Abstimmung Gemäßigte Konservative liegen nach Wahlen in Iran vorn

In Iran könnten die reformorientierten Kandidaten so stark abschneiden wie zuletzt vor zwölf Jahren. Auch im Rennen um Sitze im Expertenrat liegen die Gemäßigten ersten Zählungen zufolge klar vor den Hardlinern.

Wahllokal in Teheran: Wegen des hohen Andrangs wurde die Abstimmung um sechs Stunden verlängert
AP/dpa

Wahllokal in Teheran: Wegen des hohen Andrangs wurde die Abstimmung um sechs Stunden verlängert


Nach der Parlamentswahl in Iran gibt es erste Ergebnisse. Die bisherigen Auszählungen weisen in der Hauptstadt Teheran auf einen überwältigen Erfolg der Reformer hin. Das Lager um Präsident Hassan Rohani holte in der Provinz Teheran 29 der 30 zu vergebene Sitze im Parlament. Die großen Verlierer der Wahl sind die konservativen Hardliner. Sie konnten einen einzigen Sitz erringen.

"Das Volk hat einmal mehr gezeigt, welche Macht es besitzt und seinem gewählten Parlament mehr Glaubwürdigkeit und Kraft verliehen." sagte Präsident Rohani nach Bekanntwerden der ersten Ergebnisse. "Der Wettkampf ist vorbei. Es ist an der Zeit ein neues Kapitel für die wirtschaftliche Entwicklung des Iran zu öffnen - basierend auf inländischen Fähigkeiten und internationalen Chancen."

Ein offizieller Sprecher des Innenministeriums sagte, dass die Stimmauszählung in Teheran und weiteren Städten noch nicht abgeschlossen sei. In einigen Wahlbezirken dürfte es dem Innenministerium zufolge zu Stichwahlen kommen, weil keiner der Kandidaten mindestens 25 Prozent der Stimmen erhalten hat.

Die Wähler stimmten am Freitag auch über die 88 Sitze im Expertenrat, dem wichtigsten religiösen Gremium des Landes, ab. Dabei liegen die beiden Spitzenkandidaten der gemäßigten Konservativen klar vor den Hardlinern.

Laut Innenministerium führen der ehemalige Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani und Präsident Hassan Rohani in der Liste für die Hauptstadt Teheran. Das Top-Trio der Hardliner mit den Ajatollahs Ahmad Dschannati, Mohammed Jasdi und Mesbah Jasdi liege abgeschlagen auf den Plätzen 10, 12 und 16.

Wahllokale blieben länger geöffnet

An der Parlamentswahl in Iran haben sich rund 60 Prozent der Wahlberechtigten beteiligt. Wegen des hohen Andrangs auf die Wahllokale wurde die Abstimmung um sechs Stunden verlängert. Die endgültigen Ergebnisse werden laut Nachrichtenagentur Fars am Dienstag erwartet.

Die Abstimmung gilt als erster Stimmungstest nach dem im Vorjahr zwischen Teheran und dem Westen geschlossenen Atomabkommen und der Aufhebung von Wirtschaftssanktionen im Januar. Um die 290 Parlamentssitze bewerben sich mehr als 4800 Kandidaten, darunter knapp 500 Frauen. Von der hohen Wahlbeteiligung könnten die Modernisierer profitieren.

Im Expertenrat konkurrieren hochrangige Kleriker aus beiden Lagern. Dabei ist die Teheran-Liste der gemäßigten Konservativen mit dem früheren Präsidenten Akbar Haschemi Rafsandschani und Rohani stärker besetzt. Obwohl der Expertenrat nicht in aktuelle politische Entwicklungen involviert ist, hat das Ergebnis der Wahl Bedeutung. Das Gremium wurde jahrelang von erzkonservativen Klerikern geleitet. Nach Meinung von Beobachtern könnte ein Sieg der Gemäßigten den Einfluss dieser Kleriker erheblich reduzieren.

asc/dpa/Reuters/AP



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
aktenzeichen 27.02.2016
1. Was für welche Reformen sind denn hier bemeint?
Wenn nicht einmal der Marokkanische König Gesetze erlassen kann, die dem Islam widersprechen (siehe Prof. BAssam Tibi, "Der wahre Imam"), wie soll dann ein x-belieber Gewählter das tun können? Also: Ich vermute, hier wird alter Wein in neuen Schleuchen verkauft!
boguspomp 27.02.2016
2. Hassan Ali Mansur, PM des Iran
wurde 1965 von iranischen Islamisten ermordet, und Rafsandschani war daran beteiligt, wie er später selbst zugegeben hat. Er hat die Waffe besorgt, mit welcher Mansur erschossen wurde. Weshalb wird Rafsandschani hier als "Reformer" tituliert? Hat SPON so ein kurzes Gedächtnis oder ist das Spiegel-Archiv abgebrannt?
tripler 27.02.2016
3. Unterstützung für Rohani
Nach der Wahl vom Reformer Rohani zeigen die Iraner die 2009 zu Millionen friedlich gegen die damalge Konservative Regierung protestiert hatten wieder einmal dass sie für Fortschritt und Modernität sind. Befasst man sich mit den Menschen im Iran, wie es diese Facebook Seite: https://www.facebook.com/pages/Iran-Photos-Personalities/275357125949953 Eindrucksvoll und Bilder reich macht dann ist diese Entwicklung nicht verwunderlich. Ich wünsche dass Rohani mit einem Parlament dass auf seine Seite steht so wie es die Bevölkerung eh tut, noch mehr positives Bewirken kann.
simon.meister6 27.02.2016
4.
Seit Jahrzehnten verfolgt die europäische Presse wahnhaft jede Wahl im Iran. Jedes fallende Blatt wird kommentiert. Es wird unterschieden zwischen ultrakonservativen, konservativen, gemässigt konservativen, gemäsigten usw,. Derweilen werden Frauen wie Tiere behandelt, Schwule an Baukränen aufgehängt, Oppositinelle gefoltert und etliche Terrorzellen unterstützt. Iran ist eine theokratische Diktatur. Das Alibiparlament und die Gerichte sind Fassade. Warum die DMedien und DPolitik diesen Massenmördern in den Hintern kriechen und jeden "Reformer" als Heilsbringer anbeten ist hochpeinlich,,...
syracusa 27.02.2016
5.
Zitat von boguspompwurde 1965 von iranischen Islamisten ermordet, und Rafsandschani war daran beteiligt, wie er später selbst zugegeben hat. Er hat die Waffe besorgt, mit welcher Mansur erschossen wurde. Weshalb wird Rafsandschani hier als "Reformer" tituliert? Hat SPON so ein kurzes Gedächtnis oder ist das Spiegel-Archiv abgebrannt?
Ein vernunftbegabter Leser weiß, dass "Reformkandidat" ein relativer Begriff ist. Rafsandschani mag ein Verbrecher sein und ist ganz gewiss kein Demokrat, aber er ist im Vergleich mit denen, die die Mörderbanden der Revolutionswächter kontrollieren, doch ein ziemlich moderater Kandidat, der die strengen islamistischen Regeln im Iran ein wenig lockern (= "reformieren") möchte. Rafsandschani weiß, dass das totalitäre Mullah-Regime in der Bevölkerung schon lange keinen Rückhalt mehr hat. Mit Zugeständnissen (= "Reformen") will er das System stabilisieren.
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