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"Islamischer Staat": Realitätsschock im Kalifat

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IS-Chef Baghdadi: Seine eigene Ideologie wird ihm zum Verhängnis

Der IS scheint in einer Krise zu stecken: In Syrien sind den Dschihadisten offenbar hundert Häftlinge entwischt, Anhänger bekämpfen sich gegenseitig. Und Anführer Baghdadi kann seine wichtigste Aufgabe nicht erfüllen.

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Schon mehrfach war die Provinzstadt Al-Bab im Norden Syriens Schauplatz neuer Entwicklungen: Im Juli 2012 fiel der Ort an die Opposition - und bald darauf auch weite Teile des Landes. Ein Jahr später scheiterte in Al-Bab das Experiment mit einer Art Räterepublik. Denn der "Islamische Staat" (IS), der sich damals noch ISIS nannte, eroberte die Stadt von den syrischen Rebellen. Seitdem kontrollieren die Dschihadisten Al-Bab nahezu unangefochten. Nur kurz war es syrischen Aufständischen gelungen, die Terrormiliz aus der Stadt zu vertreiben.

Doch nach eineinhalb Jahren Dschihadisten-Herrschaft scheint IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi in Al-Bab Probleme zu bekommen:

  • Fahnenflucht: Mindestens neun IS-Mitglieder sollen am Montag von anderen Kämpfern der Radikalen getötet worden sein. Eine Gruppe Dschihadisten wollte die Stadt verlassen, um in die 30 Kilometer entfernte Türkei zu flüchten. Andere IS-Anhänger konnten sie aufhalten.

  • Gefängnisausbruch: Am Dienstag sind offenbar knapp hundert Häftlinge ausgebrochen. Die große Anzahl legt nahe, dass sie womöglich Hilfe von Insidern bekamen.

  • Ausgangssperre: Vergangene Woche soll der IS in Al-Bab einen abendlichen Zapfenstreich eingeführt haben, offenbar um die Einwohner besser kontrollieren zu können: Nach 22 Uhr darf sich bis Sonnenaufgang niemand mehr auf der Straße blicken lassen.

Die Informationen stammen von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), einer Gruppe mit Sitz in Coventry, die ein großes Kontaktnetz in Syrien hat. Bisher haben sich ihre Angaben immer als zuverlässig erwiesen. Der IS selbst schweigt. Er hat kein Interesse daran, etwas anderes als vermeintliche Erfolgsmeldungen über sich zu verbreiten.

Der IS versucht, Fahnenflucht zu verhindern

Doch nicht nur in Al-Bab, auch in anderen syrischen Orten scheint es innerhalb des "Islamischen Staates" Querelen zu geben. Fahnenflucht ist offenbar ein ernstes Problem für die Terrormiliz: Die SOHR berichtete, dass allein im Oktober, November und Dezember vergangenen Jahres 120 IS-Kämpfer hingerichtet wurden, weil sie versucht hatten zu desertieren. Im Januar führte der IS in Rakka ein Gesetz ein, dass es Männern unter 50 Jahren verbietet, die Stadt zu verlassen - eine ziemlich verzweifelte Maßnahme.

Die US-Zeitung "Wall Street Journal" befragte vergangene Woche vier frisch desertierte IS-Anhänger. Sie berichteten über Korruption und Neid innerhalb der Organisation: Ausländische Kämpfer erhielten oft bessere Unterkünfte und höhere Gehälter als einheimische. Bleiben zudem die militärischen Erfolge aus, fehlt es an Beute, um die Kämpfer bei Laune zu halten.

Die Deserteure zeigten sich schockiert über die Brutalität der Miliz. Viele IS-Sympathisanten halten Berichte über die Hinrichtung von Unschuldigen für Propaganda - bis sie selbst Augenzeuge davon sind. Ähnlich erging es Ende der Nullerjahre bereits Al-Qaida im Irak, einem IS-Vorläufer: Sie konnte anfangs großen Zulauf verzeichnen, bevor sie mit ihrer Grausamkeit viele Unterstützer wieder verprellte.

Dem Kalifen wird seine eigene Ideologie zum Verhängnis

Als größtes Problem könnte sich für den IS ausgerechnet seine Ideologie erweisen. Einerseits macht sie die Stärke der Gruppe aus: Ihr Anführer Baghdadi verspricht mit seinem "Projekt Kalifat" eine Utopie für alle "echten" Muslime, unabhängig von Nationalität und Ethnie, sofort und für jeden greifbar. Tausende ausländische Unterstützer hat Baghdadi auf diese Weise angelockt.

Andererseits macht aber die Realität den Kalifen angreifbar: Jeder sieht sofort, wenn es anders als geplant läuft. Der IS ist zwar eine reiche Miliz. Doch für einen funktionierenden Staat ist er zu arm. Mit dem Regieren klappt es deshalb nicht wie gewünscht: Den Radikalen laufen die Fachkräfte davon.

Vor allem hat der IS-Chef ein expandierendes Kalifat versprochen. Es ist seine Aufgabe, den vermeintlich wahren Islam zu verbreiten. Im Irak und in Syrien hat die Gruppe ihren Zenit offenbar überschritten, kassiert eine Niederlage nach der anderen. Der Nimbus der unbesiegbaren IS-Kämpfer ist dahin.

Nun soll es die Expansion in andere Regionen richten. Baghdadi hat mehrere Länder zu neuen IS-Provinzen erklärt. Doch eigentlich spielt die irakisch-syrische Region in der Ideologie der Miliz die zentrale Rolle. Mit seiner weltweiten Ableger-Strategie droht Baghdadi sich zu verzetteln und die Gruppe in ihrer Kernregion weiter zu schwächen.


Zusammengefasst: Der Islamische Staat in der Krise: Kämpfer desertieren, Gefangene können flüchten. Die Realität macht Anführer Baghdadi in seinem Kalifat zu schaffen - der Nimbus der unbesiegbaren Kämpfer ist dahin.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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1. ...
jujo 10.03.2015
Der IS wird implodieren, in zwei Jahren wird der Spuk vorbei sein. Es werden zigtausende Tote und zerstörte Länder bleiben. Der Herr Kalif hat doch jetzt schon Angst sich öffentlich vor seinen Anhängern zu zeigen, er muss befürchten von Glaubensgenossen umgebracht zu werden, Gründe gibt es wohl genug, sei es, daSs er die falsche Frau angefasst hat, den falschen Mann hat töten lassen oder anderes,
2. wann hören sie endlich mal damit auf,
fredotorpedo 10.03.2015
diese Terroristen ständig "Kämpfer" zu nennen. Das sind Barbaren, Terroristen, Verbrecher und/oder Mörder. Der Begriff "Kämpfer" führt zu einer Aufwertung, die keiner von denen verdient hat.
3.
Der_Junge_Fritz 10.03.2015
Die IS-Mörderbande scheint tatsächlich die strategische Initiative endlich verloren zu haben. Militärisch betrachtet war es extrem dumm, im Norden des Irak und in Syrien eine zweite Front mit den Kurden zu eröffnen. Auch die Massaker und die Vertreibung der Jesiden war ohne jeden militärischen Wert, im Gegenteil, es diente zum Auftakt der Luftschläge. Alles in allem eine extrem dumme Verbrecherorganisation, die vollständig zerschlagen gehört.
4. Das Problem ist doch
zeichenkette 10.03.2015
dass es nichts ändern wird, wenn der IS an Macht verliert. Egal ob Irak oder Syrien, beides sind "failed states", die noch nie etwas anderes kannten als bestenfalls halbwegs stabile, aber brutale Diktaturen. Wer echt glaubt, dort würden Frieden und Demokratie ausbrechen, wenn nur der IS weg wäre, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Die lange andauernden Kämpfe und Schlachtereien machen das nur noch schlimmer, weil es dort mehr als genug junge Leute gibt, die nichts anderes kennen als Gewalt und Krieg.
5. Sowas auch...
Hupert 10.03.2015
...muss sich die selbsternannte religiöse Speerspitze Allahs mit weltlichen Problemen rumschlagen. Naja, je eher desto besser und der faule Zauber hat ein Ende... bis der nächste fanatische Spinner die Wahrheit für sich verbucht.
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