Stimmen aus Iran "Was jetzt geschieht, kommt nicht von außen"

Mehr Reformen, mehr Religion? Die Demonstranten in Iran fordern höchst unterschiedliche Dinge - aber alle wollen Veränderung. Hier erzählen Iraner, warum die Proteste nicht einfach aufhören werden.

Proteste an der Universität Teheran
DPA

Proteste an der Universität Teheran

Protokolle aufgezeichnet von


Irans Präsident Hassan Rohani hofft auf ein schnelles Ende der Unruhen im Land. Doch in der Bevölkerung ist der Unmut groß, seit einer Woche gehen Menschen in vielen Landesteilen auf die Straße. Acht Iraner berichten SPIEGEL ONLINE, was sie von den Protesten halten und was sich aus ihrer Sicht ändern muss.

Amira, 29, Doktorandin der Wirtschaftswissenschaften, Teheran:

"Ich gehe seit einer Woche auf die Straße, weil ich gegen die Regierung protestiere. Ich sehe, wie schlecht es großen Teilen der Bevölkerung wirtschaftlich geht und wie wenig wir alle von den Reformen und von der Öffnung des Landes profitieren. Alles geht zu langsam voran. Ich protestiere aber auch für mehr Freiheit, gerade für uns Frauen. Ich kenne Iran nicht anders, als es heute ist, mit so vielen Zwängen. Aber wenn ich mir Bilder von früher anschaue oder höre, was meine Mutter von der Zeit vor der islamischen Revolution 1979 erzählt, weiß ich, dass Iran auch ein anderes Gesicht hat. Ich möchte, dass es wieder sichtbar wird. 2009 war ich Teil der Grünen Bewegung. Damals war die Hoffnung auf einen wirklichen politischen Klimawandel in Iran größer. Heute sind viele meiner damaligen Weggefährten entmutigt und hoffnungslos. Damals waren es vor allem Studenten, junge Leute - nur wenige von ihnen sind nun wieder auf der Straße. Heute protestieren vor allem die wirklich Armen, auch die Religiösen. Darunter sind viele alte Leute. Es macht mich traurig, dass unser Land, in dem es allen gut gehen könnte, weil wir stark sind, so viele Menschen verzweifelt sind. Ich möchte deshalb solidarisch sein."

Abbas, 21, Student der Medizin, Teheran:

"Die Regierung erzählt uns, die Feinde des Iran hätten sich gegen uns vereinigt. Sie würden mit allen Mitteln versuchen, das islamische System zu zerstören. Aber das ist Unsinn. Ich weiß, dass viele meiner Landsleute das glauben, weil sie seit Jahren zu hören bekommen, die USA, Israel und Saudi-Arabien wären unsere Feinde und würden versuchen, Iran zu vernichten. Aber wir haben Internet, wir haben Kontakte in diese Länder, wir tauschen uns aus, so gut wir können. Auch wenn die USA sich schon oft in die Politik unseres Landes eingemischt haben und auch wenn es in Israel und Saudi-Arabien Kräfte gibt, die uns schaden wollen, wissen wir: Das, was jetzt in Iran geschieht, kommt nicht von außen. Was wir jetzt sehen, ist die Unzufriedenheit der Iranerinnen und Iraner. Und die hat mit der Regierung und ihrer Politik zu tun und nichts mit dem Ausland. Ich kann nicht ausschließen, dass andere Länder da mitmischen und die Situation ausnutzen, aber ich weiß, dass die Proteste im Kern ernst gemeint sind und von innen kommen."

Karte: Unruhen in Iran

Asghar, 44, Lebensmittelgroßhändler, Maschad:

"Wir Iraner wollen Veränderung, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht! Aber das Problem ist, dass wir uns in Wahrheit nicht einig sind, in welche Richtung die Veränderungen gehen sollen. Manche wollen einen Sturz des Regimes und ein neues, demokratisches System. Anderen ist wichtig, dass der Einfluss der Religion zurückgedrängt wird. Wieder andere wünschen sich eine viel stärkere Rolle des Islam, sie glauben, dass es uns nur deshalb so schlecht geht, weil wir die Religion zu sehr vernachlässigt haben. Ganz ehrlich: Ich weiß auch nicht, was richtig ist. Was ich weiß, ist: Viel zu viele Menschen haben viel zu lange darauf gewartet, dass es ihnen endlich besser geht. Sanktionen wurden gemildert, es kommen mehr Touristen, aber trotzdem haben die meisten nichts davon. Das muss sich ändern! Sonst werden die Proteste noch weiter zunehmen."

Hassan, 53, Verwaltungsangestellter, Schiras:

"Die Regierung sagt, sie akzeptiere Demonstrationen und Kritik. Aber warum geht sie dann mit Gewalt gegen Demonstranten vor? Warum versuchen sie, die Proteste niederzuschlagen? Ich protestiere gegen Armut. Milliarden fließen nach Iran, wir lesen von erfolgreichen Unternehmen und steigenden Touristenzahlen. Aber warum haben wir nichts davon? Warum lebt der größte Teil meiner Familie in Armut? Warum wird uns ein Leben in Würde verwehrt? Präsident Rohani verspricht seit Jahren Reformen und eine Besserung der Lage, aber es passiert nichts!"

Präsident Hassan Rohani
AFP

Präsident Hassan Rohani

Gelareh, 22, Studentin der Psychologie, Teheran:

"Ich fordere mehr Rechte für Frauen! Ich habe nichts gegen das Kopftuch und auch nichts gegen den Islam, wir sind eine islamische Gesellschaft mit langer Geschichte! Aber es gibt zu viele Zwänge! Soll doch jede Frau, die es will, ein Kopftuch tragen. Aber weg mit dem Zwang! Weg mit der Herrschaft der alten Männer! Sie wissen nichts von unserem Leben, von unseren Wünschen, Träumen, Zielen und Möglichkeiten! Iran könnte ein ganz anderes, erfolgreiches, friedliches, tolles Land sein, wenn vernünftige Menschen das Sagen hätten! Schreiben Sie das bitte unbedingt so!"

Mohammed, 37, Buchhändler, Teheran:

"Ich bin für Veränderungen und Reformen. Aber ich halte die Proteste, wie sie in diesen Tagen stattfinden, für falsch. Ich glaube, Veränderung können wir nur Schritt für Schritt erreichen. Wir sehen in der arabischen Welt, dass Umsturzversuche fast nirgendwo zum Erfolg geführt haben. Auch bei uns wird der Versuch, eine Revolution umzusetzen, nur zu Gewalt und Zerstörung führen. Das wird nie Erfolg haben. Warum ich das glaube? Weil die iranische Gesellschaft viel zu komplex und vielschichtig ist. Veränderung können wir aber nur gemeinsam erreichen, nicht gegeneinander. Wir müssen also über jeden Reformschritt reden. Das dauert eben lange, aber alles andere wird nicht funktionieren. Aber ja, ich glaube auch, dass es insgesamt zu langsam vorangeht. Deshalb kann ich die Demonstranten schon verstehen. Aber wie gesagt, ich halte ihr Vorgehen letztlich für falsch."

Fotostrecke

9  Bilder
Proteste gegen das Regime: Gewalt auf Irans Straßen

Forough, 43, Ärztin, Teheran:

"Iran ist ein starkes Land, das früher oder später ein Vorbild für viele andere Länder in der Region sein wird. Schon jetzt sind wir verschont geblieben von Terror und Gewalt, Iran ist ein relativ stabiles Land. Aber die Proteste in diesen Tagen zeigen, dass es unter der Oberfläche brodelt und dass es auch in die andere Richtung gehen kann. Ich unterstütze die Demonstranten in ihren Forderungen, aber ich glaube nicht, dass ihr Weg der richtige ist. Und ich bin überzeugt, dass US-Präsident Donald Trump nicht ehrlich ist, wenn er sagt, er stehe auf der Seite der Demonstranten. Er hat zuvor allen Iranern die Einreise in die USA erschwert. Nur wenn es ihm in seine Politik passt, unterscheidet er zwischen der Regierung und ihren Anhängern einerseits und deren Kritikern andererseits. Wir brauchen die Unterstützung der USA nicht. Wir brauchen auch sonst ihre Einmischung nicht, denn in Vergangenheit hat uns das viel mehr geschadet als genützt."

Arman, 57, Arzt, Teheran:

"Die Proteste sind sinnlos und werden zu nichts führen. Es gibt keine Führungsfigur, keinen konkreten Anlass, keine gemeinsame Richtung. Die Gezi-Proteste waren zwar auch ohne Führungsfigur und nicht organisiert, aber da gab es wenigstens ein gemeinsames Ziel, nämlich ein Ende der autoritären Regierung. Selbst das hat nicht funktioniert. Aber hier? Die einen wollen die Mullahs stärken, die anderen sie fortjagen, sehr vielen geht es um mehr Geld, anderen um individuelle Freiheiten. Ich habe den Eindruck, dass manche auch nur einfach Randale machen wollen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass es so viel Gewalt gibt. Soweit ich lese und höre, geht die nicht nur von den Sicherheitskräften aus."

insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lathea 05.01.2018
1. Die Herrschaft der alten Männer......
......kann sich halt nur halten, wenn sie auch der mittelalterlichen Vorstellung von Männerherrschaft gerecht werden und dafür sorgen, dass es allen gut geht - ansonsten sind sie einfach nur loser (Verlierer). Mit Männlichkeitsgehabe kommt man in der heutigen immer mehr globalisierten Welt nicht mehr weit und auf die Frauen wirkt es auch nicht sehr attraktiv. Unter den Talaren hilft den iranischen Männern der Mief von Tausend Jahren nicht mehr und das ist gut so.
SINAN_75 05.01.2018
2. Es gibt im Iran keine Probleme!!!
Ich fasse mal den allgemeinen Tenor hier im Forum zusammen: Es ist absolut UNMÖGLICH, dass Bürger des Irans mit Ihrer Regierung unzufrieden sein könnten. Es gibt im Iran keine Kriminalität, keine Korruption, keine soziale Ungerechtigkeit, keine Armut, keine Arbeitslosigkeit, keine Unterdrückung, keine Unfreiheit, keine Umweltverschmutzung, keine Unsicherheit, ... wogegen sollten die Bürger also protestieren? Dass Menschen im sogenannten Westen auf die Straße gehen und sich gegen ihre Unterdrückung wehren, ist ja nachvollziehbar, da liegt ja so manches im Argen. Aber im Iran, in Syrien, in Russland, in Nordkorea...? Undenkbar. Diese Staaten sind Gegner des großen Satan USA und haben somit per Definition keine inneren Probleme. Es gibt nur eine Erklärung für die Proteste und sie heißt Regime Change by CIA. So war es auch schon 1989 in der DDR. Alles vom Westen inszeniert. ****** Ironie aus *******
Caty25 05.01.2018
3. Aus anderen Ereignissen lernen
Auch in Libyen wollte kaum jemand Veränderungen. Vielleicht gerademal 2 % waren unzufrieden.Trotzdem gab es einen Umsturz.Also mussen im Iran alle zusammenhalten und eine kontrolliertegewaltlose Veränderung umsetzen.
Hans_Kammerer 05.01.2018
4. Es gibt in jedem Land Proteste..
Und besonders in autoritären Staaten reagieren die Herrschenden eher hart auf Demonstrationen. Das kennt man aus China, Russland, Saudi Arabien, Türkei, aber auch aus Katalonien, Hamburg, Ungarn und Polen. Perfide wird es, wenn einzelne Demonstranten die Eskalation einleiten in dem sie einen Stein oder Molotow werfen oder sogar das Feuer aus Schusswaffen eröffnen. Es braucht im Iran nur einen der auf die Polizisten schießt damit diese zurückschießen. Schon hat man 10 Tote oder mehr. Die Bilder gehen über Facebook und Twitter um die Welt und entfachen nur noch stärkere Proteste die wiederum sehr viel größeres Eskalationspotenzial bieten. Ganz Problematisch daran ist nun, dass mittlerweile wissenschaftlich gut der Eskalationsbeitrag westlicher Geheimdienste seit 1953 (Mottasadegh) dokumentiert ist. Und da liegt das Problem. Es darf nicht sein, dass Geheimdienste "Revolutionen" oder "Bürgerkriege" anstacheln und anfachen. Das was gerade im Iran beginnt, ist wissenschaftlich als Regime Change u.a. 1953 im Iran, 1980 in der Türkei, in Libyen, Ägypten, Algerien, Tunesien, und vielen anderen Staaten Südamerikas bereits geschehen. Und der Redakteuer des Spiegels, der diesen Kommentar gerade liest und wohlmöglich nicht zulässt, sollte sich bitte mal Videos oder Bücher u.a. der Herren Daniele Ganser und Michael Lüders ansehen und sich dann fragen, auf welcher Seite der Geschichte er stehen möchte.
Luna-lucia 05.01.2018
5. mit Religionsführern kann
man nie vernünftig reden. Denn die "Großen-Alten" fürchten sich nur vor eins: Ihrem Machtverlust! Und um nix anderes geht es. "Gott" ist für diese "Betonköpfe" - für uns nur ein Vorwand, - um Menschen zu knechten, und unter ständigen Drohungen mit einem furchteinflößenden Jenseits, bei der Stange zu alten. Nur, das ist jetzt lange gut gegangen. In einer Zeit von Satelliten- TV- Fernsehen, Internet und allen zur Verfügung stehenden Medien, kann man Denkvorgänge von Menschen, auf Dauer nicht mehr in religiösen Bahnen steuern. Hier ist der Iran leider noch besonders rückständig. kein Wunder, dass junge Menschen jetzt endlich auf die Straßen gehen. Und wagt man einen Gedanken in die Zukunft, kann man sich gut vorstellen, dass Religionen in wenigen Generationen endlich das geworden sind, was sie ja auch gerne sein können: Eine reine Kopfsache jedes Einzelnen! Vielleicht dann sogar vereinbar mit größeren Kenntnissen über unser Universum. Nur, "Religionsmärchen" und "Vorschriften" wird es dann nicht mehr geben. Der Iran steht jetzt am beginn einer neuen Ära. Und niemand wird den jungen Leuten, der kommenden Generationen, weiterhin einen "Gott" vor den universellen Gesetzen erklären können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.