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Terror im Krankenhaus: Dem "Islamischen Staat" laufen die Ärzte davon

Aufmarsch der Radikalen: Im Juni zogen Kämpfer des "Islamischen Staates" in Mossul ein (Archivbild) Zur Großansicht
AP/dpa

Aufmarsch der Radikalen: Im Juni zogen Kämpfer des "Islamischen Staates" in Mossul ein (Archivbild)

Frauen dürfen nicht nachts und nicht zusammen mit Männern arbeiten: Auch in Krankenhäusern gelten die strengen Gesetze des "Islamischen Staates". Viele Ärzte fliehen. Weil der IS sie aber braucht, sind die Radikalislamisten zu Zugeständnissen bereit.

Ärztinnen müssen ihr Gesicht auf einmal vollverschleiern. Nachtdienste dürfen Frauen im Krankenhaus nicht mehr machen - wer weiß, was alles gemeinsam mit männlichen Kollegen passieren könnte.

Solche absurden Verhaltensregeln hat der "Islamische Staat" (IS) in den Krankenhäusern von Mossul im Irak eingeführt, berichtet die "Washington Post". Journalisten der amerikanischen Zeitung haben mit Ärzten in vier von sieben Krankenhäusern der Stadt telefoniert. Wütend berichten die irakischen Mediziner von den Schikanen, denen sie seit dem Einmarsch der Radikalen im Juni ausgesetzt sind.

So verbot der IS einem Narkosefacharzt, eine Schwangere zu behandeln, bei der die Wehen einsetzten. Begründung: Es sei unanständig für einen Mann, die Frau eines anderen Mannes bei der Geburt zu sehen. Ausnahmsweise, obwohl es mitten in der Nacht war, durfte dann eine Hebamme dabei sein. Den Radikalen wurde offenbar klar, dass sie mit ihren erzkonservativen Regeln Menschenleben gefährden: Für Geburtshelferinnen gilt nun ein Sonderrecht beim Nachtarbeitsverbot.

"Die Menschen sind ihnen egal!"

Auch die Familienplanung wird in Mossul jetzt schwieriger. Der IS hat die kostenlose Verteilung von Kondomen an Ehepaare gestoppt. Ob die Radikalen das Verhütungsprogramm aus ideologischen Gründen ablehnten oder einfach nur sparen wollen, ist unklar.

Die Ärzte von Mossul beziehen ihr Gehalt zum Großteil immer noch aus Bagdad und nicht vom vermeintlich neuen Staat - der IS knausert, wo er kann. Gutes Geld gibt es nur für die eigenen Leute. Sie werden selbst in Krankenhäusern auf Schlüsselpositionen gesetzt - egal, ob sie für ihre Aufgabe qualifiziert sind oder nicht. "Das sind Kämpfer. Wir machen hier zivile Arbeit! Die Menschen hier sind ihnen egal", schimpfte eine Ärztin gegenüber der "Washington Post" über ihre neuen Chefs.

Mossul im Irak ist die einzige Großstadt, die der IS unter seine Kontrolle gebracht hat. Zwar kontrollieren die Radikalen auch die Stadt Rakka in Syrien, doch die vermeintliche syrische Hauptstadt des Kalifats ist im Vergleich zu Mossul kaum mehr als ein verschlafenes Provinznest.

Ultimatum vom IS

In den Krankenhäusern von Mossul zeigt sich nun, wie schwer sich die Radikalen damit tun, einen Staat aufzubauen: Viele Mediziner haben offenbar die Schikanen satt und laufen dem IS davon. Arbeit finden sie auch in Bagdad oder Kirkuk.

Verzweifelt stellte der IS im Oktober Mossuls Ärzten, die sich abgesetzt hatten, ein Ultimatum: Entweder ihr kommt sofort zurück oder wir beschlagnahmen alles, was ihr zurückgelassen habt! Ob sich einer der Mediziner von der Drohung beeindrucken ließ, ist nicht bekannt.

Inzwischen muss der IS seine gerade erst eingeführten Regeln selbst brechen, um den Exodus aufzuhalten: So wird bei der anfangs auch tagsüber geltenden Geschlechtertrennung im Krankenhaus ein Auge zugedrückt. Ärztinnen und Ärzte dürfen wieder zusammenarbeiten. Patientinnen können männliche Mediziner konsultieren, wenn ihre Beschwerden nicht nahe den Geschlechtsorganen liegen - bei einem gebrochenen Arm etwa.

Die Mediziner von Mossul haben schon mit genug Problemen zu kämpfen: Die irakische Regierung hat der Stadt die Stromlieferungen abgedreht; die Blutspenden sind aufgebraucht, seit die Radikalen sie für ihre Kämpfer geplündert haben. Die absurden Vorschriften der Radikalen haben ihnen gerade noch gefehlt.

ras

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