Menschenrechtler in Iran In Haft für ein paar Anstecker

"Ich bin mit der Zwangsverschleierung nicht einverstanden": Das stand auf Ansteckern, die Polizisten bei der Verhaftung von Farhad Meysami sicherstellten. Nun ist er im Gefängnis in den Hungerstreit getreten.

Farhad Meysami
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Farhad Meysami

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Ein paar Bücher und Anstecker sind Farhad Meysami zum Verhängnis geworden. Der Menschenrechtsaktivist aus Teheran steht seit Jahren im Visier der iranischen Behörden. Bei einer Hausdurchsuchung bei Meysami am 31. Juli fand die Polizei mehrere Bücher, die in der Islamischen Republik verboten sind - darunter Schriften des 1998 ermordeten regimekritischen Autors Mohammad Jafar Pouyandeh sowie ein Buch über zivilen Widerstand.

Außerdem stellten die Polizisten mehrere Anstecker sicher, mit den Slogans "Ich bin mit der Zwangsverschleierung nicht einverstanden" und "Ich protestiere gegen die Zwangsverschleierung".

Die Justiz wirft Meysami nun vor, er habe die Sicherheit des Landes stören wollen, indem er Frauen anstachelte, ohne Kopftuch auf die Straße zu gehen. Außerdem habe der 48-Jährige das Kopftuch als Symbol des Islam beleidigt. Zudem wird Meysami beschuldigt, Propaganda gegen den Staat verbreitet zu haben.

In Iran ist Meysami ein bekannter Mann. Er studierte Medizin und arbeitete nach dem Abschluss als Hochschullehrer. Große Popularität erlangte er jedoch als Autor und Verleger von Büchern, mit denen sich angehende Studenten auf die Universität vorbereiten können. Deshalb hat fast jeder Iraner, der in den vergangenen zwanzig Jahren studiert hat, den Namen Meysami schon einmal gehört.

Seit vier Wochen im Hungerstreik

Daneben ist Meysami seit mehr als einem Jahrzehnt politisch aktiv. Er setzt sich für Menschenrechte ein und unterstützt Frauen, die den Schleierzwang ablehnen. Freunde betonen, dass Meysami politisch unabhängig sei und gewaltfreien Widerstand zur obersten Maxime erklärt habe.

Trotzdem sitzt er nun seit dem 31. Juli im Evin-Gefängnis am nördlichen Stadtrand von Teheran. Am Tag darauf trat Meysami in den Hungerstreik. Seit vier Wochen hat er keine Nahrung mehr zu sich genommen. Ein Akt der Verzweiflung: Weil die Behörden ihm vorwerfen, die nationale Sicherheit zu gefährden, hat Meysami keinen freien Zugang zu Anwälten. Als der Rechtsanwalt Arash Keikhosravi am Evin-Gefängnis vorsprach, um den Häftling juristisch zu vertreten, wurde er abgewiesen. Meysami darf lediglich einen Verteidiger von einer Liste aus 20 vom Regime handverlesenen Rechtsanwälten auswählen.

Zwanzig Tage lang saß Meysami in Einzelhaft. Inzwischen wurde er verlegt, seither kann er auch mit seiner Mutter und Freunden kommunizieren. Erst durch ein Telefonat mit ihr am 19. August wurde sein Hungerstreik überhaupt bekannt.

"Ich bin in den Hungerstreik getreten aus Respekt vor meiner Würde und der Würde derer, die wegen haltloser Anschuldigungen verhaftet wurden", ließ Meysami inzwischen über einen Freund mitteilen. "Ich werde mich unter keinen Umständen diesem illegalen Vorgehen beugen."

Nasrin Sotudeh (2013)
ABEDIN TAHERKENAREH/ EPA-EFE/ REX/ SHUTTERSTOCK

Nasrin Sotudeh (2013)

Am Wochenende hat sich eine der bekanntesten iranischen Menschrechtsaktivistinnen Meysami angeschlossen: Nasrin Sotudeh. Die Juristin, die in den vergangenen Jahren etliche inhaftierte Oppositionelle verteidigte, ist eine Weggefährtin der Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Sie selbst wurde 2012 vom Europaparlament mit dem Sacharow-Preis für ihren Einsatz für Menschenrechte geehrt. Seit dem 13. Juni sitzt sie wieder im Gefängnis, und dort hungert sie nun aus Solidarität.

Grünen-Politiker appelliert an Bundesregierung

Sotudeh ist eine Freundin von Farhad Meysami. Nachdem er verhaftet worden war, durchsuchte die Polizei auch ihr Haus sowie die Wohnungen von Verwandten und Freunden zum wiederholten Male. Offenbar wollten die Ermittler Beweise für ihren Vorwurf finden, Sotudeh habe ausländische Diplomaten bei Spionage in Iran unterstützt. "Ich habe keine Wahl, außer in den Hungerstreik zu treten, um gegen die Festnahme und den juristischen Druck auf meine Familie und Freunde zu protestieren", teilte Sotudeh mit.

Seitdem die prominente Anwältin in den Hungerstreik getreten ist, hat das Schicksal der Gefangenen internationale Aufmerksamkeit erlangt - auch in Deutschland. "Die Bundesregierung muss die verzweifelte Lage und die Verletzung der Menschenrechte von Farhad Meysami und Nasrin Sotudeh bei ihren iranischen Partnern umgehend thematisieren und auf die Freilassung der beiden Menschenrechtsaktivisten drängen", fordert der außenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Omid Nouripour.

Wie es für die beiden Gefangenen weitergeht, ist völlig unklar. Ein schneller Prozess mit einer Verurteilung zu mehreren Jahren Haft - das scheint für Meysamis Freunde inzwischen schon das bestmögliche Szenario zu sein. Sie sind tief besorgt über seinen Gesundheitszustand. Wie es ihm genau geht, ist schwer einzuschätzen. Ein Freund fürchtet: "Der Hungerstreik könnte im Tod enden."

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