Atomgespräche Iraner leiden unter den Sanktionen des Westens

In Teheran ächzen die Menschen unter der hohen Inflation: Die Wirtschaftssanktionen der internationalen Gemeinschaft gegen Iran zeigen Wirkung. Experten befürchten jedoch, dass die Führung von den Strafmaßnahmen sogar profitieren und gestärkt in die Atomverhandlungen gehen könnte.

Iranisches Geld: Die Sanktionen haben die Inflation rapide steigen lassen
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Iranisches Geld: Die Sanktionen haben die Inflation rapide steigen lassen

Von Vandad Sohrabi


Berlin - Rentnerin Mariam* aus Teheran verzichtet inzwischen häufig auf Fleisch und kauft weniger zu essen ein. "Alles ist doppelt so teuer, es sieht nicht gut aus", erzählt die 60-Jährige SPIEGEL ONLINE am Telefon. Ihre Stimme klingt besorgt. Die ehemalige Grundschullehrerin bekommt ungefähr so viel Rente wie ein ungelernter Arbeiter. Davon muss sie sich und ihre 42-jährige taubstumme Tochter ernähren.

Mariam ist eine Frau, die gelernt hat, sich durchzubeißen: Ihr Mann ließ sich vor 25 Jahren von ihr scheiden, wanderte nach England aus und nahm eine gemeinsame Tochter mit. Die zwei anderen Kinder und Mariam ließ er sitzen. Doch inzwischen hat auch sie Angst davor, wie es in Iran weiter gehen soll, wenn die Lebensmittelpreise weiter steigen.

Denn das Land hat mit einer dramatischen Inflation zu kämpfen. Offiziell liegt diese bei 21,5 Prozent - der durchschnittliche Preisanstieg für Lebensmittel ist aber noch viel höher: Mit 40 Prozent am wenigsten verteuert habe sich in den vergangenen zwölf Monaten pflanzliches Öl, zitiert ein Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums die iranische Zentralbank. Für Salat müssen die Iraner im Durchschnitt zum Beispiel 156 Prozent mehr zahlen. Selbst für Angehörige der Mittelschicht wie Mariam ist das inzwischen ein Problem.

"Die Sanktionen treffen die Falschen"

"Die Sanktionen sind wirksam, aber sie treffen die Falschen", sagt der Iran-Experte Michael Lüders. "Die Opposition wird geschwächt, und die Mittelschicht verarmt, während das Regime fest im Sattel sitzt."

Um die iranische Führung davon abzubringen, hoch angereichertes Uran für ein Atomprogramm zu produzieren, wurden international harte Wirtschaftssanktionen erlassen. Die Handels- und Finanzbeschränkungen verschärfen die Probleme, die Teherans Misswirtschaft hervorgebracht hat.

Seit eineinhalb Jahren stürzt der iranische Rial immer weiter ab. Importe werden dadurch teurer. Die Führung in Teheran muss sparen - Ende 2010 schaffte sie Subventionen auf Lebensmittel wie Zucker und Brot ab. "Mehl hat sich im Einkauf um das Zehnfache verteuert", sagt Brotfabrikant Reza* zu SPIEGEL ONLINE am Telefon. Sogar noch schärfere Sanktionen gegen Iran rücken näher: Am 1. Juli soll ein Öl-Embargo der Europäischen Union in Kraft treten.

Die Führung in Teheran versucht, einen Teil der Preiserhöhungen auszugleichen. Anstelle der Lebensmittelsubventionen hat sie eine Sozialhilfe eingeführt. Nahost-Experte Hassan Hakimian, Dozent an der SOAS, einem College der Universität in London, schätzt, dass diese Unterstützung etwa 70 Prozent der Bevölkerung bekommt. "Aber das Geld, das ich zusätzlich erhalte, reicht hinten und vorne nicht", sagt Mariam.

Irans Führung scheinen die Sanktionen bisher nicht zu schaden - im Gegenteil. "Wenn die Menschen nur noch mit dem eigenen Überleben beschäftigt sind, bleibt kaum Möglichkeit, sich politisch zu engagieren", sagt Hakimian. "Die Regierung kann von eigenen Fehlern ablenken, indem sie die Bedrohung durch den Westen betont", erklärt er. Gleichzeitig lassen die Sanktionen auch den Schwarzmarkt aufblühen. "Diese Schattenwirtschaft wird von Teilen des Regimes kontrolliert und beschert ihnen gute Einkünfte", sagt Iran-Experte Lüders.

Kurz vor den Verhandlungen in Moskau zeigte sich der Präsident Mahmud Ahmadinedschad kompromissbereit. Er stellte in Aussicht, auf die umstrittene Urananreicherung von 20 Prozent zu verzichten. "Jetzt sind wir bereit, auf einer freiwilligen Basis einen positiven Schritt zu machen, wenn die andere Seite auch Schritte unternimmt", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Mariam will am Telefon nicht über Politik sprechen. Sie hat Angst abgehört zu werden und sagt nur, wie sie sich ihre eigene Zukunft vorstellt. "Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber bisher hat sich nichts zum Positiven verändert."

*Name von der Redaktion geändert



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