Irisches Referendum zu Abtreibungen Nach Hause, um zu wählen

Irland lässt über sein Abtreibungsverbot abstimmen. Viele junge Menschen reisen dafür extra an - auch von anderen Kontinenten. Das hat schon bei der Abstimmung über die Homo-Ehe den Erfolg gebracht.

Werbung in Dublin für die Abschaffung des Abtreibungsverbots
DPA

Werbung in Dublin für die Abschaffung des Abtreibungsverbots

Von


Sie kommen aus Buenos Aires oder Berlin, aus Abu Dhabi oder London - aber geografisch wie politisch haben die meisten dieser reisenden Iren in diesen Tagen das gleiche Ziel. Sie kehren zurück in ihr Heimatland, um darüber abzustimmen, ob Abtreibungen in Irland in Zukunft legal sein sollen. Heute, am 25. Mai, findet das historische Referendum dazu statt.

Es liegt eine Menge Symbolik darin, dass zahlreiche Menschen an Bord eines Flugzeugs, eines Schiffs oder einen Zugs gehen, um über das Abtreibungsgesetz abzustimmen. Sie gehen damit genau den umgekehrten Weg, den eine schwangere Irin aktuell für eine Abtreibung gehen muss. Nach Angaben der Befürworter der Abschaffung des Zusatzartikels haben seit 1983 geschätzt 170.000 irische Frauen im Ausland abgetrieben.

Denn aktuell ist es so: Der achte Zusatzartikel der Verfassung legt das Recht auf Leben für den Embryo und die Mutter gleichermaßen fest. Es ist irrelevant, ob eine Vergewaltigung zu der Schwangerschaft führte, ob die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist oder ob eine Fehlbildung des Fötus vorliegt - eine Abtreibung ist in Irland nur möglich, wenn das Leben der Mutter in akuter Gefahr ist. Und auch das erst seit 2013. Ansonsten müssen Frauen für die vorzeitige Beendigung einer Schwangerschaft ins Ausland reisen. Das wiederum ist seit 1992 nach irischem Recht legal.

"Irland exportiert das Problem - das ist peinlich"

"Für mich war es überhaupt kein Aufwand, um sicherzustellen, dass irische Frauen so eine Reise nie wieder antreten müssen", sagt Stephen Kiely. Der 26-Jährige ist aus London angereist. Ciaran Gaffney hat noch eine deutlich längere Strecke hinter sich: Für 900 Euro ist er zwei Tage lang von Buenos Aires nach Dublin gereist. Irland schulde "Frauen den Respekt und die Ehre, die sie verdienen", sagt der 22-Jährige. Dadurch, dass Frauen für eine Abtreibung derzeit ins Ausland reisen müssen, exportiere Irland schlicht ein Problem. "Das ist nicht nur peinlich, sondern auch respektlos unseren Nachbarn gegenüber, vor allem aber gegenüber unseren Frauen", sagt Gaffney.

Auf Twitter ist die Kampagne der Menschen, die für das Referendum in ihre Heimat zurückkehren, unter dem Hashtag #hometovote zu finden (deutsch: "nach Hause, um abzustimmen"). Sie wurde von der London-Irish Abortion Rights Campaign ins Leben gerufen - einer Londoner Gruppe, die sich für die Selbstbestimmungsrechte schwangerer Frauen einsetzt. Die Organisation forderte die bis zu 40.000 Iren, die im Ausland leben und abstimmungsberechtigt sind, auf, heimzukehren und abzustimmen. Denn nur vor Ort und persönlich dürfen Wahlzettel abgegeben werden.

Im Video: Pro und kontra Abtreibung in Irland

REUTERS

Im Jahr 2015 hatte es bereits eine ähnliche Bewegung gegeben. Damals stimmte Irland mit mehr als 60 Prozent für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe - noch zwei Jahre vor Deutschland. Dass die Abstimmung so ausfiel, lag wohl mit daran, dass auch für dieses Referendum viele - vor allem junge - Iren aus dem Ausland in ihre Heimat reisten, um mit Ja zu stimmen.

Auch Nein-Wähler reisen extra an

Die Zahl der Abtreibungsgegner aber ist groß. Und auch im "Nein"-Lager gibt es Menschen, die extra anreisen, um abzustimmen. Seáinín Mac Brádaigh fuhr per Zug und Fähre insgesamt 14 Stunden aus Südengland nach Dublin zurück. Der Trip sei zwar "ein Ärgernis" gewesen, das sei es aber wert: "Ich glaube fest an das Recht der Ungeborenen, einen gewissen Schutz durch die Verfassung zu haben", sagt der 27-Jährige: "Ich könnte es niemals unterstützen, ihnen den einzigen Schutz, den sie haben, zu nehmen."

Viele Menschen seiner Generation sehen das gänzlich anders - und stehen geschlossen zusammen. Da gibt es Kate, die von Berlin nach Dublin gereist ist. Das Geld für den Flug konnte sie sich nur durch Crowdfunding leisten. Da sind Erin Healy und ihr Freund, die eigentlich schon am vergangenen Wochenende von Deutschland nach Dublin fliegen wollten, um Ed Sheeran zu sehen. Aber sie verkauften die Konzertkarten und flogen eine Woche später, um stattdessen abzustimmen. "Wir wollten ein Teil dieses historischen Moments in unserem Land sein", sagt Healy, 24. "Ich hätte nicht mit mir selbst leben können, wenn das Referendum nur knapp gescheitert wäre und ich wüsste, dass meine Stimme einen Unterschied hätte machen können."

Denn so klar wie vor drei Jahren dürfte es diesmal nicht werden. Auch weil das "Nein"-Lager in der aktuellen Debatte "aggressiver" auftrete, sagt Darren Sinnot. Er selbst ist aus London eingeflogen, um mit Ja zu stimmen. Die Gegenseite habe aus dem vergangenen Referendum gelernt. Sinnot empfinde die aktuelle Abstimmung noch stärker als spaltend - vor allem mit Blick auf die ältere Generation.

2015 habe der 27-Jährige, der selbst schwul ist, seine Großmutter wohl auch durch den persönlichen Bezug zu der Thematik noch überreden können, für die Homo-Ehe zu stimmen. Diesmal ist ihm das nicht gelungen. "Sie ist überzeugte Katholikin", sagt Sinnot, der trotzdem optimistisch ist, dass seine Seite gewinnen wird: "Ich glaube, dass es knapp wird, aber es wird funktionieren".

Im Video: Radikale Christen - Abtreibungsgegner in den USA

SPIEGEL TV


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.