Iran Ein Präsident unter Verdacht

War der designierte iranische Präsident einer der Männer, die am 4. November 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzten? Mehrere US-Geiseln und auch der BBC-Journalist John Simpson sind sich sicher, Geiselnehmer bestreiten die Vorwürfe. Allein der Verdacht wird das Verhältnis zwischen Iran und den USA belasten.

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Botschaftsbesetzung: 444 Tage in Geiselhaft
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Botschaftsbesetzung: 444 Tage in Geiselhaft

Berlin - Die Bilder der Teheraner US-Botschaft gingen um die Welt. Es war am 4. November 1979, als eine Gruppe von Studenten über die hohen Mauern rund um die fast oasenartige Dependance der USA in der Hauptstadt Irans kletterten. Sie stürmten das Gebäude fast ohne auf Gegenwehr zu stoßen, fesselten die Diplomaten, Geheimdienstler und Angestellte. Für mehr als ein Jahr sollte die gerogan-giri - so heißt eine Geiselnahme auf Farsi - die internationalen Nachrichten bestimmen. Exakt 444 Tage wurden die Geiseln in der Botschaft festgehalten.

Bis heute sind die Fotos von US-Geiseln mit Augenbinden, von geheimen CIA-Papieren in der Hand revolutionärer Studenten und auch die verwüstete Botschaft an der Avenue Taleghani das Symbol der Feindschaft zwischen den USA und Iran. Die Mauern um das Gelände schmücken Bilder von Revolutionsführer Ajatollah Chomeini, einer Waffe mit einer US-Flagge und Bomben mit einem Davidstern. Hinein darf kaum jemand. Durch die löchrigen Mauern ist die verschandelte Freiheitsstatue zu sehen, die einen Totenschädel als Kopf trägt.

Seit der Wahl des iranischen Präsidenten am vergangenen Wochenende bekommt die Botschaftsbesetzung von 1979 eine aktuelle Brisanz. Seit Tagen melden sich immer mehr Zeugen, die behaupten, dass der designierte Präsident Mahmud Ahmadinedschad einer der Geiselnehmer der ersten Stunden gewesen ist. Der neue Präsident hat sich selbst zur Sache bisher nicht geäußert, sein Büro lässt die Vorwürfe dementieren.

"Er nannte uns Schweine und Hunde"

Demonstration vor der Botschaft (5. November 1979): Symbol des Widerstands
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Demonstration vor der Botschaft (5. November 1979): Symbol des Widerstands

Die Angaben verschiedener Zeugen liefern ein widersprüchliches Bild. In einem ausführlichen Interview mit SPIEGEL ONLINE bestätigt die Ex-Geisel David Roeder, dass er sich definitiv an Ahmadinedschad erinnern kann. "Als ich ihn im Fernsehen das erste Mal sah, war ich mir sofort sicher", sagte der heute 66jährige US-Bürger, "es ist vor allem sein Gestus, der mich kalt erwischte." Detailliert berichtet Roeder, dass Ahmadinedschad nach seiner Wahrnehmung damals bei mehreren Verhören anwesend war und Befehle auf Farsi an die Befrager erteilte.

"Er war nicht sehr nett damals. Er nannte uns Schweine und Hunde", sagte Marine-Offizier Donald Sharer, der ebenfalls mehr als ein Jahr in der Hand der Studenten war. "Der neue Präsident Irans ist ein Terrorist", behauptet der pensionierte Oberst Charles Scott. "Als ich sein Bild in der Zeitung gesehen hatte, wusste ich sofort: Er war einer der zwei oder drei Anführer", sagte der heute 73-Jährige.

Neben den drei Amerikanern haben sich mittlerweile mehrere andere Geiseln gemeldet, die den Bürgermeister von Teheran wiedererkannt haben wollen. Einige der Ex-Geiseln, die sich für Schadensersatzansprüche zu einer Art Verein zusammengetan haben, wollten sich aber nicht so genau festlegen.

BBC hat angeblich ein Interview vom Botschaftsgelände

Designierter Präsident Mahmud Ahmadinedschad: In der Kerngruppe der Kidnapper?
REUTERS

Designierter Präsident Mahmud Ahmadinedschad: In der Kerngruppe der Kidnapper?

Zwei westliche Journalisten hingegen sind sich ebenfalls sicher, dass Ahmadinedschad einer der Anführer der Geiselnehmer war. Der britische BBC-Reporter John Simpson, der im Herbst 1979 direkt vom Gelände der US-Botschaft in Teheran berichtete, hat nach eigenen Angaben sogar ein Interview mit dem Mann, der Ahmadinedschad sein soll, geführt. Bisher hat die BBC die Filmausschnitte noch nicht veröffentlicht.

Vier Jahre lang hat auch der amerikanische Buchautor Mark Bowden die Besetzung der Botschaft in Teheran und in den USA recherchiert. "Ich bin mir nach vielen Gesprächen mit Geiseln und ehemaligen Kidnappern sicher, dass Ahmadinedschad zu der Kerngruppe von acht Studenten gehört, die von Anfang an dabei waren", sagte Bowden. Der Autor hatte bereits mit seinem Buch über kolumbianischen Drogen-Boss Pablo Escobar und seine Rekonstruktion des Absturzes mehrerer "Black Hawk"-Hubschrauber in Somalia Furore gemacht. Sein Buch über die Geiselnahme wird im April kommenden Jahres in Amerika erscheinen.

Nach Bowdens Recherchen wurde Ahmadinedschad kurz nach der ersten Idee für eine Botschaftsbesetzung ins Boot geholt. Damals hatten sich zuerst fünf Studenten zusammengetan, von denen aber zwei absprangen. Danach habe man an der Universität, an der auch der damals 23-Jährige Ahmadinedschad studierte, neue Rekruten gesucht und gefunden. Im Gespräch mit Bowden sollen dies mehrere Mitlieder der Kerngruppe bestätigt haben. Ahmadinedschad selbst konnte Bowden nie mit den Vorwürfen konfrontieren. Trotz mehrerer Versuche auf seinen Reisen in Iran verweigerte Ahmadinedschad jegliches Interview.

Ahmadinedschad dementiert

US-Geiseln mit Kidnappern: Befragungen die ganze Nacht
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US-Geiseln mit Kidnappern: Befragungen die ganze Nacht

Zumindest einer der damaligen Geiselnehmer widersprach den Verdachtsmomenten. "Ahmadinedschad war nicht dabei, als nach der Islamischen Revolution die US-Botschaft besetzt wurde", sagte Abbas Abdi, der sich zu seiner Tat bekennt. Die früheren Geiseln, die die Vorwürfe erhoben hatten, verfügten offenbar über ein schlechtes Erinnerungsvermögen. Abdi gehört mittlerweile dem reformorientierten politischen Flügel an - den politischen Gegnern Ahmadinedschads. Auch das Büro Ahmadinedschads erklärte, dieser habe bei der Botschaftsbesetzung nicht geholfen.

Eine genaue Analyse des Foto- und Fernsehmaterials wird den Verdacht vielleicht erhärten können. Schon jetzt aber zeitigen die ersten Berichte Folgen. "Wir schauen uns das genau an, um die Fakten zu verstehen", sagte ein Sprecher des Weißen Hauses in Washington. Präsident George W. Bush zeigte sich in einem Interview noch abwartend aber interessiert. Er sagte, die Berichte würden "viele Fragen" aufwerfen. Er wisse, wie aktiv derzeit nach Antworten auf diese Fragen gesucht werde. Daher sei er zuversichtlich, dass Ahmadinedschads Rolle aufgeklärt werde. Schon jetzt dürften vor allem die CIA und das Außenministerium Teile ihrer Analyseabteilungen daran gesetzt haben, den Vorgang zu klären.

Eine Bestätigung hätte für den designierten Präsidenten ernste Folgen. Auch wenn er Kontakte mit den Vereinigten Staaten ablehnt, wird die US-Regierung auf jeden Druck ausüben, der mit ihm reden will. Auch die europäischen Verhandlungspartner dürften sich irritiert zeigen über einen stockkonservativen Präsidenten, der einst bei der Teheraner Geiselnahme mitgewirkt hat.

Die Erstürmung der US-Botschaft und die Geiselnahme gehören zu den Gründungsmythen des religiösen Irans. Sollte sich Mahmud Ahmadinedschad davon distanzieren, könnte er seine konservativen, antiamerikanischen Anhänger bitter enttäuschen. Andererseits wird die Geiselnahme in gemäßigteren Kreisen inzwischen auch kritisch beurteilt, weil sie Iran damals international politisch völlig isolierte. Seine Vergangenheit könnte den Politik-Newcomer so schnell einholen, wie er aus dem Nichts heraus zum Präsidenten wurde.



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