Kampf um Vorherrschaft Irans gefährlicher Siegeszug

Die iranische Führung knüpft geschickt neue Bündnisse, stärkt ausländische Milizen - und setzt aggressiv ihre Interessen durch. Die Regionalmacht destabilisiert den gesamten Nahen Osten.

Russischer Präsident Putin (l.), Irans Präsident Rohani (in Teheran)
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Russischer Präsident Putin (l.), Irans Präsident Rohani (in Teheran)

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Die Stimmung ist gut, wenn man in diesen Tagen mit iranischen Diplomaten spricht. Kein Wunder, denn Teheran erringt in diesen Tagen in der angespannten Lage im Nahen Osten einen Sieg nach dem anderen - politisch, wirtschaftlich und militärisch.

Seit Langem strebt Irans Führung an, das Land wieder als die Regionalmacht zu etablieren und damit auch die Macht der Schiiten in der islamischen Gemeinschaft zu stärken. In den zurückliegenden Wochen und Monaten ist es Iran gelungen, seine Interessen durchzusetzen und seine Position zu stärken - unabhängig von den internationalen Sanktionen, die trotz des vor zwei Jahren unterzeichneten Atomabkommens zum Teil greifen:

  • Vergangene Woche besuchte Russlands Präsident Wladimir Putin Teheran und unterzeichnete Verträge im Energiesektor im Wert von 30 Milliarden Dollar. Es geht um die Erforschung und Ausbeutung iranischer Öl- und Gasfelder. Es ist eine Win-win-Situation für beide Länder: Die russischen Konzerne Rosneft und Gazprom sichern sich früher als westliche Konkurrenten Rechte in Iran. Und für Teheran bedeutet das: viel Geld und ein strategischer Sieg gegenüber den USA, wo Präsident Donald Trump ständig damit droht, den Atomdeal aufzukündigen und Sanktionen zu verschärfen. Doch Iran signalisiert mit diesen Deals: "Wir sind auf die USA nicht angewiesen!"
  • Die irakische Regierung steht unter Einfluss von Iran. Als es im Nordirak um das Referendum für ein unabhängiges Kurdistan ging, setzte Bagdad die Kurden unter Druck - unterstützt von Iran. Das Referendum fand trotzdem statt und eine überwältigende Mehrheit stimmte für ein unabhängiges Kurdistan, doch inzwischen ist die kurdische Führung davon abgerückt. Der Präsident der autonomen Region Kurdistan im Irak, Massud Barzani, kündigte seinen Abschied an - ein Sieg für Iran.
  • Auch sonst hat Iran sich im Irak politisch und militärisch durchgesetzt. US-Außenminister Rex Tillerson reiste kürzlich in die Golfregion und versuchte, arabische Staaten für die Anti-Iran-Allianz von Trump zu gewinnen. Unter anderem forderte er in Bagdad, die schiitischen "Volksmobilisierungseinheiten" (Haschd al-Schaabi), die vom Irak gegen den IS, aber auch gegen Kurden eingesetzt werden und von Iran finanziert, ausgerüstet und ausgebildet werden, sollten "nach Hause gehen". Iraks Regierungschef Haider al-Abadi lehnte das forsch ab und reiste demonstrativ nach Teheran. Die USA standen düpiert da. Wieder ein Sieg für Iran.
  • Gemeinsam mit Russland hat Iran sich längst in Syrien durchgesetzt und seine Interessen militärisch mit Hilfe von schiitischen Milizen gesichert. Diese kontrollieren inzwischen nicht unwesentliche Teile des syrischen Territoriums. Zwar kämpfen diese Milizen auch gegen den "Islamischen Staat" (IS) und haben zu dessen Schwächung beigetragen, sie stützen jedoch syrische Regierungstruppen. Tatsächlich aber gilt der syrische Präsident Baschar al-Assad als Teil des Problems in Syrien, nicht als Teil einer Lösung.
  • In nahezu allen Hauptstädten der arabischen Nachbarstaaten ist Iran mit schiitischen Milizen präsent oder unterstützt sie - teils offen, teils geheim. Teheran will damit seinen Einfluss in der arabischen Welt stärken.

Doch der wachsende Einfluss Teherans sorgt auch für eine Destabilisierung in der Region: Am Beispiel Libanon wird besonders deutlich, dass im Zentrum der einzelnen Konflikte meist die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran steht - und damit zwischen Sunniten und Schiiten, für die diese beiden Länder stellvertretend stehen. Beide religiösen Strömungen innerhalb des Islam streiten seit 1300 Jahren über die Erbfolge und mithin darüber, wer den "wahren" Islam vertritt.

Hinzu kommt die Feindschaft zwischen Iran und Israel, stellvertretend für die zwischen Muslimen und Juden - hier wiederum funktioniert das Prinzip "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" nicht, Saudi-Arabien ist keineswegs ein Verbündeter Israels, sondern steht diesem Staat ebenso feindselig gegenüber wie Iran.

Diese aus Sicht Irans außenpolitischen Erfolge nutzen dem Regime in Teheran auch innenpolitisch, denn das sitzt längst nicht so fest im Sattel, wie es den Anschein haben mag. Iran, bis zur "Islamischen Revolution" 1979 durch Ajatollah Khomeini ein durchaus modernes, aber vom Schah von Persien autoritär regiertes Land, in dem die Menschen sich zum Beispiel kleideten, wie sie wollten, ist bis heute tief gespalten. Die iranische Gesellschaft ist zerstritten über die Frage, ob die Islamische Republik Iran wirklich ein Gottesstaat sein soll oder doch eine säkulare Republik.

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RalfHenrichs 08.11.2017
1. Richtig: der Irak destabilisiert den Nahen Osten
Richtig aber auch: Russland destabilisiert den Nahen Osten, Syrien destabilisiert den Nahen Osten, die USA destabilisieren den Nahen Osten, die Türkei destabilisiert den Nahen Osten, Saudi-Arabien destabisiert den Nahen Osten, Deutschland destabilisiert den Nahen Osten. Habe ich jemand vergessen? Wahrscheinlich.
j.cotton 08.11.2017
2. Sie macht also das...
...was praktisch jede andere Macht, zumindest im nahen Osten, auch macht.
GustavN 08.11.2017
3.
Man braucht jetzt auch nicht so tun, als ob der Iran der einzige destabilisiernde Faktor der Region ist. Da gibt es noch Saudi-Arabien, die USA, die EU und Russland sowie im weiten Sinne sogar China.
thormueller 08.11.2017
4. Überaus erstaunliche Worte
Interessant an diesem Artikel ist, dass mit jedem Spiegelpunkt deutlicher wird, dass der Tölpel, der aktuell das Weisse Haus in Washington besetzt wohl tatsächlich Recht hat. Der Iran ist eine ernsthafte und stetig wachsende Bedrohung. Für seine Nachbarn, für Sunniten, für Juden, für den Staat Israel und leider auch für uns. Weil die Worte aber aus dem Mund eines Cosmoproleten stammen und der Amerikaner sowieso ein einfältiges und böses Naturell mit sich herumträgt, kaufen wir uns lieber eine TAZ und schwärmen von Döner Kebap am Strand von Wangerooge bei Sonnenuntergang. Das Idyll lassen wir uns von einem Donald Trump nicht kaputtmachen.
whitewisent 08.11.2017
5.
Klar, der Iran ist die Gefahr. Welcher Journalist kommt angesichts der Ereignisse der letzten 20 Jahre immer noch zu diesem Ergebnis? Bis auf die Hisbollah sind derzeit alle terroristischen Strukturen streng sunnitisch eingestellt, und werden von Saudi-Arabien und den Emiraten gestützt. Wie Gestern Abend im ZDF zu erfahren war, gehen 5% der saudischen Öleinnahmen in die weltweite Förderung des Wahabismus, der uns in Deutschland die Salafistenbewegung bescherrt. Aber der Iran ist der destabilisierende Faktor? Welcher andere Staat in Nahost hat seit fast 40 Jahren eine solche innenpolitische Kontinuität? Und nur am Rande, man kann den Klerus im Iran kritisieren, aber es ist ein demokratischer Staat, mit einen frei gewählten Präsidenten und Parlament an der Spitze, nicht einem König oder Emir. Frieden in Syrien, Libanon und dem Irak kann es ohne den Iran nicht geben, da der nunmal einer der beiden stärksten Staaten vor Ort ist. Vieleicht einfach nochmal die Alternativen durchzählen? Türkei, Ägypten, Algerien, Marokko, Saudi Arabien, Pakistan - welcher andere Nah-Ost-Staat wäre denn Herr Kazims Meinung nach der bessere Stabilisator? Im Libanon bricht gerade die nächste Zivilgesellschaft vom Westen allein gelassen zusammen und die Radikalisierung ist absehbar. Und die trumpsche USA ist nicht wirklich Willens und in der Lage einzugreifen, die haben genug damit zu tun, Israel und Katar zu schützen.
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