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08. März 2003, 12:17 Uhr

Iraks humanitäre Katastrophe

Öl kann man nicht trinken

Von , Bagdad

Der Tod macht keine Geschäfte mit der Zeit. Er kommt langsam oder schnell, auf leisen Füßen oder mit einem lauten Knall. Aber für Samran ist klar, dass er kommt. Bald. Er gehört zu den vielen zivilen Opfern des Embargos gegen den Irak.

Samran spürt, dass seine Zeit abläuft
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Samran spürt, dass seine Zeit abläuft

Bagdad – Wenn Samran nicht in einem möglichen Irak-Krieg umkommt, wird ihn der Krebs aufzehren. Der Sechsjährige hat Leukämie und den kleinen Vorteil, dass sich seine Eltern die Behandlung im Bagdader Saddam Center noch leisten können, die privat bezahlt wird. Dennoch ist auch dort die Versorgung mit Medikamenten, Geräten und Wissen durch das Embargo, dem der Irak unterliegt, so schlecht, dass die Überlebenschancen für Schwerkranke gegen Null tendieren.

Die humanitäre Situation im Irak ist ohnehin angespannt. Zwar geht es vielen Irakern immer noch besser als Menschen in anderen Ländern. Doch sollte es zum Krieg kommen, droht eine Katastrophe, nachdem zwölf Jahre Embargo das Land bereits ausgezehrt haben. Über 60 Prozent der 22 Millionen Menschen hängen vollständig von den Nahrungsmittelrationen ab, die der Staat für seine Lieferungen im Rahmen des Uno-Programms "Öl für Nahrungsmittel“ einkaufen kann.

Seit 1996 darf der Irak unter Uno-Kontrolle eingeschränkt Öl exportieren. 59 Prozent der Einnahmen gehen an die Provinzen, um Lebensmittel zu importieren, 13 Prozent erhält der autarke kurdische Norden, mit 25 Prozent wird der Kompensationsfonds bestückt aus dem Reparationszahlungen des Kuweit-Krieges geleistet werden und vier Prozent behält die Uno für ihre Arbeit im Irak.

Alle sind müde

Bereits zwei Uno-Leiter des Programms "Oil for food“ haben aus Protest gegen das Embargo ihr Amt hingeschmissen: Sie hatten vor Ort erlebt, welche Folgen, die Isolierung des Landes für die Menschen hat. "Ich habe mir die Frage auch schon oft gestellt, ob ich es aufgeben soll“, sagt Francis Dubois, der nun seit vier Jahren in Bagdad das Programm für die Uno verantwortet. "Alle sind müde. Die Menschen und die Offiziellen“.

Der quirlige Franzose wird wütend, wenn er darüber nachdenkt, welche Nebenwirkungen das Embargo hat – und was ein Krieg anrichten würde. Das Problem ist, dass das Embargo den Irak zu Recht abschneiden soll von allen Lieferungen, die irgendwie für die Produktion von Waffen benutzt werden können. Weil aber vieles, was im medizinischen oder technischen Bereich etwa für den Bau von Kläranlagen oder die Produktion von Medikamenten gebraucht wird, theoretisch auch militärisch verwendet werden kann, blutet das Land aus.

Das Embargo hat absurde Ausmaße angenommen: Der amerikanische Lieferservice UPS weigert sich Pakete zuzustellen, europäische Universitäten dürfen ihren irakischen Kollegen ihre wissenschaftlichen Studien nicht zur Verfügung stellen, wer Fremdsprachen lernen will, muss das mit zusammengeklebten Kladden aus den sechziger Jahren machen, jeder Bleistift braucht wegen seines Graphitgehalts eine Genehmigung.

Im Irak wurde viel wieder aufgebaut nach seinem Angriff auf Kuweit und dem Gegenangriff der USA 1991. Doch weil es beispielsweise an Technik für Kläranlagen fehlt sterben Kinder in Massen an Durchfall durch das Dreckwasser. Eine halbe Million Kubikmeter Abwasser laufen täglich ungefiltert in den Wasserkreislauf, der diesen Namen nicht mehr verdient.

Nicht Lösung, sondern Problem

Während die Staatsführung weiter ihre Spielchen spielt, verstehen die Menschen immer weniger, warum sie unter dem Uno-Programm, das ihnen helfen soll, zu leiden haben. "Sie betrachten uns nicht mehr als Lösung, sondern als Teil des Problems“, beschreibt Dubois den Stimmungswandel.

Doch unabhängig von dem Embargo droht bei einem Krieg ein völliger Zusammenbruch des ohnehin fragilen Systems. Die staatliche Verteilungskette für Nahrungsmittel wird dann nicht mehr funktionieren. An den heutigen 45.000 Verteilerstellen überall im Land dürften dann nur die verschlossenen Türen leerer Lager zu finden sein.

Saddam City, das Armenviertel im Norden der irakischen Hauptstadt, versinkt bereits jetzt im Dreck. Entlang der stinkenden Straßen leben rund zwei Millionen Menschen in löchrigen und wackligen Verschlägen, die in dunkler Brühe schwimmen.

Francis Dubois hat im Irak eines der kultiviertesten Völker kennengelernt
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Francis Dubois hat im Irak eines der kultiviertesten Völker kennengelernt

Im Kriegsfall dürften als erstes die Strom- und Wasserversorgung zusammenbrechen. Saddam Hussein wird eine Ausgangssperre verhängen, um Aufstände zu verhindern, aber auch, um eine Massenflucht zu unterbinden, denn mit fünf Millionen Zivilisten als Geiseln dürfte es den USA schwerer fallen, Flächenbombardements anzuordnen. Hofft Hussein.

Fünf Millionen Geiseln

Die Menschen werden zu Gefangenen in ihren wackligen Häusern und müssen überleben mit dem, was sie haben – Tage? Wochen? "Die Menschen haben keinerlei Reserven, um sich auf einen Krieg einzustellen", sagt der Deutsche Alexander Christoff, von der Hilfsorganisation "Architekten für Menschen in Not“ in Bagdad, der einzigen Nichtregierungsorganisation. Einige graben bereits in ihren Hinterhöfen, um Brunnen anzulegen. Manchmal stoßen sie dabei ironischerweise auf Öl.

Christoff fürchtet neben Hunger, Durst und Krankheiten auch die Bomben. Die irakische Führung hat aus Berechnung Militär oder Regierungs-Einrichtungen oft mitten in zivilen Wohngebieten platziert – selbst wenn die Bomben noch so präzise gesteuert werden, die "Kolateralschäden“ sind programmiert.

Zehn Prozent der Leistungskraft

Die medizinische Versorgung besitzt im Schatten des Embargos bereits jetzt nur zehn Prozent ihrer ursprünglichen Leistungskraft – im Krieg würde sie kollabieren. Einige Krankenhäuser können unter normalen Umständen bis zu zwei Wochen autark arbeiten – wenn sie nicht mit Tausenden Kriegsverletztenr klar kommen müssen.

Viele Hilfsorganisationen legen ihre Lager mit Lebensmitteln und Medikamenten nur in Nachbarländern an. Weil Anarchie und Bürgerkrieg in Bagdad nicht ausgeschlossen sind, müssten sie mit Plünderungen und bürgerkriegsähnlichen Szenarien rechnen und ihr eigenes Leben riskieren. Bis zu zwei Millionen Menschen könnte noch die Flucht ins Ausland gelingen – der Rest sitzt fest ohne Hilfe von außen.

Reich der Finsternis vorgegaukelt

Dubois gehört zwar zu der Sorte Mensch, die auch dann noch Licht sieht, wenn alles in Dunkelheit versinkt, aber wenn er an den möglichen Krieg und die Begründung für den Waffengang denkt, gefriert sein charmantes Lächeln: "Im Ausland herrscht ein völlig falsches Bild vom Irak.“ Er will zwar nicht über die Regierung reden, aber "hier lebt eines der großzügigsten, kultiviertesten, außergewöhnlichsten Völker, die es gibt“, sagt er.

Der Weltöffentlichkeit werde ein Reich der Finsternis vorgegaukelt, das so nicht existiere. "Und vor allem die Journalisten sind Teil einer großen Propagandamaschine geworden“, klagt Dubois. Es werde eine Stimmung erzeugt, die eine Eigendynamik entwickelt und einen Krieg unausweichlich macht: "Den Irak wegen Verbindungen zum internationalen Terrorismus anzugreifen wäre schlicht falsch. Das ist Unsinn.“

Samran weiß nichts über internationalen Terrorismus, Öl, die Achse des Bösen oder eine Weltordnung. Er versteht auch nicht, was mit ihm passiert. Er spürt nur, dass seine Zeit abläuft. Nicht genügend Medikamente und Zeit, um in Würde und schmerzfrei zu sterben.

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