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17. Juli 2009, 12:41 Uhr

Iran

Ex-Präsident Rafsandschani erhöht Druck auf Ahmadinedschad

Inhaftierte Demonstranten freilassen, Berichterstattung erlauben: Irans Ex-Präsident Rafsandschani hat beim Freitagsgebet in Teheran zu einer offenen Debatte über die umstrittene Wahl aufgerufen. Hunderttausende Oppositionelle sind auf den Straßen, Sicherheitskräfte stehen bereit.

Teheran - Der iranische Ex-Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani sieht Iran in einer "Krise". Das sagte er bei dem von der Opposition mit Spannung erwarteten Freitagsgebet in der Teheraner Universität. Viele Iraner hätten Zweifel an der Wahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Gegen diese Sorgen müsse etwas unternommen werden, sagte er und warf der iranischen Führung vor, nicht genügend Toleranz gegenüber dem eigenen Volk zu haben.

Hunderttausende Oppositionsanhänger haben sich in Teheran versammelt. Augenzeugen berichten, nur einige tausend hätten aber den Eingang zur Universität erreicht, wo Rafsandschani auftrat. Im Umkreis von drei Kilometern war das Areal mit einer Menschenmenge gefüllt. Ein Großaufgebot von Polizei und Freiwilligen-Milizen riegelte das Gelände der Universität ab.

Es ist Rafsandschanis erster öffentlicher Auftritt seit Wochen. Im staatlichen Fernsehen wird seine Rede nicht übertragen. Der einflussreiche Ex-Präsident gilt als Unterstützer des Reformpolitikers Mir Hussein Mussawi, der bei der Präsidentschaftswahl Mitte Juni nach - umstrittenen - offiziellen Angaben klar gegen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad unterlegen war.

Rafsandschani rief in Teheran auch zur Freilassung von Oppositionellen auf, die bei den Protesten festgenommen worden waren, und forderte eine Pressefreiheit im Rahmen der iranischen Gesetze. Tausende Anhänger der Opposition sind nach Augenzeugenberichten auf der Straße, um Rafsandschani zu hören. Vor dem Freitagsgebet wurde die Universität von einem Großaufgebot der Sicherheitskräfte abgeriegelt.

Seine Rede begann Rafsandschani mit einem Aufruf an die Anhänger Mussawis, die friedliche Atmosphäre des Freitagsgebets nicht durch Slogans gegen die Regierung zu stören. "Lasst uns die Gelegenheit nutzen, eine bessere Zukunft für unser Land zu schaffen, und die Probleme zu lösen, sagte Rafsandschani. Der erste Teil eines Freitagsgebets ist traditionell religiös geprägt, Koranverse werden rezitiert. Den zweiten Teil bestimmen soziale und politische Themen.

Die Oppositionsanhänger trugen die Farbe Grün als Zeichen des Protestes. Nach Augenzeugenberichten waren am Vormittag Zehntausende unterwegs zur Universität. Sie skandierten: "Keine Angst, keine Angst, wir sind alle zusammen." Sie protestieren weiter gegen die nach ihrer Ansicht gefälschten Ergebnisse der Präsidentschaftswahl vom 12. Juni.

Augenzeugen berichten, die Atmosphäre auf den Straßen Teherans sei ausgesprochen gespannt. Die Polizei soll vor der Universität mindestens 15 Menschen festgenommen haben. Zusammenstöße von Demonstranten und Polizei könnten nicht ausgeschlossen werden. Ausländischen Berichterstattern ist es streng verboten, das Freitagsgebet und die Kundgebungen an Ort und Stelle zu verfolgen.

ore/dpa/Reuters

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