Iran Demonstranten und Anti-Aufruhr-Einheiten liefern sich brutale Gefechte

Irans Hauptstadt wird von heftigen Straßenkämpfen erschüttert: Am Abend protestieren Tausende Widerständler an der Dschawaran-Moschee im Norden Teherans. Polizisten beschießen Demonstranten mit Farbpatronen. Schon am Mittag war es zu heftigen Zusammenstößen gekommen.

Montaseri-Demonstration in Teheran: Verstorbener Mentor der iranischen Reformbewegung
REUTERS

Montaseri-Demonstration in Teheran: Verstorbener Mentor der iranischen Reformbewegung


Teheran - In Irans Hauptstadt spielen sich brutale Szenen ab. Den ganzen Tag über lieferten sich regierungskritische Demonstranten und Polizisten erbitterte Gefechte. Am Abend ist es erneut zu Zusammenstößen gekommen. Wie Augenzeugen der Nachrichtenagentur AFP berichteten, ereigneten sich die Zwischenfälle, als sich Tausende Anhänger des reformorientierten Ex-Präsidenten Mohammed Chatami an der Dschawaran-Moschee im Norden der Hauptstadt Teheran versammelten.

Sicherheitskräfte hätten zu Fuß und auf Motorrädern versucht, die Demonstranten mit Tränengas auseinanderzudrängen. Anti-Aufruhr-Einheiten und die regierungstreuen Bassidsch-Milizen beschossen die Demonstranten demnach mit Farbpatronen, um anschließend ihre Verfolgung aufzunehmen. Es habe mehrere Festnahmen gegeben.

In der Dschawaran-Moschee sollte Chatami anlässlich des schiitischen Aschura-Festes eine Ansprache halten. Diese sei jedoch von den Sicherheitsbehörden abgesagt worden, hieß es auf der Oppositionsinternetseite Rahesabs. Die Opposition hatte dazu aufgerufen, die traditionellen Kundgebungen an den schiitischen Gedenktagen Tassua und Aschura für Proteste gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschad zu nutzen.

Schon am Mittag und am Nachmittag war es in Teheran zu heftigen Zusammenstößen gekommen. Die Oppositionellen versammelten sich an zunächst mehreren Stellen in der Hauptstadt Teheran, darunter auch an der Universität, hieß es auf den regimekritischen Websites. Zu größeren Protesten kam es nach Augenzeugenberichten am Samstagnachmittag auch in der belebten Niavaran-Avenue im Norden Teherans.

Die staatliche Agentur IRNA bestätigte, dass es Proteste gab, sprach aber von lediglich 150 Demonstranten. IRNA warf ausländischen Medien vor, das Ausmaß der Proteste zu übertreiben, um so mehr Menschen auf die Straße zu bringen.

Laut AFP waren die Zusammenstöße jedoch brutal. Widerständler brüllten "Tod dem Diktator", um ihrem Groll gegen Mahmud Ahmadinedschad Luft zu machen. Revolutionsgarden und Mitglieder der Bassidsch-Miliz gingen nach einem Bericht der reformorientierten Internetseite Rah-e-Sabs mit Tränengas und Pfefferspray gegen die Demonstranten vor.

Schlagstöcke gegen Demonstranten

Polizisten hätten im Zentrum Teherans Warnschüsse abgegeben, um Widerständler auseinanderzutreiben. Wie ein AFP-Reporter berichtete, prügelten Polizisten mit Schlagstöcken auf Demonstranten ein. Mehrere Personen seien festgenommen worden. Laut einem Bericht der Agentur Reuters sind Hunderte Sondereinsatzkräfte der Polizei vor Ort, um gegen die Anhänger der Opposition vorzugehen.

Zahlreiche Autofahrer bekundeten laut AFP ihre Sympathie mit den Demonstranten. Sie hätten jedes Mal gehupt, wenn die Polizisten gegen die Demonstranten vorgingen. Laut Rah-e-Sabs schlugen Polizisten zum Teil Scheiben solcher Autos ein. Eine Demonstration vor der Universität von Teheran ist laut AFP sofort unterbunden worden, mindestens zwei Demonstranten seien von der Polizei abgeführt worden.

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Oppositionsbewegung in Iran: Straßenschlachten im Dezember
Für Sonntag werden weitere Proteste erwartet. In Iran haben sich die Spannungen zwischen Opposition und Regierung zuletzt wieder deutlich verschärft, nachdem am vergangenen Wochenende der regierungskritische Großajatollah Hossein Ali Montaseri im Alter von 87 Jahren gestorben war. Die Polizei hat für das Wochenende ein verschärftes Vorgehen gegen Demonstranten angekündigt.

Montaseri als Mentor der Reformbewegung

In den vergangenen Monaten war Montaseri zum Mentor der iranischen Reformbewegung geworden - die seinen Tod zum Anlass nahm, ihren Zorn erneut auf die Straße zu tragen. Die Oppositionellen protestierten in Ghom heftig gegen die herrschende Elite und zeigten damit, dass sie offensichtlich neue Kraft gewonnen haben. Bereits Anfang Dezember gab es bei Demonstrationen viele Verletzte - das Regime kündigte an, mit "gnadenloser Härte" gegen sie vorzugehen.

Montaseri war nicht nur einer der bedeutendsten Geistlichen des schiitischen Islams - er war auch ein scharfer Kritiker von Präsident Ahmadinedschad. Nach den umstrittenen Wahlen vom 12. Juni hatte Montaseri öffentlich den Wahlsieg Ahmadinedschads angezweifelt.

Trotz Vorwürfen der Wahlfälschung hatte sich Ahmadinedschad damals zum Sieger erklärt. Die anschließenden Straßenschlachten markierten die schlimmste Gewalt in dem islamischen Gottesstaat seit der Revolution vor 30 Jahren - Sicherheitskräfte hatten Massenproteste gegen den Präsidenten brutal niedergeknüppelt. Angaben über die Zahl der Toten schwanken zwischen mehr als 70 und etwa halb so vielen. Tausende Menschen wurden festgenommen, fünf von ihnen zum Tode verurteilt.

ssu/AFP/APD/dpa/Reuters

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semir, 23.11.2009
1.
Zitat von sysopKein Zugang zur Anwältin, keine Anklage: Seit August sitzt die Journalistin Fariba Padschuh im berüchtigten Evin-Gefängnis. Ein Beispiel für die Unterdrückung der Opposition in Iran - hat die Demokratie-Bewegung derzeit überhaupt eine Chance?
Schwer vorstellbar: "Nach den Wahlen driftet die iranische Gesellschaft immer weiter auseinander. Die Risse verlaufen nicht nur zwischen den politischen Eliten, sondern auch durch ganz normale Familien." http://www.ftd.de/meinung/kommentare/:gastkommentar-iran-das-gespaltene-land/539402.html
C.Jung 23.11.2009
2. Ja, aber...
Zitat von sysopKein Zugang zur Anwältin, keine Anklage: Seit August sitzt die Journalistin Fariba Padschuh im berüchtigten Evin-Gefängnis. Ein Beispiel für die Unterdrückung der Opposition in Iran - hat die Demokratie-Bewegung derzeit überhaupt eine Chance?
... nur dann, wenn sie das rassistische Folter-Regime stürzt.
frietz, 23.11.2009
3.
Zitat von sysopKein Zugang zur Anwältin, keine Anklage: Seit August sitzt die Journalistin Fariba Padschuh im berüchtigten Evin-Gefängnis. Ein Beispiel für die Unterdrückung der Opposition in Iran - hat die Demokratie-Bewegung derzeit überhaupt eine Chance?
würde sich mit demokratie etwas diesbezüglich ändern? die usa sind doch ein paradebeispiel dafür, dass in "demokratien" genauso gefoltert wird.
frietz, 23.11.2009
4.
Zitat von sysopKein Zugang zur Anwältin, keine Anklage: Seit August sitzt die Journalistin Fariba Padschuh im berüchtigten Evin-Gefängnis. Ein Beispiel für die Unterdrückung der Opposition in Iran - hat die Demokratie-Bewegung derzeit überhaupt eine Chance?
würde sich mit demokratie etwas diesbezüglich ändern? die usa sind doch ein paradebeispiel dafür, dass in "demokratien" genauso gefoltert wird.
frietz, 23.11.2009
5.
Zitat von sysopKein Zugang zur Anwältin, keine Anklage: Seit August sitzt die Journalistin Fariba Padschuh im berüchtigten Evin-Gefängnis. Ein Beispiel für die Unterdrückung der Opposition in Iran - hat die Demokratie-Bewegung derzeit überhaupt eine Chance?
und was soll dann in der "demokratie" besser sein? die usa ist ein paradebeispiel dafür, dass auch in demokratien masslos und ungestraft gefoltert werden darf.
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