Iraner über Ende der Sanktionen "Als würde neues Blut in unseren Körpern fließen"

Jahre der Abschottung sind vorbei - nun beginnt für Iran eine neue Epoche. Oder? Viele hoffen mit dem Ende der Sanktionen auf ein besseres Leben. Doch es gibt auch Skepsis. Wir haben Stimmen im Land gesammelt.

Frauen in Teheran: Der Atom-Deal bringt Hoffnung auf Veränderung
DPA

Frauen in Teheran: Der Atom-Deal bringt Hoffnung auf Veränderung

Von Stephan Orth


Mit dem Fall der Sanktionen endet für Iran auch die langjährige Isolation vom Rest der Welt. Ein Erfolg für Politik und Diplomaten, gute Aussichten für Industrie und Großkonzerne - keine Frage.

Doch was ist mit dem Menschen im Land, die unter den harten Beschränkungen leiden mussten? Wie denken die Iraner selbst über die Zukunft ihres Landes? Was erhoffen sie sich vom Ende der Blockade?

Wir haben Einheimische per E-Mail und via Messenger befragt, was die neue Situation für sie bedeutet. Weil politische Äußerungen nicht ohne Risiko sind, wurden teilweise die Namen der Befragten geändert und die Nachnamen weggelassen. Die tatsächlichen Daten sind der Redaktion bekannt.

Feiernde in Teheran (im Juli 2015): "Nicht mehr von der Welt isoliert"
AFP

Feiernde in Teheran (im Juli 2015): "Nicht mehr von der Welt isoliert"

Viele gaben an, froh über den Wandel zu sein und neue Hoffnung zu schöpfen

"Das ist, als würde neues Blut in unseren Körpern fließen. In Teheran freuen sich die meisten über diesen Erfolg und hoffen auf eine Verbesserung der Bedingungen. Allerdings sind auch viele skeptisch, was die Vereinbarung angeht. Aber das ist nur, weil sie nicht glauben können, dass mal etwas Gutes in ihrem Leben passiert. Das Beste an dem Ganzen ist, dass wir nun nicht mehr von der Welt isoliert sein werden."

Shahab, 33, IT-Spezialist aus Teheran


"Die unfairen Sanktionen hatten einen destruktiven Effekt auf die Menschen, die Nuklearenergie nur als friedliche Energiequelle haben wollten. Es ist wohl nicht nötig, die schlimmen Auswirkungen der Sanktionen auf unsere Logistikmöglichkeiten und Industrie zu erläutern. Die Einigung schafft Hoffnung auf eine neue Zukunft, aber wir werden nie die Lektionen vergessen, die wir durch das Embargo gelernt haben. Unser Technologiepotenzial wurde nicht ausgenutzt und unterschätzt, sogar von uns selbst. Ohne die Sanktionen können wir nun sehen, wozu Iran in der Lage ist."

Hamed, 27, Ingenieur aus Isfahan


"Die Sanktionen waren von Anfang an unfair und unnötig. Aber ich bin froh, dass die Diplomatie gewonnen hat. Iran und die Welt sollten mehr miteinander sprechen, um zu verstehen, dass die Unterschiede nicht so groß sind und sich alle Frieden, Entwicklung und Fortschritt wünschen."

Sahar, 27, Chemikerin aus Tabriz


Junge Menschen in Shiraz: "Natürlich ist das eine positive Entwicklung"
Stephan Orth

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Doch bei vielen herrscht auch Skepsis vor - schon zu oft haben insbesondere modern eingestellte Iraner erlebt, wie Hoffnungen von der Politik enttäuscht wurden

"Es ist immer besser, die positiven Aspekte politischer Entscheidungen zu sehen, um Hoffnung zu haben, unsere Ziele zu erreichen. Aber ich habe festgestellt, dass die meisten Politiker Lügner sind. Sie interessieren sich nicht für die Menschen, sondern nur für sich selbst und ihre Macht. Da gibt es keinen Unterschied zwischen der iranischen und der amerikanischen Regierung. Momentan gibt es zwei entgegengesetzte politische Strömungen - die einen sind froh über den Atomvertrag, die anderen sehr stark dagegen. Ich sehe keine Einigkeit. Eine der Nuklearanlagen befindet sich in der Nähe meiner Stadt. Hunderte Menschen sind deshalb an Krebs erkrankt. Die Verantwortlichen interessieren sich nicht für das Leben der Menschen."

Nilufar, 28, Lehrerin aus Isfahan


"Meine Familie und ich und viele andere haben den Atomdeal nicht gefeiert wie viele andere. Aber natürlich ist das eine positive Entwicklung, und alle sind glücklich. Iraner hoffen, dass die Wirtschaft einen Boom erleben wird, aber das wird noch einige Zeit dauern."

Reza, 41, Englischlehrer aus Shiraz


"Die Iraner haben teuer für die Politik dieses Regimes bezahlt. Das beste Ergebnis der Sanktionen wäre gewesen, wenn diese Regierung abgesetzt worden wäre. Denn die Machthaber repräsentieren nicht die Menschen in Iran. Die internationalen Großmächte haben eine lange Tradition, wenn es darum geht, diktatorische Regime für ihre eigenen Interessen zu unterstützen."

Mohammed, 60, Tischler aus Isfahan

Teheran bei Nacht: Es wird noch dauern, bis Veränderungen spürbar sind
Stephan Orth

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
HeisseLuft 19.01.2016
1. Nun, viel Glück
Vielleicht gelingt es ihnen ja auch irgendwann die Geistlichkeit in ihre Schranken zu verweisen. Hoffentlich ohne großes Blutvergießen.
spiegeljuf 19.01.2016
2. cui bono ?
will man mit dem weiteren Überangebot an Öl nun dem Herrn Putin oder den Saudis noch weiter in die Kniekehlen treten ? Oder braucht VW dringend nen Absatzmarkt ? Jedenfalls geht es nicht darum, dass der Iran keine Atomwaffen herstellen könnte. Wie so vieles in der "Politik" unserer Politiker wird auch dieser Schachzug nur ein Schachzug bleiben. Übermorgen wird alles wieder anders sein. Und dann werden wir wieder eingeschworen auf ne neue Koalition der Willigen.
nahal 19.01.2016
3. skepsis
Die Tinte war noch nicht trocken, da hat der Iran Verträge gebrochen. Balistische Raketentests sind dem Iran mittels einer UN-Resolution verboten. Krazt die Mullahs nicht. Und Obama und Steinmeier wagen es nicht, etwas dagegen zu tun.
Atheist_Crusader 19.01.2016
4.
Zitat von HeisseLuftVielleicht gelingt es ihnen ja auch irgendwann die Geistlichkeit in ihre Schranken zu verweisen. Hoffentlich ohne großes Blutvergießen.
Schön wär's, aber ich seh da wenig Chancen. Der Klerus wird seine Macht nicht einfach aufgeben, nur weil es dem Volk so gefallen würde. Und er ist dem Beispiel vieler Diktaturen gefolgt und hat sein eigenes Militär aufgebaut: die Revolutionsgarden. Sollte es zum Versuch eines Systemwechsels kommen, würden diese aufseiten des Ayatollahs kämpfen. Das beste worauf das Volk hoffen könnte, wäre wenn sich das normale Militär auf ihre Seite stellt... und selbst dann wäre das Resultat ein ziemlich unschöner Bürgerkrieg. Den einzig friedlichen Ausweg den ich da sehe wäre, dass ein Ayatollah an die Macht kommt der das Ganze freiwillig beendet. Aber der Posten fällt traditionell nicht gerade an Progressive und Reformer.
manni.baum 19.01.2016
5. neues Blut
das könnte eine Täuschung sein durch den gestiegenen Konsum von 60 Millionen Liter Alkohol, oder wie Mathias Tretter formuliert : bitte ein Bit für den Schiit.
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