Iran Regimekritischem Ajatollah droht die Todesstrafe

Ajatollah Boroujerdi fordert die Trennung von Religion und Politik in Iran - das muss er wahrscheinlich mit seinem Leben bezahlen. Bei einem Prozess in Teheran droht dem Geistlichen und 17 seiner Anhänger am Mittwoch die Todesstrafe.

Von Nasrin Bassiri


Teheran - Bis Mittwoch, 13 Uhr, hat Ajatollah Boroujerdi Zeit, Beweise für seine Unschuld zu sammeln. Dann wird ein Spezialgericht für Kleriker in Teheran wieder zusammenkommen und das Urteil über ihn und 80 seiner Anhänger fällen. Für den Ajatollah und 17 seiner Getreuen fordert der Staatsanwalt die Todesstrafe.

Ajatollah Boroujerdi: Keine Angst vor dem Tod

Ajatollah Boroujerdi: Keine Angst vor dem Tod

Ohne Anwalt oder anderen Beistand folgte der hochrangige schiitische Gelehrte in den vergangenen Tagen dem Prozess im Gerichtssaal in der Zaferanieh-Straße in der iranischen Hauptstadt. Die Liste der Vorhaltungen gegen Boroujerdi ist lang. Mehrere hundert Seiten umfasst die Anklageschrift. Hier nur ein paar Beispiele:

  • Gefährdung der Sicherheit des Landes,
  • öffentliche Unruhestiftung in Reden.
  • Außerdem habe der Ajatollah die "islamische Ordnung" in Frage gestellt, dessen Oberhaupt der religiöse Führer Ajatollah Chamenei ist.
  • In Interviews mit ausländischen Medien habe der Geistliche anstatt von der "islamischen Republik" von der "Diktatur des Klerus" gesprochen.

Boroujerdi selbst betonte zwar immer wieder, dass er ein unpolitischer Kleriker sei. Er beschuldigte die regierenden Mullahs aber immer häufiger, Staat und Religion zu vermischen. Er tritt für einen traditionellen und "reinen" Islam ein - jenseits von Macht und Politik.

Vor dem Gericht, das hinter verschlossenen Türen tagt, sind seine Antworten kurz: Er sei bereits 1995 und 2000 wegen seiner religiösen Aktivitäten verhaftet worden. Sein Vergehen sei weder politisch noch habe es etwas mit der Sicherheit des Landes zu tun. Sein Konflikt mit den Regierenden sei aufgrund unterschiedlicher Glaubensrichtungen gewachsen, verteidigt sich der Ajatollah. Er habe keine Erneuerung im Glauben eingeführt und übe seine Religion so aus wie seine Vorfahren sie bereits ausgeübt hätten. Seine energische Haltung gegen das Geheime Gericht nützt Boroujerdi wenig - im Gegenteil: Man bringt ihn direkt in eine Einzelzelle.

Maßnahmen zu seiner Verhaftung wurden schon vor einem Jahr getroffen. Aber zunächst scheiterten die Versuche. Denn im Viertel um den "Azadi-Platz" (Freiheitsplatz), wo der Ajatollah wohnt, stellten sich viele seiner Anhänger wie lebendige Schutzschilde vor sein Haus. Zwei Monate lang spielten Boroujerdi, seine Getreuen und die Ordnungskräfte Katz und Maus. Doch das Spiel wurde immer gefährlicher - es gab Prügeleien, Verletzte und Verhaftungen.

Um die Anhänger von Boroujerdi zu überwachen und einzuschüchtern, brachten die Ordnungskräfte tagsüber an Lichtmasten Videoanlagen an. Nachts wurden die Kameras aber dann von den Getreuen des Ajatollahs mit Steinen beworfen und heruntergeholt.

Tagein tagaus versammelte sich eine große Anhängerschar in dem Viertel, auch Frauen und Kinder. Menschen, die bereit waren, ihr Leben zu geben, um den Ajatollah zu schützen. Boroujerdi versuchte immer wieder erfolglos sie nach Hause zu schicken. Eines Tages zog er ein weißes Gewand an, das er "Todesgewand" nannte. Es sollte dokumentieren, dass er keine Angst zu sterben habe. Boroujerdi stellte sich vor seine Anhänger. Jetzt wollten diese ihn erst recht nicht der Polizei überlassen.

Selbst General Talaie, Chef der Ordnungskräfte von Teheran und Umgebung, drohte den Machthabern in einem geheimen Brief (der später von Unbekannten ins Internet gestellt wurde) mit seinem Rücktritt, wenn der Ajatollah verhaftet werde: Er könne und wolle einen Angriff auf religiöse Autorität nicht zulassen, hieß es in dem Schreiben. Als Boroujerdi dann tatsächlich verhaftet wurde, legte Talaie sein Amt nieder - ohne Angabe von Gründen.

Die Opposition im Ausland bleibt stumm

Denn am 6. September 2006, morgens um 5 Uhr war es soweit: Dutzende Panzer und Krankenwagen drangen in die verschlafenen Straße um das Haus des Geistlichen ein. Seine Anhänger, die ihr Idol tapfer gegen die massive Gewalt verteidigten, wurden mit Tränengas beschossen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich das Gebiet in ein Schlachtfeld: Überall seien blutbespritzte Menschen herumgelaufen, berichteten Augenzeugen. In Nachbarhäusern von Boroujerdi gingen Scheiben zu Bruch, Türen und Mauern wurden beschädigt.

Eine Spezialeinheit drang schließlich bis zum Haus des Ajatollah vor. Auf Bildern ist zu sehen, wie seine Anhänger zum Teil mit Knüppeln traktiert und krankenhausreif geschlagen werden. Es soll auch scharf geschossen worden sein. Innerhalb weniger Stunden wurden mehrere hundert Getreue des Geistlichen verhaftet. Fünf seiner Anhänger sollen bei den Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sein.

Boroujerdi wurde schließlich in ein Auto gezerrt. Seinen Anhängern gelang es nicht, den Wagen zu stoppen. Die alte Mutter des Ajatollah überlebte das Drama um ihren Sohn nicht. Auch heute noch sind seine Familie und nächste Angehörige in Haft. Sein Haus wurde inzwischen von Baufahrzeugen dem Erdboden gleichgemacht. Seit jenem Tag sind bislang 500 seiner Anhänger verhafte worden - 120 von ihnen sitzen noch heute im Gefängnis.

Die meisten der Anhänger des Ajatollah sind einfache und politisch unerfahrene Menschen. Seine Reden hielt er manchmal in einem Stadion vor vielen Tausend Menschen. Boroujerdis Getreue sind bereit, für ihre Loyalität einen hohen Preis zu zahlen. Aber die Massen in Iran wollen nicht mehr mit einem solchen religiösen Führer zu tun haben - vor allem nicht mit einem Traditionalisten, der Reformen in der veralteten islamischen Scharia nicht gutheißen will.

Auch die im Ausland lebenden laizistischen Oppositionellen warten ab. Während sie sonst bei Menschenrechtsverletzungen an Frauen, Studenten oder Arbeitern schnell und sensibel reagieren und die Weltöffentlichkeit informieren, bleiben sie jetzt stumm.

Es fällt ihnen schwer, bei einer islamischen Regierung einem einflussreichen Mullah zu vertrauen - auch wenn dieser lauthals die Trennung von Religion und Politik einfordert und dies wahrscheinlich mit seinem Leben bezahlen wird. Das Todesurteil könnte bereits am 17. Juni vollstreckt werden.



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