Irans Exilanten: Das neue Leben der Grünen Bewegung

Von

Iraner im Exil: Maryam Mirza und Kaveh Kermanshahi leben in Berlin Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Iraner im Exil: Maryam Mirza und Kaveh Kermanshahi leben in Berlin

Es waren Hunderttausende, die 2009 in Iran aus Protest gegen Wahlfälschungen auf die Straße gingen. Von dieser Grünen Bewegung ist wenig geblieben. Viele engagierte Iraner wurden verhaftet, manche hingerichtet, Hunderte flüchteten ins Ausland. Zu Besuch bei zwei Exilanten in Berlin.

Berlin - Wenn an diesem Freitag in Iran gewählt wird, sind Maryam Mirza und Kaveh Kermanshahi nicht dabei. Es werden für beide die ersten Präsidentschaftswahlen im Exil. Die 32-jährige Journalistin und der 28-jährige Menschenrechtler können nicht mehr zurück in ihre Heimat, seit sich dort im Zuge der umstrittenen Wahlen 2009 die Repressionen verschärft haben.

Beide sind keine Staatsfeinde oder Verschwörer, wie Teheran gesellschaftlich engagierte Iraner gern bezeichnet. Mirza und Kermanshahi haben bescheidene Hoffnungen. Sie setzen darauf, dass sich die Islamische Republik langsam von innen heraus zum Besseren wandelt. Bei den letzten Wahlen stimmten sie für den Reformer Mir Hossein Mussawi. "Wir waren viele, die für Mussawi gestimmt haben", sagt Maryam Mirza. "Jetzt sind wir viele, die im Exil leben."

Die Präsidentschaftswahlen 2009 wurden zum nationalen Trauma. Noch am Wahlabend ließ Teheran offiziell verkünden, dass Mahmud Ahmadinedschad den Reformer Mussawi haushoch geschlagen habe. Viele Iraner witterten Wahlbetrug und gingen auf die Straße - in der sogenannten Grünen Bewegung. Sie wurde brutal niedergeschlagen.

Teheran machte Jagd auf die Demonstranten und schoss scharf. Der international bekannteste Fall ist der Tod der jungen Frau Neda Agha-Soltan, der in einem YouTube-Video um die Welt ging. Das Regime verschärfte die Repression. Auch Unbeteiligte konnten plötzlich zu Verfolgten werden wie etwa Neda Soltani, die mit der Getöteten verwechselt wurde. Soltanis Facebook-Profilfoto wurde von internationalen Medien gezeigt und zierte die Plakate der Protestierenden. Daraufhin stand der Geheimdienst vor Soltanis Haustür. Auch sie lebt seither im Exil.

Aus zehn Tagen Deutschland wurden vier Jahre

Kaveh Kermanshahi wurde im Zuge der Repressionswelle nach den Wahlen vom Sicherheitsapparat einbestellt und verhaftet. Der kurdische Iraner war dem Regime als engagierter Menschenrechtler bekannt. Einer seiner Freunde wurde hingerichtet.

Kermanshahi kam nach vier Monaten auf Bewährung frei und wurde dann erneut verurteilt - zu vier Jahren Haft. Er flüchtete heimlich über die Grenze ins irakische Kurdistan, bevor er von Deutschland eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis bekam. Nun setzt er von Berlin aus seine Unterstützung für Irans Aktivisten fort und lernt Deutsch.

Auch Maryam Mirza war seit Jahren gesellschaftlich aktiv etwa in der Nichtregierungsorganisation Women Cultural Center für Frauenrechte und in dem Verein Volunteer Activists. Unter Ahmadinedschads Vorgänger Mohammed Chatami waren solche zivilgesellschaftlichen Initiativen möglich. Während Ahmadinedschads Präsidentschaft wurden beide Gruppen verboten. Nach den Protesten 2009 kamen viele der einstigen Mitglieder ins Gefängnis.

Maryam Mirza war in Deutschland, als die Proteste in Iran ausbrachen. Ihr Vater hatte sie in den frühen Morgenstunden nach der Wahl, am 13. Juni 2009, zum Flughafen nach Teheran gebracht. Die Journalistin war zu einem zehntägigen Medienseminar eingeladen worden, bei dem sich die Autorin und Mirza kennenlernten. Als die Demonstrationen losgingen, wurden einige von Mirzas Freunden und Weggefährten verhaftet. Der jungen Frau wurde klar, dass ihr bei einer Rückkehr Ähnliches drohen würde. Aus zehn Tagen Deutschland wurden vier Jahre.

"Wir wissen Freiheit mehr zu schätzen"

Maryam Mirza hat ihre Geschichte zusammen mit elf weiteren iranischen Journalisten aufgeschrieben, die ebenfalls nach 2009 ins Exil mussten. Ihren Vater hat sie seit dem Abschied am Flughafen nicht mehr wiedergesehen. Als die Iranerin das erste Mal einen deutschen Weihnachtsmarkt besuchte, brach sie in Tränen aus.

"Die Menschen waren so unbeschwert. Sie konnten einfach glücklich sein. Ihnen gehörte die Straße, der öffentliche Raum", sagt Mirza. "Ich musste daran denken, dass in Iran Menschen auf der Straße geschlagen und verfolgt werden." Kermanshahi sagt: "Es gibt in Deutschland so viele Freiheiten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir jungen Iraner dies mehr zu schätzen wissen als junge Deutsche, weil wir schon so lange und hart dafür kämpfen und diese Freiheiten trotzdem nicht haben."

Kermanshahi und Mirza haben sich in Berlin eine neue Heimat aufgebaut. Es macht es für die jungen Iraner ein bisschen leichter, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind. Eine von Mirzas besten Freundinnen aus Teheran lebt ebenfalls in Berlin. Andere Freunde, Bekannte und ehemalige Arbeitskollegen sind anderswo in Deutschland und Europa untergekommen. "Es ist wie eine kleine Familie", sagt Mirza.

Wenn die beiden erzählen, wen sie wo kennen, scheint es, als ob nahezu eine ganze Generation iranischer Aktivisten 2009 ins Ausland flüchten musste. Auch Kermanshahi und Mirza kannten sich schon in Iran - allerdings nur virtuell. Beide hatten über Mailinglisten und Facebook bei einer Frauenrechtskampagne in Kontakt gestanden.

Fotostrecke

13  Bilder
Wahlen in Iran: Sechs konservative Kandidaten
Beide wollen zurück, wenn die Repression etwas nachlässt

Kermanshahi würde am Freitag wählen gehen, doch er kann nicht. Er hat keine Papiere mehr - keinen Reisepass, keinen Ausweis. Der Geheimdienst behielt sie bei seiner Freilassung auf Bewährung ein, um Kermanshahi an der Ausreise zu hindern. Die Grenze zum Irak überwand der junge Kurde heimlich mit Hilfe von Schmugglern.

Maryam Mirza will ihre Stimme in der iranischen Botschaft in Berlin abgeben. "Ich werde das Foto eines Freundes mitnehmen, der in Haft ist, damit ich nicht ganz meine Selbstachtung verliere", sagt sie. Auch wenn die Wahlen nicht frei sind, will die Iranerin sich nicht die Hoffnung nehmen lassen, dass ihre Stimme zählt. Sie will abstimmen, auch wenn die Kandidaten allesamt Mitglieder des Establishments sind. "Es geht bei den Wahlen immer darum, das Schlimmste zu verhindern", sagt sie.

Das Schlimmste, das wäre bei dieser Wahl der Ajatollah-treue Hardliner Said Dschalili, glauben beide. Sie sind für Hassan Rohani, den moderatesten unter den sechs Kandidaten.

"Ich hoffe, dass das politische Klima nach der Wahl wieder offener wird", sagt Mirza. Dann würde sie zurückkehren, auch wenn dies für sie bedeuten würde, dass sie in der Öffentlichkeit den Schleier tragen muss und abends nicht allein losziehen kann, um tanzen zu gehen. "So wie ich jetzt bin, bin ich komplett verboten", sagt sie und lacht. "Noch dazu im Gespräch mit ausländischen Journalisten - unmöglich", fügt Kermanshahi hinzu.

Auch er würde am liebsten zurückkehren in seine Heimat. Doch für ihn sind die Aussichten noch schlechter, weil weiterhin der Haftbefehl besteht. "Ich kann erst zurück, wenn eine Amnestie für politische Häftlinge ausgesprochen wird."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
rayon2 14.06.2013
Zitat von sysopEs waren Hunderttausende, die 2009 in Iran aus Protest gegen Wahlfälschungen auf die Straße gingen. Von dieser "Grünen Bewegung" ist wenig geblieben. Viele engagierte Iraner wurden verhaftet, manche hingerichtet, Hunderte flüchteten ins Ausland. Besuch bei zwei Exilanten in Berlin. Iran: Die Grüne Bewegung hofft auf Rouhani - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-die-gruene-bewegung-hofft-auf-rouhani-a-905707.html)
Ich glaube, Edward Snowden wird nach vier Jahren auch gerne wählen gehen, oder schlicht weg in seine Heimat zurückkehren wollen. Das einzigst tröstende für die Beiden mag wohl sein, daß inzwischen alle Regierungen weltweit so repressiv sind oder im Begriff sind es zuwerden, daß jeder anständige Mensch ihr Leid verstehen wird.
2. Man darf nicht drüber nachdenken.
eknoes 14.06.2013
Zitat von sysopEs waren Hunderttausende, die 2009 in Iran aus Protest gegen Wahlfälschungen auf die Straße gingen. Von dieser "Grünen Bewegung" ist wenig geblieben. Viele engagierte Iraner wurden verhaftet, manche hingerichtet, Hunderte flüchteten ins Ausland. Besuch bei zwei Exilanten in Berlin. Iran: Die Grüne Bewegung hofft auf Rouhani - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-die-gruene-bewegung-hofft-auf-rouhani-a-905707.html)
Es ist eine Tragödie antiken Ausmaßes, wie eine klerikale gewaltbereite Clique den Iran beherrscht, deren Machtapparat ein Bedrohungspotenzial etabliert hat, welches seit nunmehr annähernd 34 Jahren die überwiegend modern eingestellte und intelligent/intellektuelle Jugend des Landes zur Verzweiflung bringt und sie ihres Anspruchs auf ein menschenwürdiges und erfülltes Leben beraubt.
3. Lügen
Cocuk 14.06.2013
Es waren ein paar Tausende die bei der letzten Präsidentschaftswahl protestiert haben und niemand wurde hingerichtet. Wer sowas krasses behauptet sollte Beweise vorlegen. Es kann nicht angehen, dass man solche Behauptungen aufstellt und keine Quellenangaben liefert. Lassen sie uns bei der Wahrheit bleiben. Brutal war vielmehr das Verhalten der Polizei bei den letzten Protesten in London, die Besatzung Bahrains und das Verhalten der Polizei bei den neuerlichen Protesten in Istanbul. Statt die tatsächlichen Verbrechen anzuprangern schauen Sie lieber nach Iran.
4. Als politisch Verfolgter in die Botschaft?
Hamberliner 14.06.2013
Zitat von sysopMaryam Mirza will ihre Stimme in der iranischen Botschaft in Berlin abgeben. "Ich werde das Foto eines Freundes mitnehmen, der in Haft ist, damit ich nicht ganz meine Selbstachtung verliere", sagt sie. Auch wenn die Wahlen nicht frei sind, will die Iranerin sich nicht die Hoffnung nehmen lassen, dass ihre Stimme zählt. Sie will abstimmen, auch wenn die Kandidaten allesamt Mitglieder des Establishments sind. "Es geht bei den Wahlen immer darum, das Schlimmste zu verhindern", sagt sie. Iran: Die Grüne Bewegung hofft auf Rouhani - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/iran-die-gruene-bewegung-hofft-auf-rouhani-a-905707.html)
Nicht dass man mich missversteht, ich ergreife nicht Partei für das Mullah-Regime (und für eine restriktive Ausländerpolitik deutscher Behörden genausowenig), aber: Wenn sie die iranische Botschaft betritt, verlässt sie das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und befindet sich auf dem Boden der "Islamischen Republik Iran". Botschaften sind immer Hoheitsgebiet des Botschafterstaates, nicht des Gaststaates. Vielleicht täusche ich mich, aber mir kommt es sau-gefährlich vor, was sie vorhat. Aus dem Artikel geht auch nicht hervor ob sie politisches Asyl genießt oder einen vergleichbaren Status hat. Wenn sie unter Beweis stellt, dass ihr nichts zustößt wenn sie in den Iran hinein- und wieder herausspaziert (das tut sie nämlich, wenn sie die iranische Botschaft in Berlin aufsucht) könnte das auch Probleme mit ihrem ausländerrechtlichen Status ergeben.
5. Repressiv
braman 14.06.2013
Zitat von rayon2Ich glaube, Edward Snowden wird nach vier Jahren auch gerne wählen gehen, oder schlicht weg in seine Heimat zurückkehren wollen. Das einzigst tröstende für die Beiden mag wohl sein, daß inzwischen alle Regierungen weltweit so repressiv sind oder im Begriff sind es zuwerden, daß jeder anständige Mensch ihr Leid verstehen wird.
Sie haben mit Ihrer Aussage sicher Recht, aber was daran tröstend (für die Beiden) sein soll, verstehe ich beim besten Willen nicht. Für mich ist das eher erschreckend und beängstigend. MfG: M.B.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Iran
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
Fotostrecke
Iran: Die unterdrückte Opposition

Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

Mehr auf der Themenseite

Fotostrecke
Wahlen in Iran: Sechs konservative Kandidaten