Von Kian Badrnejad
Teheran - Auf den ersten Blick klingt alles nach einer linksalternativen Diskussionsrunde, die auch in einem beliebigen Kulturzentrum irgendwo zwischen Hamburg und München stattfinden könnte: Eine Konferenz am Rande eines Filmfestivals, es soll um den internationalen Einfluss Hollywoods gehen. Auf der Tagesordnung stehen die materialistische Ideologie der Filmfabrik, ihr einseitiges Frauenbild und ihre oft militaristischen Botschaften, auf die "Occupy"-Bewegung blickt man mit Sympathie.
Doch die Teilnehmer reisen nicht in Mitfahrgelegenheiten an und sie übernachten auch nicht bei Freunden und Mitaktivisten auf dem Sofa. Die meisten werden wohl komfortabel mit dem Flugzeug auf Teherans Imam-Khomeini-Airport landen. Als Unterkunft ist das luxuriöse Fünf-Sterne-Hotel Parsian Azadi vorgesehen, das schon zu Schah-Zeiten, als es noch Hyatt hieß, die angesagte Herberge für prominente Gäste aus dem Ausland war. Denn vom 3. bis zum 6. Februar richtet das Ministerium für Islamische Führung und Kultur - das pikanterweise auch für die Zensur zuständig ist - in Irans Hauptstadt die "Dritte Internationale Konferenz über Hollywoodismus" aus.
Seit 2011 findet die Tagung regelmäßig am Rande des Fajr-Filmfestivals statt, dem wichtigsten Forum für Irans gar nicht so kleine Filmindustrie. Die Preisträger erhalten den "Kristall-Simorgh", benannt nach einem mythischen Vogel aus Irans vorislamischer Vergangenheit. Viele international anerkannte Produktionen wurden hier zuerst ausgezeichnet. Auch "Nader und Simin - eine Trennung" von Regisseur Asghar Farhadi, der erste iranische Film, der einen Oscar erhielt, räumte vorher beim Fajr-Festival mehrere Preise ab.
Ahmadinedschad nutzt das Fajr-Festival für Propaganda
Dieses Umfeld nutzt das Regime in Teheran jedes Jahr, um eine seiner berüchtigten Propagandakonferenzen abzuhalten. Solche Veranstaltungen sind eine Spezialität der PR-Manager von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Kurz nach dessen Wahl 2005 gab es eine Tagung zum Thema "Eine Welt ohne Zionismus". Dort machte er seine berüchtigte Bemerkung über Israel - "Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte verschwinden" -, die nicht unerheblich dazu beiträgt, dass er auf internationalem Parkett bis heute als Pariah gilt.
Im folgenden Jahr lud Teheran erneut ein, das Thema dieses Mal: die "Untersuchung des weltweiten Blicks auf den Holocaust". Damals gingen Bilder um die Welt, auf denen Präsident Ahmadinedschad den österreichischen Rabbi Moshe Friedman umarmt und küsst, der einer exotischen Richtung des Judentums angehört, die den Staat Israel ablehnt. Aus Deutschland reiste unter anderem der Kölner Rechtsextremist Benedikt Frings an.
Ziel der Konferenz war es, den Umgang des Westens mit dem Holocaust zu analysieren und so zu zeigen, dass auch dort der Meinungsfreiheit Grenzen gesetzt sind. Über ihre Verurteilungen jammernde Holocaustleugner dienten als Kronzeugen.
Kritik an klischeehafter Darstellung von Muslimen
Das Programm der aktuellen "Hollywoodismus"-Konferenz dagegen, das man auf der englischsprachigen Internetseite der Organisatoren findet, sieht auf den ersten Blick eher harmlos aus. Gesprochen wird über "Hollywood und menschliche Werte", den "Einfluss des Independent-Kinos auf das weltweite Erwachen" oder "Die Hollywood-Wirtschaft". Einige Themen wären sogar durchaus einer Diskussion würdig. So soll Hollywoods einseitiges Frauenbild besprochen werden, und auch die klischeehafte Darstellung von Muslimen, die nach dem Ende des Kalten Krieges die Russen als Standard-Bösewichte in amerikanischen Streifen abgelöst haben, wird kritisiert.
Dieses Jahr sind die Schwerpunkte der "Hollywoodismus"-Konferenz:
Bei einem Blick in die persischsprachige News-Rubrik der Website zeigt sich aber, dass auch hier Ahmadinedschads Lieblingsthema nicht ausgelassen wird. Schon der erste Artikel mahnt: "Der Kampf gegen den Zionismus ist die Pflicht jedes freien Menschen", ein anderer beklagt den bedrohlichen "Schatten des Zionismus über Hollywood". Es geht um angebliche Geldflüsse reicher Juden an die Hollywoodstudios und darum, wie Filme missbraucht werden, um "teuflische Gedanken" in die Hirne junger Menschen zu pflanzen.
Der große Provokateur tritt ab
Diese Zweigleisigkeit, relevante Themen neben Propaganda, scheint sich auszuzahlen, letztes Jahr standen durchaus auch seriöse Redner am Pult. So waren Leslie Thomas Pollard, Soziologe an der National University in Kalifornien, und der mehrfach ausgezeichnete amerikanische Dokumentarfilmer, Journalist und Blogger Danny Schechter zu Gast. Aber auch dubiose Gestalten wie der Verschwörungstheoretiker Webster Tarpley bekamen Gelegenheit, ihre kruden Ansichten zu verbreiten. Arnold Cohen, ein ultraorthodoxer Rabbi und Antizionist aus den USA, durfte den Anwesenden den Unterschied zwischen Zionismus und Judentum erklären. Aus Deutschland waren keine Redner angereist.
Wer dieses Jahr sprechen wird, ist noch unbekannt. Als Unterstützer wird aber der umstrittene Publizist Jürgen Elsässer genannt, der 2009 das Buch"Iran - Fakten gegen westliche Propaganda" herausgab, das unter anderem "die Lüge von der Fälschung der Präsidentschaftswahlen im Juni 2009" behandelt.
Präsident Ahmadinedschad wird sich Anfang Februar sicherlich wieder von seiner besten Seite präsentieren und fleißig Hände schütteln. Doch es dürfte einer seiner letzten Auftritte dieser Art werden: Im Juni wird ein neuer Präsident gewählt, und nach zwei Amtszeiten darf Irans großer Provokateur laut Verfassung nicht wieder antreten. Da er sich inzwischen mit seinem ehemaligen Unterstützer, Revolutionsführer Ali Chamenei, zerstritten hat, wird er wohl keine aktive Rolle in Irans Politik mehr spielen.
Vielleicht erbarmt sich ja einer seiner Gäste und lädt in Zukunft ihn als Redner ein.
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