Visavergabe in Teheran Ein Termin in der deutschen Botschaft? Das kostet!

Ein Iraner, der Deutschland besuchen will, braucht derzeit viel Geduld - oder Bares: Visa-Termine in der deutschen Botschaft in Teheran werden offenbar auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Das Auswärtige Amt sieht das Problem woanders.

Deutsche Botschaft in Teheran (Archivbild): Termine nur gegen Bares?
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Deutsche Botschaft in Teheran (Archivbild): Termine nur gegen Bares?

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Hosseins Kinder sind fünf und acht Jahre alt. Bald sollen sie endlich ihren Opa kennenlernen. Es gibt nur ein Problem: "Wir können ihn in Iran nicht besuchen", sagt Hossein K., "wegen der politischen Lage." Also soll der Großvater aus dem äußersten Osten des erzkonservativen Golfstaats nach Deutschland kommen, möglichst bald. Auch das gestaltet sich jedoch schwierig.

Wer von Iran in die Bundesrepublik reisen will, braucht in der Regel ein Visum - und derzeit gleicht es einem Kunststück, ein solches zu bekommen. Denn die deutsche Botschaft in Teheran vergibt Termine zur Beantragung der Einreisegenehmigung nur noch über ein Online-Portal, und das speist die Nutzer seit Längerem mit einem knappen Hinweis ab: "Es sind zurzeit leider keine Termine verfügbar. Neue Termine werden in regelmäßigen Abständen freigeschaltet."

Doch das ist höchstens die halbe Wahrheit. "Ich versuche seit fast zwei Monaten, einen Termin auszumachen", sagt Hossein K., der eigentlich anders heißt. "Aber die sind immer schon alle vergeben, dabei schaue ich jeden Tag auf der Webseite nach." Wie kann das sein? Hat der 41-jährige Bauingenieur einfach Pech?

Wohl kaum. Denn auch andere Betroffene haben SPIEGEL ONLINE von vergeblichen Versuchen ihrer iranischen Verwandten berichtet, einen Termin zu bekommen. "Meine Schwiegermutter besucht uns seit 23 Jahren jeden Sommer", sagt ein 49-jähriger Deutsch-Iraner. "Jetzt wird das zum ersten Mal wohl nicht klappen."

Wartezeiten von mehreren Wochen

Ähnliche Klagen hat die iranische Gemeinde in Berlin von mehr als 130 ihrer Mitglieder erhalten. "Die meisten Aussagen von Betroffenen bestätigen diesen Verdacht", sagt Gemeindevorstand Ehsan Djafari. "Es gibt Leute, die seit mehreren Monaten so einem Termin hinterherlaufen."

Das Auswärtige Amt nennt als Ursache die "hohe saisonale Visumnachfrage". Dafür sorgten derzeit die Schulferien und der Ramadan, erklärt das Ministerium auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Zudem wollten wegen der Atomverhandlungen derzeit viele Geschäftsleute nach Deutschland. So könnten Wartezeiten "von mehreren Wochen entstehen", teilt die Gesandtschaft in Teheran auf ihrer Homepage mit. Betroffene berichten allerdings, schon seit einem Jahr vergeblich die Botschafts-Webseite aufzurufen - obwohl die Bundesregierung die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin in Teheran mit 17 Tagen beziffert und eine EU-Verordnung für solche Fälle höchstens zwei Wochen vorsieht. Wie passt das zusammen?

Die Erklärung findet sich offenbar in den Straßen Teherans: Dort bieten Versicherungsvertreter die begehrten Termine zum Kauf an, wie mehrere Deutsch-Iraner SPIEGEL ONLINE erklärten. Der Deal geht demnach so: Wer eine Auslandskrankenversicherung abschließt, bekommt einen der begehrten Visa-Termine dazu. "Meine Schwiegermutter hat 70.000 Toman für ihren Termin bezahlt, umgerechnet sind das 21,75 Euro", sagt einer. Das ist zwar nicht viel Geld für westliche Maßstäbe, ein Problem ist es trotzdem - zumal ähnliche Missstände bei der Vergabe von Visa-Terminen in deutschen Botschaften im Libanon und in China bereits Skandale ausgelöst hatten.

Die deutsche Gesandtschaft in Teheran warnt vor den Terminhändlern und will sie mit technischen Hürden abschrecken. Antragsteller müssen einen sogenannten Captcha-Code eingeben, um einen Termin reservieren zu können - der verfällt zudem, wenn nicht am selben Tag eine Kopie des Passes eingeschickt wird. Der Erfolg solcher Maßnahmen ist aber offenbar überschaubar: Auf der Webseite der Botschaft gibt es keinen einzigen freien Termin, so weit man sich in dem digitalen Kalender auch in die Zukunft klickt. "Gebuchte Termine können nicht auf andere Personen umgebucht werden", versichert allerdings das Außenamt - wie also gelangen sie auf den Schwarzmarkt?

In Foren kursiert die Theorie, dass die Betrüger sämtliche neu angebotenen Zeiträume sofort mit erfundenen Daten ausfüllen. Sobald sie eine Versicherung verkauft haben, stornieren sie demnach einen der blockierten Termine und tragen in das frei werdende Zeitfenster die Daten ihres Kunden ein.

Für deutsch-iranische Familien ist das ein "Schlag ins Gesicht" - so formuliert es Hossein K., der seit Wochen um einen Visa-Termin in der deutschen Botschaft kämpft. Warum er seinem Vater nicht rät, in Teheran eine Versicherung inklusive Termin zu kaufen? "Weil das nicht rechtens ist", sagt der 41-Jährige, "und weil ich bislang an den deutschen Rechtstaat geglaubt habe." Dieses Vertrauen kostet seine Kinder wohl das langersehnte Treffen mit dem eigenen Großvater.


Zusammengefasst: Iraner, die in die Bundesrepublik reisen möchten, bekommen derzeit kaum ein Visum - es sei denn, sie kaufen sich den dafür nötigen Termin in der deutschen Botschaft auf dem Schwarzmarkt. Betroffene berichten von monatelangen Wartezeiten und dubiosen Angeboten von Versicherungsvertretern in Teheran. Das Auswärtige Amt weist eine Mitverantwortung von sich: Der Terminmangel hänge vor allem mit der saisonal erhöhten Nachfrage zusammen - und mit den Atomverhandlungen zwischen Iran und westlichen Staaten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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johannestreblin 06.07.2015
1.
Die Fernsehsendung "Kontraste" berichtet von ähnlichen Problemen mit der Visaerteilung durch die deutsche Botschaft in Ankara bei der Familienzusammenführung von anerkannten Flüchtlingen; meist flüchten zunächst die Männer nach Deutschland; wenn sie anerkannt sind, könnten die Familien nachziehen, doch es gibt große Probleme bei der Visaerteilung. Hier der Link: https://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-18-06-2015/syrische-fluechtlinge-allein.html
heavenstown 06.07.2015
2. Das ist auch in/bei anderen Länder so...
.. nicht nur bei der Deutschen Botschaft in Teheran..., leider, all die Vergabesysteme werden von Ortskräften gemanaged welche mit den lokalen Gepflogenheiten sehr vertraut sind. Ich kenne das (leider) als Betroffener aus Erfahrung...
ykaao 06.07.2015
3. saudi arabien
es ist in jedem land, in dem man das Portal eingefuehrt worden ist.. In Saudi Arabien hat man sogar VIP Termine engefuehrt, dort kann man sofort ein Termin bekommen aber dafuer 300 SAR bezhalen muss. natuerlich fuer jeden Passport.
gukki 06.07.2015
4. Visa
Für ein Visum für meine Reisen nach Afrika zahlen ich oder mein Auftraggeber üblicherweise 70 - 95 Euro. Wenn jemand in Teheran 21 € zahlt und bekommt dafür nebst Termin auch eine (von uns gewünschte) Krankenversicherung so finde ich das äußerst günstig. Man sollte auch mal mit den Wölfen heulen!
Spiegelleserin57 06.07.2015
5. merkwürdig...
Organisation ist alles liebe Bürokraten. Man muss diesem Terminbasar ein Ende setzen. Warum besetzt man nicht zusätzliche Stellen befristet wenn man weiß dass der andrag ein Saisiongeschäft ist. Man muss flexibel auf solche Situtionen regieren dann wäre dem Basar schnell ein Ende gesetzt. Kurzfristige Besuche müsssen möglich sein. Warum dauern bei Börden solche Reaktionen immer so laaaaaange?
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