Historischer Parlamentsbeschluss: Irland erlaubt erstmals Abtreibungen

Sie erhielten mit Blut beschmierte Briefe und Morddrohungen - doch das hat Irlands Parlamentarier nicht von einem historischen Beschluss abgehalten: Abtreibungen sind in dem Land künftig erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Die katholische Kirche ist entsetzt.

Dublin - Irlands Parlament hat erstmals Abtreibungen unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Das Parlament des katholischen Landes stimmte in der Nacht zu Freitag mit 127 gegen 31 Stimmen für ein Gesetz, das einen Schwangerschaftsabbruch zulässt, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist. Unter die lebensbedrohlichen Situationen, die eine Abtreibung erlauben, würde demnach auch ein Selbstmordrisiko bei der Schwangeren fallen.

Dem nächtlichen Beschluss, der noch vom irischen Oberhaus bestätigt werden muss, waren lange Debatten vorausgegangen. Bis zuletzt war vor Gerichten versucht worden, einen Aufschub zu erreichen. Während Gegner des Gesetzes nun steigende Abtreibungszahlen in Irland befürchten, geht die Regelung anderen nicht weit genug. Kritiker bemängeln, dass Vergewaltigungs- und Inzestopfer nach wie vor nicht automatisch zur Abtreibung berechtigt sind. Außerdem sind auch künftig Schwangerschaftsabbrüche selbst dann verboten, wenn der Fötus außerhalb der Gebärmutter gar nicht überleben kann.

Abtreibungen sind im mehrheitlich katholischen Irland bislang verboten. Zwar dürfen Ärzte seit einem Urteil des Obersten Gerichtshof aus dem Jahr 1992 einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, wenn das Leben der Mutter unmittelbar in Gefahr ist. Doch bislang wurden die Gesetze nicht an die Rechtsprechung angepasst. Dies brachte Dublin im Jahr 2010 ein missbilligendes Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ein.

Regierungspartei schließt Gegner des Gesetzes aus

Für große Empörung in Irland hatte im Oktober vergangenen Jahres der Fall der aus Indien stammenden Savita Halappanawar gesorgt. Die 31-Jährige war im University Hospital Galway an einer Blutvergiftung gestorben. Zuvor war ihr Fötus entfernt worden - viel zu spät, wie ihre Familie sagt. Die junge Frau habe mehrmals eine Abtreibung verlangt, weil sie Schmerzen hatte. Dies sei aber immer wieder abgelehnt worden mit dem Verweis: Irland sei ein katholisches Land.

Nach Bekanntwerden des Schicksals der jungen Inderin bekam die Bewegung der Abtreibungsbefürworter neuen Schwung. Die katholische Kirche in Irland hat sich dennoch bis zuletzt massiv gegen das nun beschlossene Gesetz gewandt. Einige ihrer Führer forderten die Exkommunizierung der Abgeordneten, die für das Gesetz stimmten.

Ministerpräsident Enda Kenny erhielt nach eigenen Angaben mit Blut geschriebene Drohbriefe, andere hätten ihn als Mörder beschimpft.

Auch innerhalb der Regierung war das Gesetz höchst umstritten: Die für Europaangelegenheiten zuständige Staatssekretärin Lucinda Creighton aus Kennys Partei Fine Gael stimmte gegen das Gesetz - und kam ihrem Rausschmiss aus der Partei durch freiwilligen Rücktritt zuvor. "Ich bin zutiefst überzeugt, dass Teile dieses Gesetzes auf falscher Logik und absolut null medizinischer Expertise beruhen", sagte Creighton, die vor allem die Klausel zur Suizidgefahr ablehnte.

Kenny hatte den Abgeordneten keine Abstimmung nach freiem Gewissen zugestanden und im Vorfeld schon vier Parlamentarier aus der Partei werfen lassen, die sich gegen das Vorhaben ausgesprochen hatten. Zugleich gelang es der Regierung aber, mehrere Abgeordnete aus der Opposition auf ihre Seite zu ziehen.

In der hitzig geführten zweitägigen Parlamentsdebatte hatten Unterstützer der Neuregelung darauf verwiesen, dass nach Schätzungen etwa elf Irinnen täglich in Großbritannien abtreiben lassen. Nach Angaben des britischen Gesundheitsministeriums gaben rund 4000 Frauen, die 2012 in England oder Wales abtreiben ließen, einen Wohnsitz in Irland an.

syd/AFP/Reuters/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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1. optional
fisschfreund 12.07.2013
"Die junge Frau habe mehrmals eine Abtreibung verlangt, weil sie Schmerzen hatte. Dies sei aber immer wieder abgelehnt worden mit dem Verweis: Irland sei ein katholisches Land." - Unterlassene Hilfeleistung aus Glaubensgründen? Das passt doch sehr gut in den Kontext einer Kirche aus Kinderschändern und korrupten Priestern.
2. Eigentlich mag ich sie ja, die Iren.
laolu 12.07.2013
Zitat von sysopSie erhielten mit Blut beschmierte Briefe und Morddrohungen - doch das hat Irlands Parlamentarier nicht von einem historischen Beschluss abgehalten: Abtreibungen sind in dem Land künftig erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Die katholische Kirche ist entsetzt. Irland erlaubt Abtreibungen bei Gefahr für Leben der Mutter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/irland-erlaubt-abtreibungen-bei-gefahr-fuer-leben-der-mutter-a-910722.html)
Wenn da bloß die Religion nicht wäre.
3.
heiko1977 12.07.2013
Zitat von sysopSie erhielten mit Blut beschmierte Briefe und Morddrohungen - doch das hat Irlands Parlamentarier nicht von einem historischen Beschluss abgehalten: Abtreibungen sind in dem Land künftig erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Die katholische Kirche ist entsetzt. Irland erlaubt Abtreibungen bei Gefahr für Leben der Mutter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/irland-erlaubt-abtreibungen-bei-gefahr-fuer-leben-der-mutter-a-910722.html)
Damit hat Irland endlich auch den ersten Schritt ins 21. Jahrhundert gemacht, jetzt noch das Blasphemiegesetz abschaffen und man könnte es ernst nehmen.
4. ...und die Welt in Frieden lassen.
ratxi 12.07.2013
Zitat von sysopSie erhielten mit Blut beschmierte Briefe und Morddrohungen - doch das hat Irlands Parlamentarier nicht von einem historischen Beschluss abgehalten: Abtreibungen sind in dem Land künftig erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Die katholische Kirche ist entsetzt. Irland erlaubt Abtreibungen bei Gefahr für Leben der Mutter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/irland-erlaubt-abtreibungen-bei-gefahr-fuer-leben-der-mutter-a-910722.html)
Auch die Katholiken müssen einsehen, dass die Aufklärung der Menschen--wenn auch langsame--Fortschritte macht. Wer meint, dass das Kind eines z.B. Vergewaltigers im Bauch einer Frau "Gottes Wille" ist, der soll sich doch am besten mit seinem Gott irgendwo einschliessen und die Welt in Frieden lassen.
5. nicht weit genug...
marty_gi 12.07.2013
Den meisten Iren geht das nicht weit genug, hier hat sich die Politik nur wieder nicht getraut, das Volk wirklich gegen die Kirchenmacht zu vertreten. Aber das fuehrt nur dazu, dass die kath. Kirche auch dort noch mehr Anhaenger verliert. Egal wie "katholisch" Irland statistisch noch sein mag, in der Realitaet sind sie es nicht mehr. Gesunder Menschenverstand setzt sich auch dort durch.
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