Nach Anschlag in Sousse Tunesien schließt Moscheen

Bei dem IS-Anschlag auf Touristen an einem Strand in Sousse sind 38 Menschen ums Leben gekommen, darunter mindestens ein Deutscher und mehrere Briten. Die tunesische Regierung postiert Soldaten an Touristenhotels und schließt 80 Moscheen.


Unter den Opfern des Terroranschlags auf ein Hotel in Tunesien sind nach offiziellen Angaben auch Deutsche. Das bestätigte der tunesische Regierungschef Habib Essid. Ihm zufolge stammt die Mehrheit der der Toten aus Großbritannien. Bislang sind elf Opfer identifiziert, darunter acht Briten, eine Irin, eine Belgierin und ein Deutscher. Eine Frau aus Deutschland sei zudem verletzt worden.

Nach neuesten Angaben gab es bei dem Angriff mindestens 38 Tote und 30 Verletzte. Zunächst hatte die Regierung von 39 Todesopfern gesprochen. Die Identifizierung der Opfer ist den Behörden zufolge schwierig, da die meisten Opfer am Strand oder am Swimmingpool in Badekleidung erschossen wurden und keine Papiere bei sich hatten.

Zu dem Angriff im Badeort Sousse bekannten sich Unterstützer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Ein "Soldat des Kalifats" habe den "abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens" angegriffen, hieß es in einer Mitteilung auf Twitter.

Die Regierung in Tunis kündigte einen entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus an. Soldaten sollen Urlauberhotels und archäologische Stätten bewachen. Innerhalb einer Woche sollen bis zu 80 Moscheen geschlossen werden, in denen weiterhin "Gift zum Terrorismus" verbreitet werde. "Wir mögen den einen Kampf gewinnen und den anderen Kampf verlieren", sagte Essid, "aber unser Ziel ist es, den Krieg zu gewinnen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte Tunesien deutsche Unterstützung zu. In einem Telefonat mit dem tunesischen Präsidenten Beji Caid Essebsi sagte Merkel, Deutschland stehe in diesen schweren Stunden an der Seite Tunesiens und werde die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus weiter intensivieren. Der britische Premier David Cameron verdammte die "barbarische Tat". Er kündigte einen entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus an.

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Terror in Tunesien: Unbekannte Täter greifen Hotels in Sousse an
Bei der Schießerei töteten Sicherheitskräfte einen der Angreifer. Nach Angaben der tunesischen Behörde soll der Täter ein 23-jähriger Student gewesen sein. Er stammt ersten Erkenntnissen zufolge aus Gaafour im Gouvernement Siliana und soll Tunesien nie verlassen haben. Er soll an der Universität in Kairouan studiert haben. Ob er sich vom IS in Libyen, Syrien oder im Irak ausbilden ließ, ist derzeit noch unklar. Ein zweiter Angreifer wurde festgenommen.

Das Auswärtige Amt steht in Kontakt mit einem Konsularteam vor Ort. Es könne noch einige Zeit dauern, bis klar ist, viele Deutsche insgesamt ums Leben kamen, hieß es. Der Reiseveranstalter TUI berichtete von aktuell etwa 260 Urlaubern in Sousse. Urlaubsanbieter bringen Touristen aus der Stadt und fliegen sie - teilweise mit extra bereitgestellten Sondermaschinen - zurück in ihre Heimatländer.

Ein Krisenstab der Bundesregierung und die deutsche Botschaft in Tunis bemühen sich laut Auswärtigem Amt mit Hochdruck um Aufklärung. Das ganze Ausmaß der Tat stehe noch nicht fest, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Er sprach von einem "feigen Mordanschlag gegen Touristen", den Angehörigen sprach er sein "tief empfundenes Mitgefühl" aus.

Ein Verbindungsbeamter des Bundeskriminalamtes (BKA) ist in Sousse eingetroffen. Er befinde sich im engen Austausch mit den tunesischen Behörden, sagte ein BKA-Sprecher. Zudem seien mehrere Experten des polizeilichen Staatsschutzes des BKA nach Tunesien unterwegs. Sie sollten die Arbeit des Verbindungsbeamten unterstützen und weitere Informationen einholen.

Bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillieren am Strand

Der genaue Tatverlauf ist noch unklar: Lokale Medien meldeten unter Berufung auf Augenzeugen, zwei Terroristen seien von der Strandseite aus auf das Hotelgelände vorgedrungen. Einer habe plötzlich aus einem zusammengefalteten Sonnenschirm ein Sturmgewehr hervorgeholt und auf Menschen geschossen, die am Strand lagen.

Der Strand hinter dem betroffenen Hotel ist abgesperrt, Sicherheitskräfte patrouillieren mit Gewehren. Der Direktor des betroffenen Hotels sagte, alle Gäste hätten das Haus verlassen. Vor dem Angriff sei das Hotel zu 75 Prozent ausgebucht gewesen. "Wir mögen heute keine Gäste haben, aber wir behalten unsere Angestellten", sagte Hoteldirektor Mohammed Becheur. "Dieser Sommer wird hart, aber wir sind langfristig zuversichtlich."

Angestellte in anderen Hotels sagten, sie hätten Angst um ihre Arbeitsplätze, weil Touristen nach dem Angriff wegbleiben könnten. Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes; er macht etwa 15 Prozent von Tunesiens Bruttoinlandsprodukt aus.

Sousse ist die drittgrößte Stadt Tunesiens und liegt 130 Kilometer südlich von Tunis. Sie ist neben Djerba und Hammamet das beliebteste Urlaubsziel europäischer Touristen in dem Land. Insgesamt verfügt die Stadt über rund 40.000 Gästebetten. Im Oktober 2013 war bereits ein Strandhotel Ziel eines fehlgeschlagenen Selbstmordanschlags.

skr/loe/ulz/dpa/AFP/Reuters

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