Irakische Flüchtlinge "Das Wichtigste ist jetzt ein Gefühl der Sicherheit"

Sie wurden gefoltert und entführt, bedroht, angegriffen, vertrieben und beraubt - jetzt nimmt Deutschland sie auf. Im Durchgangslager Friedland bei Göttingen sind die ersten 122 von 2500 irakischen Flüchtlingen angekommen: glücklich, erschöpft und noch etwas orientierungslos.

Aus Friedland berichtet Yassin Musharbash


Friedland - Fünf Jahre hat Akram auf diesen Tag gewartet, den Tag an dem Rita zu ihm kommt. Jetzt ist es endlich so weit: Drei blaue Busse des Technischen Hilfswerks ächzen langsam um die Kurve und kommen vor der Gepäckhalle des Grenzdurchgangslagers Friedland zum Stehen. Ein paar Minuten muss Akram sich noch darauf beschränken, Rita durch die Scheibe zuzuwinken, dann öffnen sich die Türen. Und er kann sie zum ersten Mal seit 15 Monaten umarmen.

Vor knapp anderthalb Jahren haben der 35 Jahre alte Koch und die 30-jährige Friseurin geheiratet, in Syrien, wohin Rita mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen war. Terroristen hatten der Christin in Bagdad damit gedroht, sie umzubringen, falls sie ihren Friseursalon nicht schließe, ihr Vater wurde entführt, die Schwestern angegriffen. Auch Akram ist irakischer Christ, er lebt aber schon seit 13 Jahren in Deutschland.

Dass das Paar nun zusammen sein kann, verdankt es der Zusage der deutschen Bundesregierung, 2500 besonders schutzbedürftige irakische Flüchtlinge dauerhaft aufzunehmen, die es nach Syrien und Jordanien verschlagen hat - und die keine Perspektive für eine Rückkehr in den Irak haben.

Die insgesamt 122 Passagiere in den drei THW-Bussen sind der erste Teil dieses Kontingents. Es sind viele Christen unter ihnen, etwa 60 Prozent. Dazu rund 15 Prozent Muslime. Und noch einmal 15 Prozent Mandäer. Langsam und tastend steigen die meisten aus den Bussen, man ahnt, wie unwirklich das alles für sie noch ist. Nicht wenige lachen auch oder haben kleine Tränen in den Augenwinkeln. Direkt vor der Tür haben sich Angehörige versammelt, Kirchenvertreter, eine kleine Delegation der Gesellschaft für bedrohte Völker, einige Russlanddeutsche, die in Friedland leben. Sie klatschen und winken - und man sieht deutlich, dass das die Neuankömmlinge berührt.

Zu Gruppe der Mandäer, einer bedrängten religiösen Minderheit, zählen Mazen und Maha und ihre Kinder Sara und Muhanad. Völlig erschöpft, aber glücklich holen die vier Gepäckstücke aus dem Laderaum des Busses. "Ich bin froh, dass wir endlich hier sind", sagt Sarah. Ihr Bruder Muhanad, der vor zwei Jahren von Kriminellen entführt wurde, lächelt und reibt sich die Augen, sagen kann er noch nichts. Mazen, der Vater, meint: "Es fühlt sich an wie das Paradies."

Friedland ist neben dem Flughafen von Hannover das erste, was die Flüchtlinge von Deutschland zu sehen bekommen. Ein geschichtsträchtiger Ort: Über vier Millionen Flüchtlinge sind im Laufe der Jahrzehnte hier aufgenommen worden. Vietnamesische Boat People waren darunter, chilenische Folteropfer, Flüchtlinge aus Ungarn und Russlanddeutsche.

Die Einrichtung, die immer noch den sperrigen Namen "Grenzdurchgangslager" trägt, ist im Grunde ein eigenes Dorf: Es gibt Schulen, einen Kindergarten, Verwaltungsgebäude, eine Kapelle, einen Spielplatz, eine Krankenstation und natürlich die Unterkünfte, die gewöhnlichen Mietskasernen nicht unähnlich sind. Zurzeit leben etwa 500 Russlandaussiedler und einige jüdische Aussiedler hier.

Trauma-Experten stehen zur Verfügung

Die Iraker werden die kommenden rund zehn Tage hier verbringen. "Wir sind gut darauf vorbereitet", sagt der Leiter Heinrich Hörnschemeyer. Arabisch-Dolmetscher stehen zur Verfügung, die Wohlfahrtsverbände haben Trauma-Experten gesandt, die Kleiderkammer ist gut gefüllt, der Koch auf nahöstliche Essgewohnheiten eingestellt - und schon am Montag wird in der Kapelle der erste arabischsprachige Gottesdienst angeboten. "Das wichtigste ist jetzt, ein Gefühl von Sicherheit, von Willkommensein zu vermitteln", sagt Martin Steinberg, der evangelische Lagerpastor.

Sicherheit. Der Mangel daran, die blanke Gefahr für Leib und Leben, das hat die 122 Iraker, die jetzt zum Speisesaal zur Begrüßung gehen, aus ihrer Heimat vertrieben. Sie wurden gefoltert und entführt, bedroht und angegriffen, vertrieben und beraubt. Viele haben Angehörige verloren, manche mussten es mit ansehen. In Jordanien und Syrien fanden sie zwar eine Art Notasyl - aber keine Perspektive. Denn sie dürfen in beiden Ländern nicht arbeiten, die Schulbildung der Kinder ist dort nicht gewährleistet, die Lebensumstände der Irak-Flüchtlinge in einigen Elendsvierteln sind erbärmlich, die medizinische Versorgung mangelhaft. Für diejenigen, die nicht in den Irak zurückkehren können, ist in Syrien oder Jordanien die Verelendung vorgezeichnet.

Pastor Steinberg erinnert sich an bewegende Szenen, als Russlanddeutsche in Friedland ankamen: Wie sie aus Bussen stiegen, sich auf dem Boden knieten und die Betonplatten des Lagers küssten. Solche Bilder gibt es dieses Mal nicht. Das hat viel damit zu tun, dass die Neuankömmlinge aus dem Irak schlichtweg zu erschöpft sind, um mehr als ein Lächeln zustande zu bekommen. Schon während der Busfahrt aus Hannover haben die meisten geschlafen. Es war eine lange Reise mit wenig Vorbereitungszeit und vielen Abschieden - vermutlich für immer.

Verteilung auf die 16 Bundesländer

Aber es hat auch damit zu tun, dass sie zwar verstehen, dass sie jetzt sicher sind - aber die Gefühle dem Verstand noch hinter her hinken. "Ich fasse das einfach alles noch gar nicht richtig, es sind so viele Eindrücke, so eine große Veränderung", sagt Mohamed, ein junger Muslim aus Bagdad. Er ist nicht der einzige, dem es so geht.

In den nächsten Tagen, so sagen die in Friedland Verantwortlichen, sollen die Iraker nun Zeit bekommen, zur Ruhe zu kommen. Schließlich geht es schnell genug von hier aus wieder weiter: Die Flüchtlinge werden in spätestens zwei bis drei Wochen nach dem sogenannten "Königssteiner Schlüssel" auf die 16 Bundesländer aufgeteilt. Wenn der nächste Charterflieger mit Irakflüchtlingen aus Damaskus landet, sind die jetzt Angekommenen vermutlich schon weitergezogen.

Wer an einem bestimmten Ort nahe Verwandte hat, kann damit rechnen, in der Nähe untergebracht zu werden. Bei vielen der 37 Familien ist das der Fall. Mazen zum Beispiel hat eine Schwester in Baden-Württemberg, deren Tochter etwa im selben Alter ist wie seine Kinder.

Alle Flüchtlinge werden später Integrationskurse absolvieren, in denen es um Deutschkenntnisse geht, aber auch um Praktisches: Wie man sich in Deutschland versichert, welche Rolle die Polizei hat, wie das mit dem Arbeiten läuft. Denn als Kontingentflüchtlinge werden die Iraker Arbeitsgenehmigungen bekommen.

An diesem Donnerstag ist all das für die meisten noch weit weg. Vor allem die Eltern unter den Flüchtlingen denken erst einmal nicht viel weiter als ans Zubettgehen. Lagerleiter Hörnschemeyer hält seine Begrüßungsansprache bewusst knapp. Rita und Akram allerdings machen schon Pläne: Ob sie nicht am Wochenende zu Akram nach Wiesbaden könne? Na klar, sagt Hörnschemeyer. "Es sieht zwar ein bisschen aus wie eine Jugendherberge hier, aber Sie sind frei."

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