsichtig ist das denn. Waffen in Krisengebiete zu liefern ist genauso sinnvoll wie zum Löschen Öl ins Feuer zu gießen.
3. Sperrmüll
pauschaltourist 21.08.2014
Sabotage durch Hilfslieferung von Militärschrott?
4. Warum keine G36?
marthaimschnee 21.08.2014
Es ist doch sehr wahrscheinlich, daß die Kurden derart aufgerüstet irgendwann in die Türkei einfallen. Dann stehen sie wieder auf der anderen Seite und die Bundeswehr (NATO-Bündnisfall!) kann sich sicher sein, daß der Gegner nur mit wirkungsarmem Plunder auf sie schießt.
5. G36?
pieterbruegel 21.08.2014
..ausgerechnet das G36,das die BW nicht mehr anschafft wg.mangelnder Zielgenauigkeit.
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Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak (Stand: 14. August) Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak (Stand: 14. August)


Kurden
Kurdische Ethnie
Weltweit gibt es etwa 30 Millionen Kurden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet, das in der Türkei, im Irak, in Syrien und in Iran liegt, bezeichnen sie als Kurdistan. Einen eigenen Staat haben sie nicht. Kurden bilden eine Ethnie. Die meisten von ihnen sind sunnitische Muslime, es gibt aber auch Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Juden unter den Kurden.
Kurden in Deutschland
Allein in Deutschland leben etwa eine Million Kurden. Wegen ihrer Staatenlosigkeit werden sie hier meist als Türken, Iraker, Syrer oder Iraner wahrgenommen. Dabei bilden sie die drittgrößte Migrantengruppe in der Bundesrepublik.
Sprachen
Es gibt mehrere kurdische Sprachen, die wiederum jeweils ein Dutzend Dialekte haben. Am weitesten verbreitet ist die Sprache Kurmandschi. Interessanterweise sind es also weder Sprache noch Religion, die die Kurden als Volk zusammenhält, sondern "ihr Miteinander, verwurzelt in einer gemeinsamen Vergangenheit, die mehr oder weniger mythisch ist", wie die Ethnologen Jean-Loup Amselle und Guy Nicolas schreiben.
Autonome kurdische Region
Bis in das 20. Jahrhundert hinein lebten Kurden in Stammesgesellschaften. Heute leben sie in sehr unterschiedlichen Umfeldern. Die autonome kurdische Region im Irak gilt als die stabilste und sicherste im Land. Durch Zugang zu Erdöl ist sie wohlhabend.
Kurden in der Türkei
Kurden in der Türkei sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Überproportional viele sind jedoch arm, weil ihnen Bildung erschwert wurde. Unterricht auf Kurdisch war jahrzehntelang verboten. Viele Kurden kamen erstmals mit ihrer Einschulung mit Türkisch in Berührung.
Kurden im Irak
Das kurdische Autonomiegebiet liegt im Nordirak und wird von den Kurden Südkurdistan genannt. Im Irak wurden die Kurden lange Zeit verfolgt. Tragischer Höhepunkt war der Giftgasangriff des sunnitischen Diktators Saddam Hussein am 16. März 1988 auf den kurdischen Ort Halabdscha, bei dem etwa 5000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

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