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Irans Einfluss im Libanon: Trend zum Tschador

Von Ulrike Putz, Beirut

Immer mehr Frauen tragen Schleier, Kinder büffeln Persisch, im Fernsehen läuft Teherans Staatssender: Iran dehnt seinen Einfluss im Libanon mit einer Kulturoffensive aus - und hat damit Erfolg. Experten sehen den Grund in der Verteufelung des Regimes durch den Westen.

Iranischer Einfluss im Libanon: Trend zum Tschador Fotos
AP

Der schwarze Stoff gleitet kühl durch die Hand und schimmert dabei dezent. "Dieses Modell hier ist unser Verkaufsschlager", sagt die Verkäuferin in der Tschador-Abteilung des Beiruter Damenbekleidungsgeschäfts. "Kein Tag, an dem wir nicht drei, vier verkaufen." Gut 50 Euro kostet der Umhang, der eine Frau von Kopf bis Fuß verhüllt: Er ist der letzte Schrei unter gläubigen Schiitinnen in Beiruts südlichen Vororten.

"Die Zeiten, in denen unter jedem Tschador in Beirut eine iranische Touristin steckte, sind vorbei", sagt die Verkäuferin stolz. "Unsere Kundinnen sind Libanesinnen, die mit dem Tschador ein Zeichen setzten wollen."

Tschador statt Kopftuch: Für Europäer sind die Nuancen der muslimischen Mode nicht sofort zu durchschauen. Für Menschen in Nahost sind sie ein klar erkennbares persönliches Statement. Dass sich immer mehr Libanesinnen entschließen, sich im konservativen Teheraner Look zu kleiden, ist eine Art Liebeserklärung an Iran - und ein Indiz für den wachsenden Einfluss, den die Islamische Republik Iran auf die Schiiten im Libanon ausübt.

In den vergangenen Jahren trat Iran im Zedernstaat vor allem als Schutzmacht der Schiiten-Miliz Hisbollah in Erscheinung: Teheran leistet Aufbauhilfe und liefert Waffen - und hat mit der Hisbollah ein Instrument, mit dem es direkt an der Nordgrenze Israels Politik machen kann. Die Raketen der Hisbollah-Kämpfer - aus iranischer Produktion - sollen inzwischen selbst Tel Aviv treffen können.

Gleichzeitig dient die Hisbollah Iran als Stellvertreterin im Kampf um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Ein Kampf der auf libanesischem Territorium ausgetragen wird. Im Frühjahr 2008 konnte sie sich in einem mehrtägigen Showdown gegen die vornehmlich vom sunnitischen Saudi-Arabien protegierte prowestliche Allianz durchsetzen. 80 Menschen kamen bei den Kämpfen ums Leben.

"Iran ist dabei, das Land kulturell zu teilen"

Ideologisch und religiös liegen Teheran und die Hisbollah schon lange auf einer Linie. Die Hauswände in der Dahije beweisen es: Die südlichen Vororte Beiruts sind die Hochburg der Miliz und wurden deshalb im Sommerkrieg 2006 von israelischen Bomben schwer zerstört. Heute hängen an den - häufig mit iranischem Geld - wieder aufgebauten Wohnblocks erneut die sonnengebleichten Ikonen der Islamischen Revolution. Fotos eines finster dreinblickenden Ajatollah Chomeini prangen neben dem seines milde lächelnden Nachfolgers Ali Chamenei. Vervollständigt wird das Tryptichon der Schiiten-Führer von Hassan Nasrallah, dem Chef der Hisbollah.

Die Fraternisierung zwischen Teheran und Süd-Beirut beschränkte sich in der Vergangenheit aufs Politisch-Religiöse. Die persische und arabische Lebensart seien sich zu fremd, als dass der Einfluss Teherans auch auf die Kultur des Libanon durchschlagen würde, hieß es lange. Nun schlagen andersgläubige Libanesen, allen voran Sunniten und Christen Alarm, die sich vom rasanten Bevölkerungswachstum der Schiiten unter Druck gesetzt sehen. "Wir sehen dieses langsame Einsickern iranischer Kultur mit größter Sorge", sagt ein Beiruter Analyst, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will - das Thema sei zu "sensibel und gefährlich". "Iran ist dabei, das Land kulturell zu teilen", so der Beobachter.

Tatsächlich hat Iran den Export seiner Sprache und Kultur in den Libanon in den vergangenen Jahren mit viel Geld gefördert. Das "Iranische Kultur-Komitee", eine Art persische Variante des deutschen Goethe-Instituts, betreibt in Beirut eine seiner größten Niederlassungen weltweit - in einem Land mit gerade mal vier Millionen Einwohnern.

Instituts-Leiter Abolfazl Salehinia begreift seine Arbeit als Beitrag zum Kulturkampf Nahost gegen West, für den der Libanon traditionell als Schlachtfeld herhalten müsse. "Der Westen attackiert Iran auf der ganzen Welt. Im Libanon starten wir unsere Gegenoffensive", so Salehinia. Die Erfolge seien beachtlich. "Das hier ist fruchtbarer Boden für uns, wegen der Schiiten." Literatur-Festivals, Märkte für iranisches Kunsthandwerk oder Teppiche, der jährliche Zyklus iranischer Filme in Beiruts Art-House-Kino: alle hätten sie enormen Zulauf. "Das Interesse wächst Tag für Tag, wir können dabei zuschauen."

Persisch als erste Fremdsprache an den Mehdi-Schulen

Einen großen Etappensieg errang Salehinia vor gut einem Jahr: Damals stimmten die Eltern der Kinder auf den 13 Hisbollah-nahen Mehdi-Schulen im Libanon dafür, Persisch als erste Fremdsprache einzuführen. "90 Prozent waren dafür", freut sich Salehinia. Die ABC-Schützen lernten seitdem von der ersten Klasse an Farsi, allein die ersten beiden Jahrgänge umfassen 2000 Schüler. Auch Schiiten, die ihre Kinder nicht auf Hisbollah-Schulen schickten, hegten ein Interesse für alles Persische. Sie brächten ihren Nachwuchs in die Persisch-Kurse, die das Institut nach Schulschluss anbietet. "Demnächst richten wir einen Master-Studiengang an der Libanesischen Universität ein", sagt Salehinia.

Doch nicht nur die Sprache, auch die iranische Lesart der politischen Lage soll unter das arabische Volk gebracht werden. Al-Alam, das staatliche iranische Auslands-TV, sendet deshalb auf Arabisch und per Satellit im gesamten Nahen Osten. "Wir zeigen der Welt die iranische Sicht der Dinge", sagt Atef Mussawi, der das gut 100 Mitarbeiter starke Beiruter Büro des Senders leitet. Das Interesse sei enorm: Längst liege al-Alam im Ranking der arabischsprachigen Nachrichtensender auf Platz drei, hinter al-Dschasira und al-Arabia. Und al-Alam will im Libanon expandieren: Demnächst soll das Pendant der "Tagesschau" nicht mehr aus Teheran, sondern direkt aus Beirut in die Wohnzimmer der arabischen Welt gesendet werden.

Den Grund für das wachsende Interesse an allem Iranischen sehen Experten in der Politik. Die Verteufelung Irans im Atomkonflikt habe zum Schulterschluss vieler Libanesen mit Teheran geführt, sagt Amal Saad-Ghorayeb, Autorin des Buches "Hisbollah: Politik und Religion". Schiiten hüben wie drüben fühlten sich von der Welt missverstanden und hegten deshalb große Sympathien füreinander.

"Wenn Libanesinnen heute Tschador tragen", erklärt Saad-Ghorayeb, "dann nicht, weil sie plötzlich religiös geworden sind. Sie beschwören damit die Achse Teheran/Süd-Beirut."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Verwundert?
semir, 02.05.2010
Zitat von sysopImmer mehr Frauen tragen Schleier, Kinder büffeln Persisch, im Fernsehen läuft Teherans Staatssender: Iran dehnt seinen Einfluss im Libanon mit einer Kulturoffensive aus - und hat damit Erfolg. Experten sehen den Grund in der Verteufelung des Regimes durch den Westen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691838,00.html
Nicht nur im Libanon.In Ägypten und vielen weiteren Ländern ist sympathisieren immer mehr Sunniten mit der schiitischen Hisbollah.
2. nicht religiös?
Walther Kempinski, 02.05.2010
Frauen tragen Tschador aus nicht religiösen Gründen? Das kann ich mir nur schwer vorstellen ehrlich gesagt. Vor allem im Mittelmeerraum, wo es schwül und heiß ist, sich so einen schwarzen Körperpanzer zulegen? Vor allem wem gegenüber zeigt man diese Solidarität den armen Atombrüdern im Iran? Müssen die Frauen im Libanon damit rechnen, dass auf jeden Bürger ein ausländisches Kamerateam entfällt? Ich denke es geht in erster Linie um Religion und um die Demonstration dieser. Was spricht denn dagegen, dass Menschen die sich freiwillig derart kastrieren dies nicht aus Gründen religiösen Eifers tun?
3. Natürlicher Vorgang
semir, 02.05.2010
Zitat von Walther KempinskiFrauen tragen Tschador aus nicht religiösen Gründen? Das kann ich mir nur schwer vorstellen ehrlich gesagt. Vor allem im Mittelmeerraum, wo es schwül und heiß ist, sich so einen schwarzen Körperpanzer zulegen? Vor allem wem gegenüber zeigt man diese Solidarität den armen Atombrüdern im Iran? Müssen die Frauen im Libanon damit rechnen, dass auf jeden Bürger ein ausländisches Kamerateam entfällt? Ich denke es geht in erster Linie um Religion und um die Demonstration dieser. Was spricht denn dagegen, dass Menschen die sich freiwillig derart kastrieren dies nicht aus Gründen religiösen Eifers tun?
Yep.Viele nicht-religiöse sind nicht sehr glücklich über die westliche Politik im Bezug auf arabische Länder und solidarisieren sich mit den religiösen.
4. Brücken des Dialogs bauen, Brücken gerade auch zum Islam?
heinrichp 02.05.2010
Zitat von sysopImmer mehr Frauen tragen Schleier, Kinder büffeln Persisch, im Fernsehen läuft Teherans Staatssender: Iran dehnt seinen Einfluss im Libanon mit einer Kulturoffensive aus - und hat damit Erfolg. Experten sehen den Grund in der Verteufelung des Regimes durch den Westen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691838,00.html
Entweder Rivalität der Religionen, Zusammenprall der Kulturen, Krieg der Nationen – oder Dialog der Kulturen und Frieden zwischen den Religionen als Voraussetzung für den Frieden zwischen den Nationen! Sollten wir angesichts der tödlichen Bedrohung der Gesamtmenschheit nicht, anstatt neue Dämme des Hasses, der Rache und Feindschaft aufzurichten, lieber die Mauern des Vorurteils Stein um Stein abtragen und damit Brücken des Dialogs bauen, Brücken gerade auch zum Islam? http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/pages/Paradigmenwechsel_der_Religionen-1560247.html
5. Na toll:
deb2006, 02.05.2010
Zitat von sysopImmer mehr Frauen tragen Schleier, Kinder büffeln Persisch, im Fernsehen läuft Teherans Staatssender: Iran dehnt seinen Einfluss im Libanon mit einer Kulturoffensive aus - und hat damit Erfolg. Experten sehen den Grund in der Verteufelung des Regimes durch den Westen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,691838,00.html
Da tritt also dann die "Schutzmacht" Iran an die Stelle der ehemaligen "Schutzmacht" Syrien. Der Libanon ist wirklich zu bedauern. Gleichzeitig marschiert Iran damit quasi an der Grenze zu Israel auf. Iran ist wirklich eines der unsympathischsten Länder unter der Herrschaft dieses kleinen Teufgels in Teheran geworden. Wird Zeit, dass denen mal jemand klare Grenzen aufzeigt.
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Geschichte des Libanon
Eine Chronologie der leidvollen Vergangenheit des Landes an der Mittelmeerküste:
1958: Erster Bürgerkrieg
Bis in die fünfziger Jahre gilt der 1943 von Frankreich in die Unabhängigkeit entlassene Libanon als "Schweiz des Nahen Ostens". Die Wirtschaft blüht, die religiösen Gruppen leben in Frieden miteinander.

Corbis
Danach jedoch prägen Turbulenzen und Gewalt die Geschichte des Landes. Der erste Bürgerkrieg bricht 1958 nach Spannungen zwischen Muslimen und Christen aus. Auf Ersuchen von Staatspräsident Camille Chamoun entsandte US-Marineinfanteristen sorgen eine zeitlang für relative Ruhe.
1968: Kairoer Abkommen
Corbis
1968, ein Jahr nach dem arabisch-israelischen Sechstagekrieg, greifen Palästinenser vom Südlibanon aus immer wieder Israel an. 1969 schließen der Libanon und Palästinenserführer Jassir Arafat das Kairoer Abkommen zur Eindämmung der Guerilla-Aktivitäten.
1975 bis 1990: Zweiter Bürgerkrieg
Im Libanon herrscht Bürgerkrieg zwischen christlichen Milizen und muslimischen Verbänden. Die Folge sind schwere Verwüstungen - und 150.000 Tote. Einige der Milizen wechseln im Verlauf des Krieges die Fronten. 1976 greift die syrische Armee ein, 1978 besetzt Israel den Süden (bis zum Jahr 2000).
1982: Israelische Militäraktion
DPA
Die Israelische Militäraktion "Frieden für Galiläa" zur Zerschlagung der Palästinensische Befreiungsorganisation PLO von Jassir Arafat. Israel duldet dabei Massaker christlicher Milizen in den Palästinenserlagern Sabra und Schatila in Beirut.
1991: Syrien-Bündnis
Libanon schließt Freundschafts- und Sicherheitsabkommen mit Syrien, die dem libanesischen Nachbarland bis 2005 maßgeblichen Einfluss sichern. Aufteilung der Macht zwischen Christen und Muslimen. Unter Ministerpräsident Rafik al-Hariri, der bis 2004 mit Unterbrechungen regiert, erlebt das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung.
1993 und 1996: Angriffe Israels
REUTERS
Israel beantwortet Raketenbeschuss jüdischer Siedlungen mit massiven Angriffen auf Stützpunkte der schiitischen Hisbollah im Südlibanon. 2000 Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon.
2005: Zedernrevolution
REUTERS
Ein Bombenanschlag erschüttert Beirut im Februar 2005: Das Attentat gilt Ex-Ministerpräsident Rafik al-Hariri, er stirbt. Daraufhin brechen massive Proteste gegen die syrische Präsenz los ("Zedernrevolution").

Die syrische Armee zieht schließlich ab. Doch der Libanon wird von einer neuen Attentatswelle überzogen. Zu den vielen weiteren anti-syrischen Mordopfern zählt Industrieminister Pierre Gemayel (2006).

2006 bis heute: Krieg und Regierungskrise
DPA
Im Juli und August 2006 erlebt der Libanon einen Krieg zwischen Israel und der Hisbollah mit schweren Zerstörungen und mehr als 1000 Toten. Danach sichert eine Uno-Friedenstruppe die südliche Grenze des Landes.

Sechs pro-syrische Minister treten im November 2006 zurück, es folgen Demonstrationen der Opposition und eine anhaltende Regierungskrise. Erst mit dem Doha-Versöhnungsabkommen und der Wahl von Ex-Armeechef Michel Suleiman zum Präsidenten wird die Staatskrise im Mai 2008 beendet.

AFP
Im November 2009 wird der Sohn des ermordeten Rafik al-Hariri, Saad al-Hariri, als neuer Premier vereidigt - sein pro-westliches Lager hat bei den Parlamentswahlen die Mehrheit behaupten können. An der Regierung ist auch die pro-iranische Hisbollah beteiligt. Sie bringt die Koalition schließlich zu Fall, als sie am 11. Januar 2011 erklärt, ihre Minister aus dem Kabinett abzuziehen. Der Grund: Hariri habe sich nicht von dem Uno-Tribunal distanziert, das den Mord an seinem Vater aufklären soll.


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