Iranische Holocaust-Konferenz: "Unser Präsident meint es nur gut"

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Mohammed Ali Ramin will in Iran eine Holocaust-Konferenz organisieren. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE stellt er den millionenfachen Mord an den Juden unverblümt in Frage. Klar ist, dass das geplante Revisionisten-Stelldichein nur ein Ziel hätte: Israel das Existenzrecht abzusprechen.

Hamburg - Er sagt, er wisse "außer einer oft wiederholten, offiziellen Behauptung nichts über die Wirklichkeit des Holocausts". Dabei gibt es kein historisches Ereignis des 20. Jahrhunderts, das differenzierter erforscht ist als der millionenfache Mord an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs. Er sagt, er wolle "die ganze Wahrheit herausfinden", dabei ist das Wissen über die Shoah auf unzählige Quellen gestützt, gesichert und zweifelsfrei. Mohammed Ali Ramin, 52, plant in seiner Heimat Iran die Holocaust-Konferenz, die seit den anti-israelischen Ausfällen des iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad durch die Medien geistert.

Mohammed Ali Ramin: "Die ganze Wahrheit herausfinden"

Mohammed Ali Ramin: "Die ganze Wahrheit herausfinden"

Ramin nennt sich selbst einen "freien, unabhängigen Denker", einen "Intellektuellen". Er ist Hochschuldozent für Sozialwissenschaften an iranischen Universitäten und Vorsitzender der "Gesellschaft für die Vertretung der Rechte muslimischer Minderheiten im Westen". Ein Chefideologe oder Berater des Präsidenten, wie er schon tituliert wurde, möchte er nicht sein. Dennoch, er kennt den Eiferer Ahmadinedschad gut, hielt mit ihm nach eigenen Angaben gemeinsam Vorlesungen an der Teheraner Universität.

Der alte Freund hat Ramin auf die Idee zur Holocaust-Konferenz gebracht. Erst vor wenigen Tagen, am 27. Jahrestag der islamischen Revolution, leugnete das Staatsoberhaupt vor Hunderttausenden Landsleuten wieder den Holocaust, bezeichnete den Genozid nicht zum ersten Mal als "Mythos". "Die westlichen Regierungen lassen keine Informationen zu, durch die wir erfahren könnten, was wirklich während des Zweiten Weltkriegs geschehen ist", mit diesen Worten stellt sich Ramin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE hinter seinen Präsidenten. Also habe er vorgeschlagen, eine "Wahrheitsfindungskommission" einzusetzen, in der alle Meinungen zu Wort kommen sollen.

Das Ergebnis der Konferenz steht bereits fest

Die Wahrheit - Ramin ignoriert sie und hält sich zugleich für die neutrale Instanz. "Sollte sich herausstellen, dass das deutsche Volk unter der Führung von Adolf Hitler tatsächlich sechs Millionen Juden ermordet hat, muss eine internationale Kommission unter Beteiligung von Juristen eine Strafe für den Verbrecher festlegen", schwadroniert er. Das Urteil hat er auch gleich parat; es deckt sich mit den Vorschlägen, die schon sein Präsident besser für sich behalten hätte: "Den Entrechteten und den Hinterbliebenen der Opfer müsste ein Teil Mitteleuropas, etwa aus Deutschland oder aus Österreich, zur Verfügung gestellt werden, damit sie dort ihren Frieden und ihre Sicherheit finden können." Der Präsident meine es nur gut, wenn er eine "Rückkehr der Juden in ihre Heimatländer" fordere. Schließlich könnten diese nicht in Ruhe zwischen Hunderten Millionen von Muslimen in den besetzten Gebieten leben, findet Ramin. Und fügt hinzu: "Die Muslime sind bereit, diese vernünftige Lösung zu unterstützen."

Bliebe die nicht unwahrscheinliche Möglichkeit, dass die vermeintliche Experten-Schar sich auf der Konferenz gegenseitig in ihren Holocaust-Zweifeln bestätigt. Die Konsequenz, die Ramin daraus zöge, wäre die gleiche: Der Holocaust wäre als "Vorwand" entlarvt, wie der Organisator den Völkermord bereits jetzt gerne nennt. Das Argument für einen jüdischen Staat wäre in den Augen Ramins hinfällig. Das eigentliche Ziel des pseudo-wissenschaftlichen Spektakels ist klar: Israel das Existenzrecht abzusprechen.

Da trotz offensiver Einladungen der Iraner mit dem Erscheinen seriöser Historiker nicht zu rechnen ist, würde auf der Konferenz in der Tat vor allem einschlägig bekannten Revisionisten und Neo-Nazis eine Plattform geboten. Als potenzielle Teilnehmer gehandelt wurden in iranischen Medien bereits der zum Christentum konvertierte russischstämmige Israeli Israel Shamir, der in österreichischer Untersuchungshaft sitzende David Irving, der Franzose Robert Faurisson oder der deutsche Neonazi Horst Mahler. Letzterem wurde jüngst von den Behörden vorsichtshalber für ein halbes Jahr der Pass entzogen.

"Die Welt nach den USA"

Um nicht noch weiteren willigen Diskutanten Schwierigkeiten zu bereiten, hält sich Ramin mit der Nennung möglicher Gäste inzwischen zurück. Die Liste sei sehr lang, sagt er nur. Ramin kennt sich aus mit eingeschränkter Reisefreiheit. 17 Jahre lebte er in Deutschland, studierte unter anderem in Karlsruhe Maschinenbau und Verfahrenstechnik. 1994 kehrte er nach Iran zurück. Mehrfach zog es ihn in der Folge wieder nach Deutschland, 2001 und 2002 nahm er an islamischen Tagungen in Hamburg teil. 2003, zu einer Zeit, als Ramin in Teheran Seminare mit dem Titel "Die Welt nach den USA" abhielt, verweigerten ihm die Behörden schließlich die Einreise.

Ramin wiederholt seinen Aufruf an die westlichen Regierungen, an der Konferenz teilzunehmen. Dies gelte auch für die Bundesregierung, die er als "Sklaven der Zionisten" sieht. Auch eine Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen möchte er einladen, "damit die Teilnehmer bei der Rückkehr in ihre Heimat kein Problem bekommen". Nur wenige Sätze später tönt Ramin, seine Konferenz hätte auch ohne die Teilnahme der Uno oder des Westens ihre Legitimation. Schließlich habe eine Institution wie der Weltsicherheitsrat längst seine Funktion verloren, "seitdem er als Mittel der Bedrohung gegen kleine Nationen instrumentalisiert wird". Die Weltmächte des Westens seien "in dieser Form nicht als ewig zu betrachten".

Auf Fragen nach dem Termin der Tagung antwortet Ramin ausweichend. Dieses Jahr solle es sein, soviel stehe fest. Parallel oder in der Folge sollten weitere Seminare zum Thema stattfinden, innerhalb oder außerhalb Irans. Äußerst vage Pläne also, die Zweifel aufkommen lassen, ob hinter den großspurigen Ankündigungen mehr steckt als bloße Provokation. Doch selbst wenn iranische Holocaust-Zweifler unter sich blieben, der Historiker Götz Aly warnte jüngst im SPIEGEL-ONLINE-Interview davor,  dass sich in Iran ein Prozess vollziehe, in dem aus Vorurteilen, wie es sie in jeder Gesellschaft massenhaft gebe, eine Staatsideologie werde . "Das Ressentiment verkoppelt sich mit den Möglichkeiten staatlicher Macht."

Absolutheitsansprüche

Ramin glaubt, der derzeit herrschende Karikaturen-Streit sei "von Zionisten initiiert", um von einer Debatte über den Holocaust abzulenken. Die Regierung Dänemarks werde als Opfer vorgeschickt, die religiösen Gefühle von 1,5 Milliarden Muslimen zu verletzen und diese aufzuhetzen und die Weltöffentlichkeit abzulenken, damit der Holocaust nicht mehr hinterfragt werde. Er predigt einen Dialog der Kulturen, die Gewalt gegen ausländische Botschaften billigt er jedoch indirekt: "Wenn der Prophet Mohammed verspottet wird, muss man sich über eine Reaktion der Muslime nicht wundern."

Ramin erhebt einen Absolutheitsanspruch, für sich und seine radikale Auslegung des Islam. Er sagt Sätze wie: "Die Muslime denken so" oder: "Das ist eine klare islamische Aussage". Doch die riesige Mehrheit der Muslime denkt anders als die Eiferer in Teheran. Zwar haben offiziell bislang nur Ägypten und Jordanien Israel anerkannt, doch die meisten arabischen Staaten haben sich de facto mit der Existenz des jüdischen Staates abgefunden.

Die Verurteilung Israels ist in Iran mehr oder weniger Routine, auch wenn Chomeinis Erben derzeit neue Grenzen zu testen scheinen. Sympathisieren Iraner mit Ahmadinedschads Hasstiraden, dann meist nicht, weil sie gegen Israel gerichtet sind, sondern weil sie darin eine mutige Selbstbehauptung gegenüber der oft bemühten "globalen Arroganz" des imperialistischen Westens sehen. Tatsächlich leben die rund 30.000 Juden - die größte jüdische Gemeinde im Mittleren Osten - in Iran weitgehend unbehelligt. Es gibt zahlreiche Synagogen, im Parlament stellen sie einen eigenen Abgeordneten. Vor zwei Wochen beschwerten sich die iranischen Juden in einem Brief an den Präsidenten über dessen Holocaust-Leugnungen.

Einstweilen besteht kaum Hoffnung, dass Ahmadinedschad und seine Gefolgsleute zur Vernunft kommen und ihren ideologischen Schutzraum verlassen. So wenig eine iranische Holocaust-Konferenz - wenn sie denn tatsächlich stattfände - mit seriöser Geschichtsforschung zu tun hätte, so wenig sollte man sie als schlichte Spinnerei abtun. Holocaust-Forscher Aly schlug bereits vor, eine Gegenkonferenz abzuhalten, an der Wissenschaftler aus aller Welt, arabische und israelische Intellektuelle teilnehmen. Sie könnte die Antwort auf die Geschichtskonstrukte des iranischen Regimes geben.

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