Irland vor Referendum über Abtreibung Propaganda in Dauerschleife

Die Iren stimmen über Abtreibung ab - und werden online von religiösen Eiferern aus dem Ausland mit Spots bombardiert. Wirkt sich das auf das Votum aus?

REUTERS

Von Sascha Zastiral, London


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wer in Irland in den vergangenen Wochen Facebook besucht hat, könnte Videos gesehen haben wie dieses: Ein Mann mit grauen Haaren, grauem Anzug, roter Krawatte, schaut direkt in die Kamera. "Ich bin Dr. Anthony Levatino, praktizierender Geburtshelfer und Gynäkologe." Levatino spricht Englisch mit einem amerikanischen Akzent. Er sagt, er habe "mehr als 1200 Abtreibungen durchgeführt" und wolle erklären, wie eine Abtreibung während der ersten drei Monate einer Schwangerschaft funktioniere.

Der Mann beschreibt, welche Medikamente dabei zum Einsatz kämen, um "das Baby zu töten" und was geschehe, wenn Ärzte trotzdem chirurgisch eingreifen müssten. Begleitet werden seine Erklärungen von teilweise drastischen Animationen. Detailliert geht Levatino darauf ein, welche medizinischen Komplikationen möglich sind. "Auch zum Tod der Mutter ist es schon gekommen", warnt der Mediziner. Er selbst sei irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass es "falsch" sei, "ein Kind während einer Schwangerschaft zu töten".

Im Video: Pro und Contra Abtreibung in Irland

REUTERS

Das 3:40 Minuten lange Video ist Mitte April auf der Facebook-Seite "White Flag Movement" gepostet worden und wurde seitdem 300.000 Mal angeschaut. Es ist Teil einer Onlinekampagne von Abtreibungsgegnern. Sie wollen, dass die Menschen in Irland an diesem Freitag gegen die Aufhebung eines Verfassungsparagrafen stimmen, der Abtreibungen verbietet.

Im Land herrscht aktuell eines der striktesten Abtreibungsverbote weltweit. Seit 1983 steht dieses Verbot sogar in der Verfassung. Erst seit fünf Jahren werden Abtreibungen zugelassen, wenn das Leben der Mutter in akuter Gefahr ist.

Breites Bündnis für eine gelockerte Regelung

Sollten die Iren am Freitag für eine Aufhebung dieses Artikels stimmen, würde das den Abgeordneten die Möglichkeit geben, Abtreibungen zu legalisieren. Die Minderheitsregierung von Regierungschef Leo Varadkar hat bereits angekündigt, Abtreibungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche uneingeschränkt erlauben zu wollen. Danach sollen Abbrüche nur dann erlaubt sein, wenn das Wohlergehen der Mutter gefährdet ist oder es zu tödlichen Fehlbildungen des Fötus kommt.

Fotostrecke

5  Bilder
Referendum zur Abtreibung: Die Iren haben die Wahl

Die Medien und die Politiker des Landes stehen in der Debatte klar auf der Seite der Abtreibungsbefürworter. Die beiden großen Parteien, Fine Gael und Fianna Fáil, haben sich zwar auf keine offiziellen Positionen zum Referendum festgelegt. Ihre Politiker dürfen sich aber als Privatpersonen frei dazu äußern - und argumentieren mehrheitlich für eine Aufhebung des Verbots. Auch Regierungschef Varadkar setzt sich offen dafür ein, ebenso wie die kleineren Parteien Sinn Féin und Labour. Einzig die Splitterpartei Renua, die keinen Abgeordneten im Parlament hat, steht auf der Seite der Abtreibungsgegner.

Kritiker des Verbots bemängeln, dass dieses schon lange an der Realität vorbei gehe. Zwischen 1980 und 2016 sind geschätzt 170.000 Frauen aus Irland ins Ausland gereist, um Abtreibungen vornehmen zu lassen. Seit 1992 ist das nach irischem Recht sogar legal. Viele Frauen in Irland, die ihre Schwangerschaft beenden möchten, bestellen sich zudem Abtreibungspillen aus dem Ausland - und gehen das Risiko ein, diese ohne ärztliche Überwachung einzunehmen.

Aus dem Ausland massenhaft Anzeigen geschaltet

Die katholische Kirche kommt in der Abtreibungsdebatte wider Erwarten so gut wie gar nicht vor. Das sah im Vorfeld des Referendums 1983 noch ganz anders aus: Das Aktionsbündnis, das sich damals dafür ausgesprochen hat, das Abtreibungsverbot in der Verfassung festzuschreiben, war ein Zusammenschluss katholischer Organisationen. Bei Kundgebungen dieser Gruppen waren Rosenkränze und Kreuze allgegenwärtig. Zwei Drittel der Iren stimmten damals für die Ausweitung des Abtreibungsverbots.

Doch seitdem hat die katholische Kirche viel von ihrer moralischen Autorität eingebüßt. In den Neunzigerjahren wurden zahlreiche Fälle von Missbrauch durch katholische Priester und von Misshandlungen in kirchlichen Institutionen bekannt. Seitdem sind konservative katholische Gruppen mehrfach bei politischen Initiativen gescheitert - zuletzt 2015 beim Referendum über die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Dieses Mal hat die Kirche offenbar beschlossen, sich nicht auf einen weiteren Kampf einzulassen, den sie voraussichtlich verlieren dürfte.

Die entscheidende Frage am Freitag: Ja oder Nein?
AIDAN CRAWLEY/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Die entscheidende Frage am Freitag: Ja oder Nein?

In diese Lücke stoßen nun religiöse Eiferer aus dem Ausland. Irische Facebook-Nutzer bekamen massenhaft bezahlte Posts zu sehen, wie den mit dem ehemaligen Abtreibungsarzt Anthony Levatino.

Haben die großen Social-Player zu spät reagiert?

Das Brisante: Nach irischem Recht ist es politischen Kampagnen verboten, Spenden aus dem Ausland entgegenzunehmen. Auch bezahlte Werbespots im Fernsehen oder Radio sind untersagt. Anzeigen in den sozialen Medien sind von diesen Verboten hingegen nicht betroffen. Der massive Anstieg an offenbar aus dem Ausland geschalteten Anzeigen ließ die Sorge wachsen, dass Gruppen aus dem Ausland versuchen könnten, den Ausgang des Referendums zu beeinflussen.

Als dann auch noch Umfragen nahelegten, dass der große Vorsprung der Abtreibungsbefürworter zu schmelzen begann, tat sich bei Facebook und Google etwas: Vor zwei Wochen blockte zunächst Facebook alle Anzeigen, die mit dem Referendum zu tun hatten und aus dem Ausland finanziert worden waren. Einen Tag später zog Google nach. Beide Konzerne erklärten, sie wollten mit ihrem Vorstoß "die Integrität" des Referendums schützen.

Der Oppositionsabgeordnete James Lawless gab sich unbeeindruckt. Googles Entscheidung sei "zu spät erfolgt", sagte er dem britischen "Guardian". "Fake News hatten schon eine zersetzende Wirkung auf die Debatte zum Referendum in den sozialen Medien."


Zusammengefasst: Irland stimmt ab, ob seine sehr harte Abtreibungsgesetzgebung gelockert werden soll. Alle wichtigen Parteien und auch die meisten großen Medien sind dafür - doch sie haben einen starken Gegner. Aus dem Ausland wurden massenhaft Anzeigen in sozialen Medien geschaltet, um die Aufweichung zu verhindern. Facebook und Google reagierten, allerdings spät. Nun sind die Bürger gefragt.

Im Video: Abtreibungsgegner in den USA

SPIEGEL TV


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.