Regimegegnerinnen in Iran Hungern gegen Haftbedingungen

Narges Mohammadi und Nazanin Zaghari-Ratcliffe sind krank - und aus politischen Gründen in Iran im Gefängnis. Eine rasche Freilassung der Frauen gilt als unwahrscheinlich. Nun wollen sie sich Zugang zu einem Arzt erhungern.

Nazanin Zaghari-Ratcliffe (l.) mit Tochter Gabriella (Archivbild)
AFP/ FREE NAZANIN CAMPAIGN

Nazanin Zaghari-Ratcliffe (l.) mit Tochter Gabriella (Archivbild)

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Das Evin-Gefängnis in Norden von Teheran ist weit über die Grenzen der iranischen Hauptstadt bekannt - und berüchtigt. Die Bedingungen in der Haftanstalt gelten als besonders brutal. Zwei Frauen, die dort seit Jahren sitzen, sind Narges Mohammadi und Nazanin Zaghari-Ratcliffe.

Sie sind beide krank, das hat sogar ein Gefängnisarzt bestätigt. Trotzdem verweigert die iranische Justiz den beiden Frauen ohne Angaben von Gründen notwendige Untersuchungen und Behandlungen.

Mohammadi und Zaghari-Ratcliffe haben sich nun zu einem drastischen Schritt entschieden, um gegen ihre Haftbedingungen zu protestieren. Vom 14. bis 16. Januar wollen die beiden Frauen in einen befristeten Hungerstreik treten. Das schreiben sie in einem gemeinsamen öffentlichen Brief.

Zwei prominente Gefangene des Regimes

Die beiden gehören zu den bekanntesten politischen Gefangenen in Iran. Die Menschenrechtsaktivistin Mohammadi ist Vizepräsidentin des Zentrums für Menschenrechte, das von der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi gegründet wurde.

Mohammadi ist seit 1998 immer wieder inhaftiert und unter anderem wegen "Gründung einer verbotenen Gruppierung", "Versammlung und Verschwörung gegen die nationale Sicherheit" und "Verbreitung von Propaganda gegen das System" mehrfach zu langen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

Zuletzt verurteilte ein Revolutionsgericht in Teheran Mohammadi im Mai 2016 zu insgesamt 16 Jahren Haft. Die 46-Jährige ist schwer krank. Sie leidet an einem Blutgerinnsel in ihren Lungen und an einer neurologischen Erkrankung, die zu Krampfanfällen und Lähmungserscheinungen führt.

Mohammadi ist Mutter von elfjährigen Zwillingen. Sie leben bei Mohammadis Ehemann Taghi Rahmani, der 2012 nach Absitzen einer Freiheitsstrafe ins Exil nach Frankreich floh. Zuletzt durfte Mohammadi im Sommer 2015 mit ihren Kindern telefonieren.

Boris Johnson machte alles nur noch schlimmer

Zaghari-Ratcliffe besitzt die britische und die iranische Staatsangehörigkeit. Sie ist Mitarbeiterin der Journalistenstiftung von Thompson Reuters. Im April 2016 wurde sie am Ende eines Familienbesuchs in Iran am Flughafen von Teheran festgenommen und ein halbes Jahr später zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Narges Mohammadi (Archivbild von 2007)
AP

Narges Mohammadi (Archivbild von 2007)

Der Prozess fand hinter verschlossenen Türen statt, deshalb ist bis heute nicht ganz klar, für was Zaghari-Ratcliffe genau bestraft wurde. Offenbar beziehen sich die Vorwürfe auf ihre Zeit als Mitarbeiterin des BBC World Service Trust, einer Organisation, die Blogger und Bürgerjournalisten weltweit schult - auch in Iran.

Von Februar 2009 bis Oktober 2010 arbeitete Zaghari-Ratcliffe für den BBC World Service Trust, nach Angaben der Organisation war sie jedoch nur administrativ und nicht inhaltlich tätig.

Im November 2017 brachte der damalige britische Außenminister Boris Johnson Zaghari-Ratcliffe zusätzlich in Bedrängnis, als er behauptete, die Frau habe Iranern sehr wohl das journalistische Handwerk beigebracht. Die Inhaftierte musste daraufhin erneut vor einem Richter erscheinen, Johnson nahm die Äußerungen nach knapp zwei Wochen zurück.

Mehr als tausend Tage hinter Gittern

Im August 2018 durfte die Frau für drei Tage das Evin-Gefängnis verlassen, damit sie ihren Ehemann Richard Ratcliffe und ihre vierjährige Tochter Gabriella treffen konnte. Kurz darauf erlitt sie in Haft eine Panikattacke und wurde kurzzeitig ins Gefängniskrankenhaus verlegt.

Die 40-Jährige leidet zudem an Taubheitserscheinungen in Armen und Beinen. Außerdem hat Zaghari-Ratcliffe nach Angaben ihres Mannes Knoten in der Brust ertastet, die untersucht werden sollten. Das verweigert die iranische Justiz ebenso wie den Kontakt zu einem externen Psychiater.

Am vergangenen Freitag verbrachte die Frau den tausendsten Tag hinter Gittern. Der britische Außenminister Jeremy Hunt sagte zu diesem Anlass, Iran missbrauche Zaghari-Ratcliffe als Pfand, um damit Zugeständnisse abzupressen.

Streit über 40 Jahre alten Waffendeal

Ein Richter soll ihr im vergangenen Jahr gesagt haben, es gehe um einen Waffendeal, den Großbritannien und Iran in den Siebzigerjahren geschlossen hatten. Damals hatte der Schah Chieftain-Panzer im Vereinigten Königreich geordert und vorab bezahlt.

Nach der Islamischen Revolution 1979 weigerte sich London, die Rüstungsgüter zu liefern, zahlte bis heute aber nur einen Teil der Vorauszahlung zurück. Darüber, wie viel Geld noch aussteht und welche Zinsen seither möglicherweise angehäuft wurden, streiten beide Regierungen seit knapp vier Jahrzehnten. Eine Einigung ist nicht in Sicht - auch wegen der Sanktionen gegen Iran.

Die Hoffnung auf eine rasche Freilassung scheinen beide Frauen fürs Erste aufgegeben zu haben. In ihrem offenen Brief geht es nur darum, die Zeit im Gefängnis ein bisschen erträglicher zu gestalten. Für den Fall, dass die iranische Justiz ihre Forderungen nach medizinischer Behandlung ignoriert, kündigen sie "weitere Schritte" an.



insgesamt 8 Beiträge
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Galgenstein 05.01.2019
1. Der Iran ist eine Diktatur. Damit ist ihm die Unterstützung
zahlreicher Blogger und Foristen gewiss. In deren Perspektive sind Menschenrechte abdingbar. Wenn Menschen sich für Menschen oder Menschenrechte im Iran starkmachen, sind sie eben ausländische Agenten. Ordentliche Iraner würden niemals gegen die Obrigkeit aufbegehren, sondern als fromme Untertanen ihre Gebete verrichten und auf die Geistlichkeit hören. Die Zustände im Iran sind schlimm. Schlimmer aber noch sind die zahlreichen Poster, die mit ihren Kommentaren dem Regime dort verbal zur Seite springen. Ohne Not und aus der Freiheit heraus, von der sie im Iran nichts wissen wollen.
Anandamid 05.01.2019
2. Sofern Gift im Spiel war
...nützt ein Arzt nicht wirklich etwas. Mangels Ahnung und Diagnose-Möglichkeiten. Zudem ist fraglich, wo man einen neutralen Arzt her bekommen kann. Nichts liegt mir ferner, als die Briten aufzumunitionieren, ich sag es nur mal so in den leeren Raum hinein.
hector-konrad 05.01.2019
3.
Wenn der Gefängnisarzt da war, dann wird er doch nicht nur hingeschickt um zu gucken was sie hat? Um nur zu wissen was sie hat? Um dann ganz fies zu sein und sie sterben lassen? Wer sterben lassen will, der schickt auch vorher kein Arzt hin.
awes 05.01.2019
4. Urlaub im Iran
... und das öffentlich rechtliche Fernsehen sendete kürzlich ein nettes Filmchen, wie hübsch der Iran als Urlaubsland ist. Angesichts der menschenrechtlichen Situation erscheint mir das super unpassend.
wernerz 05.01.2019
5. Warum so umständlich ?
Zitat von awes... und das öffentlich rechtliche Fernsehen sendete kürzlich ein nettes Filmchen, wie hübsch der Iran als Urlaubsland ist. Angesichts der menschenrechtlichen Situation erscheint mir das super unpassend.
Die Türkei ist doch auch ein schönes Urlaubsland und liegt näher, wenn mann einen unbeschwerten Urlaub verbringen möchte!!
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