Irans Oppositionelle "Ich habe das Leben meiner Familie aufs Spiel gesetzt"

Von , Istanbul

2. Teil: "Mama, da ist eine Frau am Telefon, die ist sehr wütend auf dich"


Als Nagin Stunden später ihre Kinder in die Arme nimmt, hat sie Blutergüsse am ganzen Körper. Sie hustet, sie muss sich übergeben, ihre Augen tränen. Ihr Mann ist erschüttert. Er will, dass Nagin das Haus nicht mehr verlässt. "Das konnte ich ihm nicht versprechen", sagt sie. "Nicht nach allem, was passiert ist. Aber letzten Endes beneidete mich mein Mann, er hätte mich gerne begleitet, aber er durfte nicht. Er arbeitet für den Staat, er hätte sofort seinen Job verloren, wenn man ihn verhaftet hätte."

In den Folgetagen stimmt sich Nagin mit ihren Freunden ab - über die Web-Seiten der Mussawi-Bewegung wissen sie stets, wo sie sich treffen müssen. Doch sie macht einen Fehler. Auf einem Online-Formular hinterlässt sie ihren Namen und ihre Adresse; dass die Seite von Ahmadinedschad-Anhängern gehackt wurde, erfährt sie zu spät. Als das Telefon klingelt, nimmt Nagins Sohn ab. "Mama, da ist eine Frau am Telefon, die ist sehr wütend auf dich. Sie will, dass du zur Polizei gehst."

Nagin hält den Anruf für eine Farce. Sie weigert sich, zur Polizei zu gehen, statt dessen demonstriert sie, ein letztes Mal. Es ist Samstag, der 20. Juni: Ajatollah Chamenei, der oberste religiöse Führer, hat sich am Vortag, nach der Freitagspredigt, offen auf die Seite Ahmadinedschads gestellt. Die Wahl sei entschieden, wer jetzt noch demonstriere, müsse die Konsequenzen selber tragen.

Der "blutige Samstag" wird auch für Nagin zum Verhängnis. An jenem Abend wird sie dabei gefilmt, wie sie sich wehrt; wie sie und zwei andere es schaffen, einem Bassidsch-Mann den Schlagstock abzunehmen und zurück zu prügeln. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich dazu fähig war, aber es war die größte Befreiung meines Lebens."

Nagins Mann rät ihr zur Flucht ins Ausland

Sie hält nicht lange an. Nagin gerät erneut in eine Tränengaswolke, dieses Mal ist es noch schlimmer. "Ich konnte nicht mehr atmen, ich wollte nur noch sterben. Meine Freunde haben mich angeraucht, aber es half nicht." Ein Freund rät ihr ab, ins Krankenhaus zu gehen: Das Personal dort sei angeblich angewiesen worden, verletzte Demonstranten sofort der Polizei zu übergeben. Aber der Schmerz ist zu stark, Nagin hat keine Wahl. Obendrein hat sie seltsame Schwellungen an den Armen, ihre Haut beginnt sich zu schälen. Sie lässt sich abtransportieren.

Im Krankenhaus erfährt sie, dass ihre Lungen nicht mehr ganz funktionstüchtig seien. Der Arzt verschreibt ihr ein Spray und Kortison gegen die Hautirritationen. Woher die Flecken kommen könnten, will keiner sagen. Im Wartesaal steht Nagins Mann. "Er sagte mir, dass unser Haus überwacht wird. Er sagte auch, dass es jetzt wohl das Beste für die Familie sei, wenn ich das Land für eine Weile verlassen würde." Ein Flug sei schon gebucht. Nur ein Hinflug. In die Türkei.

Nagin wollte eigentlich nicht nach Istanbul. Sie sagt, sie wäre lieber nach Dubai geflohen. Doch das dortige Visum hätte nur 15 Tage gereicht, in der Türkei gibt es hingegen gar keine Visumspflicht für Iraner. Hier kann sie auf unbestimmte Zeit bleiben.

Welche Perspektive hat sie? Ein Monat ist nun vergangen. Das Geld reicht, aber Nagin hat keine Freunde in Istanbul. Sie spricht kein Türkisch und ihr Englisch reicht nicht aus, um Barrieren zu überwinden. Sie sagt, es gebe viele Iraner in der Türkei. Doch sie weiß nicht, wem sie vertrauen soll. "Der Geheimdienst hat seine Leute hier, jeder weiß das."

Und die Kinder? Ein Schmerz, mit dem sie ins Bett geht und mit dem sie jeden Morgen aufwacht. "Niemand kann das nachvollziehen, der nicht selber Mutter ist. Ich mache mir Vorwürfe. Ich weiß, ich hätte es nie soweit kommen lassen sollen."

Aus ihrem Istanbuler Hotel telefoniert sie, so oft es geht, in die Heimat. Doch über Politik darf nicht gesprochen werden. Einmal fragte Nagin ihren Mann, ob noch protestiert werde. "Den Kindern geht es gut, danke", antwortete er.


* Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

insgesamt 4111 Beiträge
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Seite 1
Betonia, 17.07.2009
1.
Zitat von sysopIrans Hauptstadt wird erneut von Unruhen erschüttert. Nach dem Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani liefert sich die Opposition Straßenschlachten mit der Polizei. Wie geht es weiter in Iran?
Die letzten Demonstrationen und das Verhalten der Machthaber hat bei der Bevölkerung etwas losgetreten. Das wird schwer zu stoppen sein.
Die_Geistwurst, 17.07.2009
2.
Zitat von sysopIrans Hauptstadt wird erneut von Unruhen erschüttert. Nach dem Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani liefert sich die Opposition Straßenschlachten mit der Polizei. Wie geht es weiter in Iran?
Meine Einschätzung ist, dass die Regierung ihre Macht mit allen Mitteln verteidigen wird.
iranrevolution2009 17.07.2009
3. Es gibt nur noch zwei Wege
Möglichkeit 1: Die beiden Lager einigen sich über eine Art Machtaufteilung und es herrscht zumindes in dem Herrschersystem Einigkeit (Unabhängig was Menschen wollen) Möglichkeit 2) Es gibt keine Einigung und die Menschen halten den Druck aufrecht, dann gibt es nur die Möglichkeit erst Ahamdai und dann Chamenei abzusetzen. Hier sind die Gewinner auch Menschen.
Zarathustra, 17.07.2009
4. Was in den letzten Tagen geschah:
• ِDie beiden Großayatollahs Montazeri und Zanjani haben in einem ungewöhnlich scharfen Ton, ohne Namen zu nenne, die Führung angegriffen • Ayatollah Ostadi, der Hauptprädiger in der religiösen Statdt Qom, hat seinen Streik für die nächsten Wochen bekannt gegeben. D.h. er wird auf das Predigen im Freitagsgebet verzichten. Dafür hat er von 19 weiteren Religionsgelehrten aus Ghom Unterstützung und Zuspruch bekommen. • Mohsen Rezai (der vierte Kandidat) sieht die Zukunft des Systems als sehr schwarz. • Revolution und Widerstand der Frauen: Nicht nur junge Frauen, sondern auch ältere und Frauen mit Tschador machen bei den Protesten mit • Erfinderischer Widerstand: jedes Mal, wenn man im staatlichen Fernsehen die Führung oder irgendein Interview mit einem Inhaftierten zeigen will, setzen die Menschen sämtliche Elektrogeräte ein und legen so die Stromversorgung für eine bestimmte Zeit lahm. • Rausschmiss von zwei Ahmadi nahe stehenden Mitgliedern des Schlichtungsrates, der von Rafssanjani geleitet wird. • Ahmadi in Mashhad http://www.bazyab.ir/index.php?option=com_content&task=view&id=46155&Itemid=1 Dieser Mensch hat angeblich über 24 Millionen stimmen erhalten und wird bei seinem ersten Besuch nach den Wahlen in der heiligen Stadt Mashhad von gerade einigen hunderten Menschen bejubelt.
Betonia, 17.07.2009
5.
Zitat von iranrevolution2009Möglichkeit 1: Die beiden Lager einigen sich über eine Art Machtaufteilung und es herrscht zumindes in dem Herrschersystem Einigkeit (Unabhängig was Menschen wollen) Möglichkeit 2) Es gibt keine Einigung und die Menschen halten den Druck aufrecht, dann gibt es nur die Möglichkeit erst Ahamdai und dann Chamenei abzusetzen. Hier sind die Gewinner auch Menschen.
Wobei mir nicht ganz klar ist, was die Mehrzahl der Menschen im Iran wollen. 1. Eine islamische Republik mit ein paar Änderungen und etwas weniger Drangselei von oben. 2. Oder wollen sie eine demokratische - sprich westliche -Form der Regierung, in der Religionen und deren Vorschriften Privatsache sind.
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