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16. Juni 2009, 17:41 Uhr

Iranischer Exil-Oppositioneller

"Dann gibt es ein Blutbad"

Wie hoch schätzen die Reformkräfte in Iran die Chancen für Neuwahlen ein - und kann der Westen helfen? Der prominente Exil-Oppositionelle Mehran Barati spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über Wahlfälschung, Proteste und Europas problematische Strategie gegenüber dem Regime.

SPIEGEL ONLINE: Herr Barati, 19 Millionen Stimmen für Hossein Mussawi, 13 Millionen Stimmen für Mahdi Karrubi: Das sind die Zahlen, mit denen Sie als iranische Opposition einen klaren Sieg des Reformerlagers über Präsident Mahmud Ahmadinedschad begründen. Woher nehmen Sie denn diese Zahlen?

Barati: Sie stammen von gläubigen und wahrheitsgläubigen Menschen aus dem Innenministerium. Und sie wurden Mussawi nach der Wahl auch genauso übermittelt. Ich weiß von dem auch im Westen bekannten iranischen Regisseur Mohsen Machmalbaf, der in direktem Kontakt mit Mussawi steht, dass dieser sich an dem Abend bereit erklärte, mit seinem Wahlsieg zunächst nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Kurz darauf wurde sein Büro von etwa 20 Schlägern besetzt - wenig später war es komplett umstellt. Schließlich erklärte das Innenministerium Ahmadinedschad zum Wahlsieger. Offensichtlich hat es nach der Auszählung der Stimmen eine Intervention der Revolutionswächter und des geistigen Führers Ali Chamenei gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Diese Geschichte und die Zahlen gehen derzeit auch wild durch Blogs im Internet - wieso soll die Welt Ihre Informationen glauben und nicht die der Machthaber?

Barati: Die Informationen sind absolut glaubwürdig und kommen teilweise direkt von Mussawi. Er hatte die Nachricht von seinem Wahlsieg zwar noch nicht veröffentlicht, aber an Vertraute per E-Mail und SMS weitergegeben. Ich stehe mit Vertretern des Reformlagers in London und Paris in Verbindung. Sie erzählen die Wahrheit. So wie es im Moment aussieht, hat Chamenei diese Wahlfälschungsvariante für den Fall der Niederlage von Ahmadinedschad von Anfang an geplant. Das ist keine plötzliche Aktion gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Hängt Chameneis Schicksal damit jetzt am Schicksal Ahmadinedschads?

Barati: Nein, Ahmadinedschad ist für ihn austauschbar. Aber mit dem Sieg des Reformlagers wäre dennoch Chameneis Stunde gekommen. Er ist zwar der religiöse Führer Irans, aber er ist innerhalb des geistlichen Lagers inzwischen isoliert. Deshalb ist er ein Bündnis eingegangen mit den Revolutionswächtern und den Milizen. Die Frage ist nur: Wie weit würde Chamenei gehen? Wird er bereit sein, Zehntausende Menschenleben zu riskieren?

SPIEGEL ONLINE: Was soll das heißen? Befürchten Sie wirklich, dass das Regime ein Blutbad anrichten würde?

Barati: Es ist jedenfalls nicht ausgeschlossen. Die weitere Entwicklung hängt von zwei Dingen ab: Wie sehr weiten sich die Demonstrationen aus, und wie reagiert Chamenei auf die anhaltenden Proteste? Klar ist, dass es bisher keine echte Konfrontation gegeben hat, auch wenn wir Todesopfer zu bedauern haben. Aber falls das auf der Straße entschieden wird, dann gibt es ein Blutbad. Noch habe ich die Hoffnung, dass Chamenei und seine Verbündeten einlenken.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie ernsthaft an Neuwahlen?

Barati: Das würde ich mir wünschen, glaube es aber nicht. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass der Wächterrat zumindest Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen anerkennt und eine Wiederholung in einigen Wahllokalen anordnet. Aber am Ergebnis würde das leider nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Zur Person Mussawi: Der iranische Oppositionelle Bahman Nirumand nannte ihn einst ein "Kleintaschenformat des Ajatollah Chomeini". Stünde der Ex-Ministerpräsident denn wirklich für eine Öffnung des Landes?

Barati: Natürlich sind Mussawi und Karrubi keine Oppositionellen. Auch sie gehören zum Kreis der geistlichen politischen Führung. Aber selbst dort hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Vor allem durch das Internet öffnet sich Iran. Dieser Denkprozess gilt auch für Mussawi und Karrubi. Man kann das auch daran erkennen, dass Mussawis Frau inzwischen dem säkularen, nicht-religiösen Reformerlager sehr viel näher steht als dem ihres Mannes. Außerdem: Für die große Mehrheit der Iraner hat Ahmadinedschad einfach mehrere Linien überschritten. Zum einen mit seiner Rhetorik gegen Israel und der Holocaust-Leugnung, zum anderen mit seinem Versuch, gegen alle wirtschaftliche Vernunft Iran mit überholter Technik atomar aufzurüsten. Dabei hätte er modernste Technologie zur nuklearen Energiegewinnung mit Hilfe des Westens haben können - und zwar deutlich günstiger. Die Mehrheit der Iraner will keine Abenteuer.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte sich der Westen in diesen Tagen verhalten - insbesondere die EU und die USA?

Barati: Leider hat der EU-Außenbeauftragte Javier Solana schon erklärt, dass man am Dialog mit Iran festhalten will. Damit fällt die EU der Opposition eher in den Rücken. Ich würde mir stattdessen wünschen, dass man sich im Moment in Brüssel maximal zurückhält - und dafür Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bittet, nach Teheran zu fahren und zu vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Und Barack Obama?

Barati: Für ihn stellt sich die Situation etwas anders dar. Zur Lösung der Probleme im Nahen Osten braucht man Iran, da muss der US-Präsident jetzt sehr vorsichtig sein.

Das Gespräch führte Florian Gathmann

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