Regimekritische Demonstrationen Staatsfernsehen meldet weitere Tote bei Protesten in Iran

Bei den Protesten in Iran sollen laut staatlichen Medienberichten neun weitere Menschen getötet worden sein. Die Polizei nahm bislang Hunderte Demonstranten fest.

Proteste im iranischen Zandschan
AFP/Ho/Irib

Proteste im iranischen Zandschan


In Iran spitzt sich die Lage offenbar immer weiter zu. Bei den Protesten im Land sind nach Angaben des staatlichen Fernsehens weitere neun Menschen getötet worden. In der Region um Isfahan im Zentrum des Landes seien sechs Demonstranten, ein Mitglied der Revolutionsgarden, ein Passant sowie ein Polizist getötet worden. Der Tod des Polizisten war zuvor bereits gemeldet worden.

Die sechs Demonstranten seien bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften getötet worden, als sie versucht hätten, eine Polizeiwache in der Stadt Kahderidschan zu stürmen. Das Mitglied der Revolutionsgarden sowie der Passant seien im nahegelegenen Kahris Sang getötet worden.

Der Sender Irib hatte zuvor berichtet, dass in der Nacht zum Dienstag ein Revolutionswächter der Stadt Nadschafabad von Demonstranten getötet worden sei. Er sei erschossen worden. Nach Angaben von Irib beweist die Tat, dass einige der Demonstranten bewaffnet seien. Die Revolutionswächter sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden, einer paramilitärischen Organisation zum Schutz des Systems.

Bis zum Montag waren nach Angaben des Staatsfernsehens im Zentral-, West und Südwestiran bereits mindestens zehn Demonstranten gestorben. Zudem kamen ein alter Mann und ein Kleinkind bei einem Unfall während der Proteste im westiranischen Dorud um. Die Zahl der Toten bei den Protesten dürfte damit auf über 20 geklettert sein. Die Behörden meldeten darüber hinaus die Festnahme von weiteren rund 100 Demonstranten am Montag. Bereits am Wochenende waren den Angaben zufolge etwa 350 Menschen inhaftiert worden.

In sozialen Netzwerken wird behauptet, dass die Polizei in Dutzenden Städten auf die Demonstranten schieße. Diese Berichte ließen sich jedoch nicht unabhängig überprüfen.

Anfangs Proteste gegen Wirtschaftspolitik

Die Proteste hatten am Donnerstag begonnen. Sie richteten sich zunächst gegen die Wirtschafts- und Außenpolitik der Regierung, wurden aber zunehmend systemkritisch. (Eine Analyse zur Situation in Iran lesen Sie hier). Am Samstag griffen die Proteste auch auf die Hauptstadt Teheran über. Nach Augenzeugenberichten griff die Polizei in Teheran mit Wasserwerfern und Tränengas ein.

Angesichts der Protestwelle hat der britische Außenminister Boris Johnson zu einer ernsthaften Debatte über die "legitimen und wichtigen Belange" der Demonstranten im Land aufgerufen. Großbritannien hoffe, dass die iranischen Behörden eine solche Debatte zuließen. "Die Menschen sollten die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung haben und auf legale Weise friedlich demonstrieren dürfen", schrieb Johnson bei Facebook.

Großbritannien bedauere die Todesfälle bei den Protesten, heißt es in Johnsons Beitrag. Man rufe alle Parteien zum Gewaltverzicht auf.

Präsident Hassan Rohani räumte ein, dass die Regierung die Lage nicht mehr völlig kontrolliere. Bei einer Krisensitzung im Parlament erklärte er, es wäre ein Fehler, die Proteste nur als ausländische Verschwörung einzustufen. "Auch sind die Probleme der Menschen nicht nur wirtschaftlicher Natur, sie fordern auch mehr Freiheiten." Er kritisierte damit indirekt die Hardliner im Klerus, die seine Reformen blockieren. Rohani zufolge sollten die Proteste nicht als Gefahr, sondern als Chance angesehen werden.

Video: Tausende protestieren gegen Regierung

STR /EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Israel, Russland, EU, Gabriel - die Reaktionen

Die USA und Israel unterstützten die Proteste und äußerten ihre Hoffnung auf einen politischen Umsturz in Teheran. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu äußerte sich am Montag in einer Videobotschaft zu den Protesten: "Mutige Iraner gehen auf die Straße. Sie wollen Freiheit, sie wollen Gerechtigkeit, sie wollen die grundlegenden Rechte, die ihnen seit Jahrzehnten verweigert werden." Das russische Außenministerium warnte vor jeglicher "Einmischung" des Auslandes. Dies würde die Situation in Iran "destabilisieren".

Die EU rief die iranische Führung unterdessen auf, das Demonstrationsrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu respektieren. "Wir hoffen, dass das Recht auf friedliche Demonstrationen und die Meinungsfreiheit garantiert werden", erklärte eine Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini am Montagabend. "Wir werden die Entwicklungen weiterhin verfolgen."

Zuvor hatte bereits Bundesaußenminister Sigmar Gabriel die Führung in Teheran aufgefordert, die Versammlungsfreiheit zu respektieren. Er sei "sehr besorgt" angesichts der Meldungen über getötete Demonstranten und zahlreiche Verhaftungen bei den Protesten in Iran.

Es sind die größten Unruhen seit der gewaltsam unterdrückten Protestbewegung gegen die Wiederwahl des damaligen ultrakonservativen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad 2009.

aar/dpa/AP/Reuters

insgesamt 55 Beiträge
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curly988 02.01.2018
1.
Man kann nur hoffen das sich die USA, Großbritannien, EU und Russland da raus halten. Sonst entsteht ein zweites Lybien. Utopisch aber wer weiß....
erzengel1987 02.01.2018
2. hoffentlich halten sich die anderen Nationen raus...
Sonst stimme ich curly988 völlig zu das endet nur im Chaos. Russland wird wieder zur legitimen Regierung halten und dann wirds wieder sehr blutig.
KingTut 02.01.2018
3. Zeit für den Wandel
Der Iran ist keine Demokratie. Im weltweiten Demokratie-Index nimmt er Platz 158 ein; nur Syrien ist mit Platz 163 noch schlechter. Die Menschen haben die Errungenschaften der Neuzeit (Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Freiheit vor religiöser Bevormundung) vor Augen und wollen sie auch für sich reklamieren. Diese Rechte sind universell und werden deshalb zu Recht eingefordert. Es kann nicht sein, dass eine Clique von Mullahs die Menschen im Mittelalter gefangen hält. Ich wünsche dem iranischen Volk viel Glück und Erfolg. Es ist Zeit für einen Wandel.
sitcom 02.01.2018
4. Ein gutes Zeichen
Irgendwie ein gutes Zeichen A) die Iraner protestieren dagegen das die radikalen im Staat in allen Konflikten in der Region ihre schmutzigen Finger drin haben B) Die Iraner möchten das am stattdessen die Mittel in eigenen Land investiert werden. C) und die liberalere Staatsführung kann nicht verbergen das sie eigentlich die Proteste nicht so schlecht findet Ich hoffe es eskaliert nicht sondern führt zu Fortschritten
rantzau 02.01.2018
5. Es ist sehr verdächtig
daß Trump gemeinsam mit Saudi Arabien das Atomabkommen aufkündigen will, sich an das Wahhabitische Könighaus anbiedert (das den Salafismus erst saonfähig machte), den Iran wirtschaftlich dransaliert, und daß nun wider einmal Demonstrationen stattfinden, angeblich gegen die Regierung, deren Syrieneinflussnahme etc. Als regelmässige Iran Besucher (und nein, ich bin kein Exiliraner, daher vielleicht objektiver), kann und konnte ich zumindest in den letzten 10 Jahren keine revolutionäre Gesinnung erkennen. Und ich kenne den ganzen Iran. Ich bin mir sicher, die Demonstranten sind vopn aussen gesteuert, genauso wie es auch damals in Syrien losging.
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