Iran-Krise Soldaten verkaufen Gefangenenberichte - Militärs empört

Todesangst, Psycho-Folter, grenzenlose Freude nach der Freilassung: In britischen Zeitungen sind heute die ersten Erlebnisberichte der 15 Soldaten über ihre Gefangenschaft in Iran erschienen - Offiziere und Opposition sprechen von "würdeloser" Geschäftemacherei.


London - Sie erzählen von Todesangst, von psychischer Folter und von ihrer Erleichterung, als sie endlich wieder in Freiheit waren - in britischen Medien erschienen heute die ersten bezahlten Erlebnisberichte britischer Soldaten über ihre Gefangenschaft in Iran.

Marinesoldat Arthur Batchelor (mit seiner Mutter) stellt sich nach der Freilassung der Presse: Todesangst in Gefangenschaft
AP

Marinesoldat Arthur Batchelor (mit seiner Mutter) stellt sich nach der Freilassung der Presse: Todesangst in Gefangenschaft

Gleichzeitig ist in Großbritannien ein heftiger Streit darüber entbrannt, ob die Entscheidung des britischen Verteidigungsministeriums, den Marineangehörigen die Vermarktung ihrer Geschichten zu erlauben, angemessen war. Politiker der Opposition, Offiziere und Hinterbliebene von im Irak getöteten Soldaten kritisierten die Honorarverträge für Interviews als "würdelose" Geschäftemacherei. Die Regierung verteidigte die Genehmigung dafür mit "besonderen Umständen".

Die einzige Frau unter den Gefangenen schilderte der Boulevardzeitung "The Sun" wie sie gefürchtet habe, dass die Iraner für sie einen Sarg zimmerten. Unweit ihrer Zelle habe sie Geräusche vernommen, die sich wie das Sägen von Holz und das Hämmern von Nägeln anhörten, erzählte die 26-jährige Faye Turney. Zugleich habe eine Frau ihren Körper vermessen. "Ich war überzeugt, dass sie meinen Sarg bauen."

Turney berichtete auch, sie habe Angst gehabt, vergewaltigt zu werden. Geständnisse vor iranischen Fernsehkameras sowie von Teheran veröffentlichte Briefe von ihr, wonach die 15 Briten am 23. März illegal in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen waren, seien durch die gezielte Schürung von Angst zu Stande gekommen. Die Iraner hätten den Briten gedroht, sie müssten wegen Spionage "viele Jahre" ins Gefängnis, wenn sie keine Geständnisse ablegten. Sie sei sich nach dem erzwungenen Geständnis "wie eine Verräterin" vorgekommen, sagte die Frau dem privaten Fernsehsender ITV. Aber sie habe geglaubt, dies sei die einzige Chance gewesen, ihre kleine Tochter wiederzusehen.

Der Jüngste lobt tapfere Soldatin Turney

Der 20-jährige Arthur Batchelor wurde vom "Daily Mirror" mit den Worten zitiert, er sei während seiner Gefangenschaft außer sich vor Angst gewesen. Er habe den Eindruck gehabt, als Jüngster der Gruppe ganz besonders schikaniert zu werden. Die Iraner hätten ihn in Anlehnung an den TV-Komiker immer "Mr. Bean" genannt. Ein Wachmann habe ihm ständig mit Daumen und Zeigefinger den Hals umfasst, so dass er das Schlimmste befürchtet habe.

Batchelor lobte die Tapferkeit seiner Kameradin Turney. Diese habe ihn immer wieder gut zugeredet und wieder aufgebaut. Dafür habe sie sogar die Drohungen der iranischen Aufpasser ignoriert und riskiert, von diesen geschlagen zu werden.

Wie viel Geld Turney und Batchelor für ihre Aussagen erhielten, blieb unklar. Die "Sunday Times" berichtete, allein Turney könne bis zu 150.000 Pfund (220.000 Euro) kassieren. Die Soldatin selbst erklärte, sie sei nicht auf das höchste aller Angebote eingegangen. Die sieben Marineinfanteristen der Gruppe vereinbarten laut Medienberichten, ihre Einnahmen zu teilen und zehn Prozent an einen wohltätigen Militärfonds abzuführen.

Iran konterte die dramatischen Soldatenberichte mit einem Video, das die Briten in bester Laune beim Schach- und Tischtennisspiel zeigte. Darin ist auch zu sehen, wie sie sich zusammen ein Fußballspiel im Fernsehen ansehen und an einem langen mit Blumen geschmückten Tisch essen. Der Moderator betonte, das Video beweise, dass die Seeleute während ihrer Gefangenschaft viele Freiheiten genossen hätten.

Opposition fordert Untersuchung

Die Opposition in London forderte eine Untersuchung der über Ostern bekannt gegebenen Entscheidung des Verteidigungsministeriums, bezahlte Interviews der Ex-Gefangenen zu erlauben. Wenn Soldaten Storys verkaufen dürften, werde "der Respekt für sie verloren gehen", sagte der außenpolitische Sprecher der Konservativen Partei, William Hague. Der frühere konservative Verteidigungsstaatssekretär Lord Heseltine sagte, er sei "tief geschockt" gewesen, als er von der Genehmigung des Ministeriums hörte.

Scharfe Kritik kam auch aus dem Militärapparat. Generalmajor Patrick Cordingly, der 1991 im ersten Golfkrieg die britischen Truppen im Irak kommandiert hatte, sagte der BBC, es sei "bedauerlich", dass das Verteidigungsministerium die Marinesoldaten auf diese Weise "fast wie ein Propagandawerkzeug" benutze. Damit solle die Öffentlichkeit ganz bewusst gegen Iran aufgebracht werden, anstatt einen Dialog mit Teheran anzuregen. Tim Collins, ebenfalls ehemaliger Irak-Kommandeur, sprach von einer "Schande" für die britischen Streitkräfte.

Sally Veck, Mutter einer im Irak getöteten britischen Soldatin, sagte: "Als Mitglied der Streitkräfte sollte man seine Pflicht erfüllen und nicht erwarten, Geld zu verdienen, indem man Storys darüber verkauft."

Auch einer der ehemaligen Gefangenen äußerte sich kritisch zur Vermarktung der Gefangenen-Krise. Felix Carman sagte GMTV, dass sein Kamerad Chris Air und er selbst kein Geld für ihre Geschichten annehmen würden. "Ich persönlich finde die Sache ein bisschen anstößig, aber ich missgönne es niemandem, der so etwas Furchtbares mitgemacht hat, dass er ein wenig Profit daraus schlägt. Faye Turney etwa hat eine kleine Tochter und das Geld könnte für sie ein gute Lebensgrundlage sein."

Das Ministerium verteidigte seine Sondergenehmigung für die Interviews. Die Verantwortlichen erhielten so einen Überblick über das, was die Soldaten erzählen werden, hieß es in einer Erklärung. Die Behörde biete den Soldaten zudem Unterstützung beim Umgang mit den Medien. Andernfalls gelangten die Geschichten durch Freunde und Verwandte in die Medien.

Die 15 Briten, die am 23. März von iranischen Soldaten im Persischen Golf festgenommen wurden, waren am vergangenen Mittwoch überraschend frei gekommen. Teheran beschuldigt sie, in iranische Gewässer eingedrungen zu sein, Großbritannien hat dies stets zurückgewiesen.

phw/dpa/AP/reuters



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