Iran Wie die Mullahs Andersgläubige drangsalieren

Seit einigen Wochen geht das iranische Regime mit Massenverhaftungen und Razzien wieder verstärkt gegen Andersdenkende vor. Im Visier haben die Revolutionswächter vor allem die Religionsgruppe der Bahai.

Von


Hamburg - Sie wollten helfen, Gutes tun. Es war der 19. Mai, der dritte Tag des Monats Azamat im Jahr 163 der Bahai, zu Dutzenden waren die Jugendlichen in die Schule in Schiraz im Südwesten Irans gekommen, um benachteiligte Kinder zu unterrichten. Dann kamen die Revolutionswächter. 54 der jungen Lehrer, manche selbst noch Kinder, nahmen sie mit, die schriftliche Erlaubnis des Islamischen Rates für das soziale Projekt interessierte sie nicht. Über die erhobenen Vorwürfe wurde nichts bekannt. Nach wenigen Tagen kamen die meisten der Festgenommenen frei, viele mussten eine Kaution hinterlegen. Drei der Bahai blieben in Haft.

Die größte willkürliche Massenverhaftung seit den achtziger Jahren, als das Mullah-Regime nach der Islamischen Revolution besonders scharf gegen die nach iranischem Recht "ungeschützten Gläubigen" vorging, versetzt die Bahai-Gemeinde in Sorge. Denn sie ist der vorläufige Höhepunkt einer sich ausweitenden Verfolgungskampagne. Insgesamt 125 Anhänger des Religionsstifters Bahaullahs sollen seit Anfang des vergangenen Jahres grundlos verhaftet und zum Teil mehrere Wochen festgehalten worden sein, die meisten von ihnen seit der Amtsübernahme des erzkonservativen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.

Zeitgleich mit den jüngsten Verhaftungen fanden in Häusern der Bahai Razzien statt, berichtet die Glaubensgemeinschaft. Computer, Bücher und andere Dokumente wurden beschlagnahmt. "Wir sehen, wie sich ein unheilvolles Muster entwickelt", sagt Bani Dugal, Vertreterin der Bahai bei den Vereinten Nationen in New York. "In der Bahai-Gemeinde soll Angst und Schrecken verbreitet werden und die iranische Bevölkerung soll dafür gewonnen werden, dies zu akzeptieren." Mohammed Mohammadi, Sprecher des iranischen Uno-Botschafters, gibt sich ahnungslos. Er habe keine Kenntnis über die Verhaftungen, sagt er der "New York Times".

Hetzkampagne in staatlicher Zeitung

Doch einiges spricht dafür, dass die Sorge der Bahai vor einer verschärften Verfolgung nicht unbegründet ist. Die staatliche Hardliner-Zeitung "Kayhan" führte in den vergangenen Monaten eine systematische Hetzkampagne gegen die "perverse Sekte", die erschaffen worden sei, "um die noble und reine Lehre des Islam zu verderben". In zahlreichen Artikeln versuchte das Blatt, die Bahai im Sinne der anti-israelischen Haltung des Regimes als "Agenten Israels" zu diffamieren, die auch Muslime gefoltert hätten, um sie zum Bahaismus zu bekehren.

Bei den Bahai werden Erinnerungen wach. Auch vor früheren Verfolgungswellen, die über die Angehörigen der Glaubensgruppe rollten, soll es ähnliche verleumderische Berichte gegeben haben, um die Öffentlichkeit auf das vorzubereiten, was folgen sollte. So etwa 1979, als nach der Islamischen Revolution die Mullahs in Teheran das Vorgehen gegen die Bahai systematisch organisierten. Sie zerstörten die heiligsten Stätten der Bahai, beschlagnahmten Gemeindeeigentum, nahmen Tausende Gläubige fest. Mehr als 200 Bahai wurden in den Achtzigern allein wegen ihres Glaubens hingerichtet.

Die Exekutionen stellte die iranische Führung wegen der internationalen Beobachtung bald ein. Während Christen und Juden eigene Vertreter ins Parlament entsenden, gelten die Bahi noch immer als Abtrünnige. Dabei stellen sie mit rund 300.000 Anhängern in Iran, der Geburtsstätte ihrer Religion, die größte nicht-muslimische Minderheit im Land. Doch Gesetze schränken Arbeitsrecht und Rentenansprüche ein, jugendliche Bahai dürfen nicht studieren.

Geschichte wiederholt sich auch an anderer Stelle. 1993 war ein Memorandum des geistigen Führers Ali Chamenei bekannt geworden, dass die Vernichtung der kulturellen Wurzeln der Bahai anordnete. Jetzt fiel der Uno-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte und Religionsfreiheit, Asma Jahangir, erneut ein vertrauliches Dokument in die Hände, nach dem Chamenei die Streitkräfte angewiesen habe, Bahai zu identifizieren und zu überwachen.

Todesurteil wegen Apostasie

Ins Besorgnis erregende Bild passt auch der Tod von Dhabihullah Mahrami. Er starb im Dezember vergangenen Jahres im Alter von 59 Jahren im Gefängnis seiner Heimatstadt Yazd in Zentraliran. Die Revolutionsrichter hatten Mahrami Anfang 1996 zum Tode verurteilt; Apostasie, Abfall vom Glauben, hieß die Schuld, die er auf sich geladen hatte. Auf internationalen Druck wurde das Urteil später in lebenslange Haft umgewandelt.

Nach zehn Jahren hinter Gittern starb Mahrami. Herzinfarkt, sagen die Behörden. Doch die Bahai und Menschenrechtler haben Zweifel. Mahrami sei gesund gewesen, keine Spur von einem schwachen Herzen. Die harten Haftbedingungen könnten an seinen Kräften gezehrt haben, es soll Todesdrohungen gegeben haben. "Vor diesem Hintergrund sollte es keinen Zweifel geben, dass die iranischen Behörden eine offenkundige Mitschuld am Tod dieses unschuldigen Mannes tragen", sagte Bahai-Sprecherin Dugal. Amnesty International hat in einem Brief an die iranische Justizspitze Aufklärung über die Umstände von Mahramis Tod gefordert.

Die Bahai fürchten nicht weniger, als die Ausrottung ihrer Religion in ihrem Ursprungsland. Sie appellieren an die Weltgemeinschaft, "nicht zuzulassen, dass friedliebende und gesetzestreue Menschen dem Äußersten ausgesetzt werden, zu dem blinder Hass führen kann". Die schrecklichen Taten, die in der Vergangenheit aus ähnlichen Umständen erwachsen seien, dürften nicht mehr zugelassen werden, schreibt Dugal. "Nicht noch einmal."

Laut "New York Times" bereiten Abgeordnete des US-Repräsentantenhaus eine Resolution vor, die die Regierung in Teheran für die Unterdrückung der Bahai verurteilen soll.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.