Iranische Schauspielerin Wangenkuss in Cannes löst Politik-Skandal aus

Leila Hatami, eine iranische Schauspielerin, gehört zur Film-Jury in Cannes. Dort begrüßte sie einen französischen Kollegen mit Wangenkuss. Nun beschimpft Irans Vize-Kulturminister sie als unanständig.


Bisher hat die iranische Schauspielerin Leila Hatami auf dem Filmfest in Cannes Glanzauftritte hingelegt. Ob im eleganten Mantel oder langärmligen Kleid - täglich zeigt sie, dass Mode mit den Kleidungsvorschriften der Islamischen Republik kompatibel sein kann.

Das Filmfest in Cannes ist ein Drahtseilakt für die 41-Jährige. Denn auch wenn Leila Hatami für ihre Verdienste in der Schauspielkunst zum Mitglied der neunköpfigen Jury ernannt wurde und nicht als offizielle Vertreterin Irans, wird sie doch immer auch als solche wahrgenommen.

Im Westen bestaunen manche die Iranerin mit dem Kopftuch. Hatami steht für sie dafür, dass weibliches Selbstbewusstsein und Islam sich nicht ausschließen.

Hatami habe sich unanständig verhalten, heißt es aus Teheran

Nicht ohne Stolz hatten Irans Staatsmedien zunächst verkündet, dass Hatami Teil der internationalen Cannes-Jury vom 14. bis 25. Mai sein würde - und scharf verurteilen sie nun ihren vermeintlichen Fauxpas: Das iranische Staatsfernsehen zeigt Aufnahmen der Jury-Mitglieder auf dem roten Teppich - die Regisseurin Sofia Coppola etwa, die Schauspieler Gael García Bernal und Willem Dafoe, und auch Leila Hatami. Der 83-jährige Gilles Jacob, Filmfest-Chef und Regisseur, kommt auf die Gruppe zu - und wie in Frankreich üblich - küsst er die Frauen auf die Wange, links, dann rechts.

"Unanständig" heißt es prompt aus Teheran. "Diejenigen, die internationale Veranstaltungen besuchen, sollten auf Glaubwürdigkeit und Züchtigkeit achten, sodass nicht ein schlechter Eindruck der Iranerinnen in der Welt entsteht", sagte Irans Vize-Kulturminister Hossein Noushabadi dem iranischen Staatsradio.

Die iranische Frau sei ein Symbol von Keuschheit und Unschuld, referierte der Vize-Kulturminister weiter. Hatami habe sich klar danebenbenommen. Ihr Auftritt auf dem roten Teppich "entspricht nicht unseren religiösen Glaubensgrundsätzen".

Händeschütteln kann unter Umständen erlaubt sein, Küssen nicht

Hatami, die preisgekrönte Schauspielerin, die 2011 für ihre Rolle in dem iranischen Film "Nader und Simin, eine Trennung" auf der Berlinale ausgezeichnet wurde, wird gemaßregelt wie ein vorlautes Kind.

Denn zwar dürfen Frauen in Iran Auto fahren und arbeiten. Manche sind auch Chefinnen in Kultur, Wirtschaft und Politik; die aktuelle Regierung von Präsident Hassan Rohani setzt sich für weniger Diskriminierung ein. Doch wie sich Frauen in der Öffentlichkeit zu verhalten und zu kleiden haben, wird gesetzlich streng geregelt.

Hatamis Wangenkuss ist in den Augen der Erzkonservativen Irans ein Tabubruch. Denn jeder physische Kontakt zwischen einer Frau und einem Mann, der nicht ihrer Familie angehört, gilt in der Islamischen Republik als verboten.

Der Oberste Revolutionsführer Ali Chamenei selber müht sich, seinen Landsleuten Verhaltenstipps mit auf Reisen ins westlichen Ausland zu geben. Auf seiner Webseite hat er folgenden Ratschlag parat: Da es dort Usus sei, dürfe man als Frau ruhig auch mal männliche Hände schütteln, um den westlichen Gastgeber nicht zu beleidigen. Doch müsse man dabei unbedingt Handschuhe tragen und nicht zu fest zudrücken.

Wie sich eine Frau zur französischen Kuss-Begrüßungen verhalten soll - darüber hat der Ajatollah sich jedoch nicht verbreitet.

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