Ende von Abtreibungsverbot Zeitenwende in Irland

Die große Mehrheit der Iren hat sich für die Legalisierung von Abtreibungen ausgesprochen - eine deutliche Absage an den strengen Konservativismus früherer Jahre.

Keisha Taylor, Aktivistin der feministischen Bewegung "Rosa"
Getty Images

Keisha Taylor, Aktivistin der feministischen Bewegung "Rosa"

Von Sascha Zastiral


Die Entscheidung fiel eindeutiger aus als erwartet: Menschen in Irland haben mit großer Mehrheit für ein Ende des strikten Abtreibungsverbots gestimmt. Laut dem offiziellen Endergebnis stimmten 66 Prozent der Wählerinnen und Wähler dafür, einen Verfassungszusatz zu streichen, der Abtreibungen in beinahe allen Fällen verbietet.

Es ist eine überraschend deutliche Absage an den strengen gesellschaftlichen Konservativismus früherer Jahre. Die einst erzkatholische Republik Irland könnte sich damit schon bald in Sachen Abtreibungen dem Rest Westeuropas anschließen.

Rund 3,2 Millionen registrierte Wahlberechtigte waren dazu aufgerufen zu entscheiden, ob der achte Verfassungszusatz gestrichen werden soll. Dieser Zusatz setzt das Recht auf Leben von ungeborenen Kindern dem ihrer Mütter gleich. Damit waren Abtreibungen bislang praktisch unmöglich. 1983 haben die Iren in einem Referendum mit großer Mehrheit dafür gestimmt, das Abtreibungsverbot in die Verfassung zu schreiben. Konservative Gruppen hatten damals auf diese Verfassungsänderung gedrängt, da sie befürchteten, dass die Politiker des Landes das Verbot irgendwann lockern könnten.

Weitgehend uneingeschränkte Abtreibungen bis zur 12. Woche

Wegen des eindeutigen Ergebnisses könnte die Regierung schon bald Gesetze auf den Weg bringen, die Abtreibungen legalisieren. Regierungschef Leo Varadkar möchte, dass bis zur zwölften Schwangerschaftswoche Abtreibungen weitgehend uneingeschränkt erlaubt werden. Danach sollen Schwangerschaftsabbrüche nur dann möglich sein, wenn das Wohlergehen der Mutter gefährdet ist oder es zu tödlichen Fehlbildungen des Fötus kommt - eine ganz ähnliche Regelung wie in Deutschland.

Stimmenauszählung zum Abtreibungsreferendum in Irland
DPA

Stimmenauszählung zum Abtreibungsreferendum in Irland

Ein knappes Ergebnis hätte zu einem Streit im Parlament führen können. Die Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes hätte sich verzögern können, Abtreibungsgegner hätten Einschränkungen erzwingen können. Der nun erwartete eindeutige Ausgang des Referendums dürfte hingegen die Befürworter einer weitreichenden Liberalisierung stärken.

Die beiden großen Parteien des Landes, Fine Gael und Fianna Fáil, haben sich vor dem Referendum zwar auf keine offiziellen Positionen festgelegt. Ihre Politiker haben sich allerdings mehrheitlich für eine Aufhebung des Abtreibungsverbots ausgesprochen. Die kleineren Parteien Sinn Fein und Labour haben sich vor dem Referendum dafür eingesetzt, Abtreibungen unter gewissen Voraussetzungen zu erlauben. Sie könnten im Fall eines Erdrutschsieges der Abtreibungsbefürworter ihre Positionen ändern und sich ebenfalls für eine umfassende Liberalisierung aussprechen.

"Abschütteln alter Sitten"

Laut der Wählerbefragung der "Irish Times" haben sich die Wählerinnen und Wähler im gesamten Land für eine Lockerung ausgesprochen. In der Hauptstadt Dublin haben demzufolge 77 Prozent dafür gestimmt - das war zu erwarten. Doch auch in Connacht/Ulster, der traditionell konservativsten Region des Landes, sollen sich 59 Prozent für eine Aufhebung ausgesprochen haben.

Die 18- bis 25-Jährigen haben sich dabei besonders klar positioniert: Sie haben der Wählerbefragung zufolge mit 87 Prozent für eine Aufhebung des achten Verfassungszusatzes gestimmt. Doch selbst von den 50- bis 64-Jährigen scheint sich eine klare Mehrheit von 63 Prozent für eine Liberalisierung ausgesprochen zu haben. Erst bei den über 65-Jährigen gibt es offenbar eine Mehrheit für einen Erhalt des verfassungsmäßigen Verbots von Abtreibungen.

"Dieses Referendum stellt nicht einen Aufstand der Jungen gegen die Alten in Irland dar", schreibt dazu die "Irish Times". "Es ist eine grundsätzliche Ablehnung des Vorangegangenen durch das ganze Land. Das endgültige Abschütteln der alten Sitten."

Im Video: Pro und Contra Abtreibung in Irland

REUTERS

Dieser Gesinnungswandel hängt eng damit zusammen, dass die katholische Kirche in Irland in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Großteil ihrer moralischen Autorität eingebüßt hat. Sie trat dieses Mal in der Debatte im Vorfeld des Referendums auch so gut wie gar nicht in Erscheinung. Das sah im Vorfeld des Referendums 1983 noch ganz anders aus: Das Aktionsbündnis, das sich damals dafür ausgesprochen hat, das Abtreibungsverbot in der Verfassung festzuschreiben, war ein Zusammenschluss katholischer Organisationen. Bei Kundgebungen dieser Gruppen waren Rosenkränze und Kreuze allgegenwärtig. Papst Johannes Paul II. und die irischen Bischöfe sprachen sich klar für eine Ausweitung des Verbots aus.

Doch seitdem hat eine Reihe von Enthüllungen das Ansehen der katholischen Kirche in Irland schwer beschädigt. Seit den Neunzigerjahren wurden zahlreiche Fälle von schweren Misshandlungen in kirchlichen Wohnheimen bekannt. Katholische Priester sollen in den vergangenen Jahrzehnten auch in Irland Tausende Kinder missbraucht haben. Seitdem sind konservative katholische Gruppen mehrfach mit politischen Initiativen gescheitert - zuletzt 2015 beim Referendum über die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe.

Aufatmen bei den Social-Media-Konzernen

In den Chefetagen von Facebook und Google dürfte man nach dem sehr wahrscheinlichen Ausgang des Referendums kollektiv aufgeatmet haben. Denn in den vergangenen Wochen waren viele Iren in den sozialen Medien und auf Google mit Anzeigen von radikalen Abtreibungsgegnern regelrecht bombardiert worden. Hinter vielen dieser Posts standen Gruppen aus dem Ausland, unter anderem aus den USA. Ganz offensichtlich versuchten diese Gruppen, den Ausgang des Referendums in Irland in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Eine Zeitlang sah es danach aus, als könnten sie damit erfolgreich sein: In Umfragen legten die Gegner einer Liberalisierung kürzlich überraschend stark zu. Vor zwei Wochen dann zog Facebook überraschend die Notbremse und stoppte alle Anzeigen, die aus dem Ausland finanziert worden waren. Einen Tag später setzte Google sämtliche Werbeanzeigen aus, die mit dem Referendum zu tun hatten. In Erklärungen ließen die Konzerne wissen, ihnen liege "die Integrität von Wahlen" am Herzen.

Was genau die IT-Riesen zu ihrer panisch wirkenden Reaktion veranlasst hat, behielten sie für sich. Vielleicht wollte man bei Google und Facebook nach dem Leave-Votum der Briten und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten nicht gleich wieder Vorwürfen ausgesetzt sein, bei einer folgenschweren Entscheidung zu wenig getan zu haben, um eine Einflussnahme durch politische Akteure zu verhindern. Der Sturm um Cambridge Analytica, Moskaus Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahlen in den USA vor zwei Jahren und um millionenfach gestohlene Facebook-Nutzerdaten hat sich noch nicht einmal ansatzweise gelegt.

Im Norden nichts Neues

Wie auch immer das Referendum letzten Endes ausgehen sollte: In einem Teil von Irland wird sich dadurch erst einmal gar nichts ändern - in Nordirland. In der von Großbritannien kontrollierten Region wurde das Abtreibungsgesetz aus dem Jahr 1967 nie umgesetzt, das im Rest des Vereinigten Königreichs Schwangerschaftsabbrüche erlaubt. Die damalige protestantisch-unionistische Regierung ignorierte es schlicht. Kurz darauf brach der blutige Nordirlandkonflikt aus, der die Region drei Jahrzehnte lang überschatten sollte. In London hatte in dieser Zeit offenbar niemand ein Interesse daran, mit einer Legalisierung von Abtreibungen in Nordirland noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Das Thema wurde unter den Teppich gekehrt.

Nun könnte das kleine Nordirland zur letzten Region Westeuropas werden, in der Abtreibungen verboten sind. Schon kurz nach der Veröffentlichung des Ergebnisses der Wählerbefragung am Freitagabend meldeten sich mehrere britische und nordirische Politiker zur Wort und sprachen sich dafür aus, Abtreibungen auch in Nordirland zu legalisieren.

Doch es ist unwahrscheinlich, dass sich dort so schnell etwas ändern wird. Nordirland hat keine funktionierende Regionalregierung, seit sich die größte unionistische und die größte republikanische Partei, die DUP und Sinn Fein, vor über einem Jahr nicht auf die Bildung einer (in der Region vorgeschriebenen) Einheitsregierung einigen konnten. Die DUP ist zudem für ihre extrem rückwärtsgewandten gesellschaftlichen Ansichten bekannt.



insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
firenafirena 26.05.2018
1. Ein Sieg der Realität
Abtreibungen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Eine Legalisierung unter den genannten Auflagen wird weder die reale Anzahl maßgeblich erhöhen noch einen Verfall der Sitten nach sich ziehen. Ungeborenes Leben hat Rechte, jedoch kann dieses Recht nicht über das Selbstbestimmungsrecht der Person gestellt werden, die mit ihrem ganzen Sein und ganzen Körper dieses Leben in sich birgt. Die Frage, wann Leben beginnt wird man nie final für jeden zufriedenstellend klären können. Daher ist der Kompromiss der ersten 3 Monate sinnvoll, da auch während dieser Zeit aus ganz natürlichen Gründen viele Schwangerschaften enden.
poetnix 26.05.2018
2.
Gut so ! Es erstaunt immer wieder, mit welcher Dreistigkeit polisch/religiös motivierte Männerbünde über die Selbstbestimmung der Frauen hinweggehen und bestimmen. Wer als Mann beurteilen will, wie sich eine Frau vor einer Abtreibung fühlt, der muss erst noch geboren werden.
cmann 26.05.2018
3. Endlich eine klare Trennung
von Kirche und Staat ist in Irland nach diesem Referendum zu erhoffen. Viel zu lange hat sich die katholische Kirche in Belange des Staates eingemischt. Was sich da in Irland zeitweise uter dem Deckmantel der katholischen Kirche abgespielt hat (angefangen beim sexuellen Mißbrauch über Mißhandlungen durch Nonnen und Patres in katholischen "Einrichtungen") unbs vertuscht wurde ist in dieser als liberal und aufgeklärt geltenden Zeit unfassbar. Das traurige ist das die Politiker in Irland größtenteils "mitgespielt" haben.
denkstop 26.05.2018
4. Sieg über die Kirche?
Es war zu Erwarten, dass die letzten Bastionen des Konservativismus irgendwann fallen würden. Bei aller Freude über die gewonnene Freiheit sollte aber die Problematik des Einzelfalls auch gesehen werden. Denn die Freiheit, zu entscheiden, ob das Ungeborene das Licht der Welt erblicken darf, ist auch eine große Last. Hierzulande ist es längst eine Selbstverständlichkeit geworden, dass eine Schwangerschaft die Frage aufwirft: will ich das Kind oder mache ich das weg? Die Entscheidung treffen zu dürfen, heißt leider auch, sie treffen zu müssen. Nach den Erfahrungen in meinem Bekanntenkreis sehe ich leider viel Überforderung, Nachentscheidungskonflikte, Zweifel, Gewissensnot. Aber auch bei manchen Frauen, die anfechtungsfrei die Entscheidung getroffen haben, dachte ich manchmal: etwas weniger Leichtfertigkeit wäre angebracht. Nicht nur um des Ungeborenen Willens, sondern auch wegen des Beziehungsdramas, das dabei am Rande ablief. Der Beratungsschein ist doch allzuleicht zu bekommen, echte, hilfreiche Beratung findet oft nicht statt. Der innerfamiläre Konflikt wird nicht genug gewürdigt. Die Abtreibende steht mit ihrem Entschluss mitunter alleine gegen die Familie. Oder noch schlimmer: wenn Schwangere von ihrer Familie zum Abbruch gedrängt werden, weil man der Frau die Mutterrolle nicht zutraut. Ich würde Irland wünschen, dass man dort eine bessere Lösung findet, als wir sie hier in Deutschland derzeit haben. Es wäre in so einem konservativen Land umso wichtiger.
firenafirena 26.05.2018
5.
Zitat von denkstopEs war zu Erwarten, dass die letzten Bastionen des Konservativismus irgendwann fallen würden. Bei aller Freude über die gewonnene Freiheit sollte aber die Problematik des Einzelfalls auch gesehen werden. Denn die Freiheit, zu entscheiden, ob das Ungeborene das Licht der Welt erblicken darf, ist auch eine große Last. Hierzulande ist es längst eine Selbstverständlichkeit geworden, dass eine Schwangerschaft die Frage aufwirft: will ich das Kind oder mache ich das weg? Die Entscheidung treffen zu dürfen, heißt leider auch, sie treffen zu müssen. Nach den Erfahrungen in meinem Bekanntenkreis sehe ich leider viel Überforderung, Nachentscheidungskonflikte, Zweifel, Gewissensnot. Aber auch bei manchen Frauen, die anfechtungsfrei die Entscheidung getroffen haben, dachte ich manchmal: etwas weniger Leichtfertigkeit wäre angebracht. Nicht nur um des Ungeborenen Willens, sondern auch wegen des Beziehungsdramas, das dabei am Rande ablief. Der Beratungsschein ist doch allzuleicht zu bekommen, echte, hilfreiche Beratung findet oft nicht statt. Der innerfamiläre Konflikt wird nicht genug gewürdigt. Die Abtreibende steht mit ihrem Entschluss mitunter alleine gegen die Familie. Oder noch schlimmer: wenn Schwangere von ihrer Familie zum Abbruch gedrängt werden, weil man der Frau die Mutterrolle nicht zutraut. Ich würde Irland wünschen, dass man dort eine bessere Lösung findet, als wir sie hier in Deutschland derzeit haben. Es wäre in so einem konservativen Land umso wichtiger.
Wie viele Frauen kennen Sie denn tatsächlich, die eine Abtreibung hinter sich haben? So wie Sie schreiben müssen das ja etliche sein und das ist kaum zu glauben. Im Übrigens ist in konservativen Gesellschaften das Gegenteil der Fall: Da wird die Frau gedrängt, ein Kind in jedem Fall zu behalten, aber echte Unterstützung gibt es nicht! Eine "bessere" Lösung wird man nicht finden, da es zu viele Ansichten und Meinungen gibt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.