Iran Ex-General soll in den Westen übergelaufen sein

Seit einem Monat ist Ali Reza Asgari verschwunden, Iran behauptet, der Westen habe den Mann entführt. Nun heißt es, der ehemalige Vize-Verteidigungsminister sei in den Westen übergelaufen. Ungewöhnlich wäre ein solcher Schritt nicht, wie andere Beispiele zeigen.

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Ist der frühere iranische Vize-Verteidigungsminister Ali Reza Asgari übergelaufen? Am Dienstag hatte der iranische Polizeichef Ahmadi-Moghaddam die Gerüchte um den seit einem Monat verschwundenen Asgari angeheizt: Er warf dem Westen vor, den 63-Jährigen wegen dessen verteidigungspolitischer Vergangenheit verschleppt zu haben. Beweise für seine These legte er nicht vor.

Nun verdichten sich die Anzeichen, dass der ehemalige Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden mit dem Westen zusammenarbeitet. Ein hochrangiger US-Beamter sagte der "Washington Post", Asgari habe Iran verlassen, kooperiere "aktiv" und teile sein politisch sensibles Wissen mit westlichen Geheimdiensten. Den derzeitigen Aufenthaltsort und den genauen Gesprächspartner des ehemaligen Spitzenpolitikers wollte der US-Beamte nicht preisgeben. US-Geheimdienste hätten vollen Zugang zu Asgaris Informationen, berichtet die "Washington Post".

Bislang waren nur widersprüchliche Details der Umstände seines rätselhaften Verschwindens bekannt: Asgari habe sich am 7. Februar von Damaskus kommend in einem Istanbuler Hotel eingemietet, kurz darauf sei er untergetaucht. Iran schickte daraufhin eine Delegation in die türkische Metropole und bat Interpol um Hilfe bei der Lokalisierung des Vermissten. Israelische und arabische Medien hatten berichtet, Asgari habe gemeinsam mit seinen weiteren Familienmitgliedern Asyl in den USA beantragt.

In iranischen Nachrichtenagenturen kursierten wiederum Gerüchte, der israelische Geheimdienst Mossad stecke hinter dem Verschwinden Asgaris. "Soweit ich weiß, ist Israel in keiner Weise involviert", wies der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Mark Regev, in der "Washington Post" derartige Spekulationen zurück. Der ehemalige Mossad-Direktor und jetzige Abgeordnete der Arbeitspartei Danny Yatom sagte im israelischen Rundfunk, er glaube, Asgari habe sich in den Westen abgesetzt: "Er ist ein dicker Fisch."

Asgari könnte wertvolle Informationen im Gepäck haben

Wo auch immer Asgari sich derzeit aufhalten mag - und wer mit ihm spricht - eines ist sicher: Für den Westen wäre Asgari eine Goldgrube. Seine Biografie lässt darauf schließen, dass er über detailliertes sicherheitspolitisches Wissen verfügt und möglicherweise auch Angaben über Irans geheimes Atomprogramm machen könnte.

Geheimdienstlich relevanter als seine Zeit als Vize-Verteidigungsminister unter Ex-Präsident Mohammed Chatami bis Anfang 2005 könnten seine Tätigkeiten in den achtziger und neunziger Jahren sein: Damals soll er sich lange Zeit im Libanon aufgehalten haben und bei der Gründung der schiitischen Hisbollah-Miliz federführend beteiligt gewesen sein. Anschließend, so vermuten Geheimdienstkreise, wurde er von der iranischen Staatsführung damit beauftragt, die finanzielle und militärische Unterstützung für die Miliz zu überwachen.

Asgari wäre kein Einzelfall

Ein Übertritt ins Feindesland wäre nicht undenkbar, wie eine ganze Reihe an historischen Beispielen zeigt. Vergleichbare Fälle gibt es zuhauf, gerade im Bereich der Atomtechnik.

Als einer der prominentesten Überläufer gilt der Cousin von Saddam Hussein und damalige Leiter des irakischen Waffenprogramms, Hussein Kamel. Im August 1995 desertierte er zusammen mit seinem Bruder Saddam Kamel nach Jordanien. Im Gepäck hatten sie Kisten voller Dokumente mit Details über die irakischen Versuche, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Bereitwillig gaben sie den dortigen Uno-Inspekteuren Auskunft, die seit 1991 versuchten, die wahren Waffenpotentiale Iraks aufzudecken. Ein Jahr später lockte Saddam Hussein sie mit dem Versprechen der Vergebung zurück - und ließ sie töten.

Besser erging es Masud Naraghi. Noch von Revolutionsführer Ajatollah Khomeini wurde dieser zum Leiter des iranischen Nuklearprogramms berufen. Mitte der achtziger Jahre reiste er in dieser Funktion nach Europa, um sich Wissen und Komponenten für die Urananreicherung zu beschaffen. Doch die vom Regime erhofften Erfolge blieben aus und Naraghi verlor die Verantwortung für das Atomprogramm. Als er 1992 in die Schweiz reiste, setzte er sich in die USA ab und offenbarte sich dem US-Geheimdienst CIA.

Die damalige Regierung legte auf seine sensiblen Informationen nur geringen Wert und bereitete, so urteilen Beobachter, mit dieser Nachlässigkeit dem jetzigen Stand des iranischen Atomprogramms den Boden.

Ein Fehler, der den USA im Falle von Ali Reza Asgari wohl kaum passieren wird.



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