Vom IS missbrauchte Frauen "Morgens ab halb zehn kamen die Männer"

Verkauft, verschenkt, vergewaltigt: Für IS-Dschihadisten sind Frauen und Mädchen begehrtes Kriegsgut. Menschenrechtler konnten jetzt Jesidinnen interviewen, denen die Flucht gelang. Ihre Berichte sind erschütternd.

AFP

Jalila, 12, versuchte mit ihren Eltern und Geschwistern noch zu entkommen, als der "Islamische Staat" (IS) sich ihrem Heimatort näherte. Doch Männer aus ihrem eigenen Dorf, Araber, stoppten die jesidische Familie. Sie lieferten Jalila und ihre Schwester an den IS aus. Jalila wurde verschleppt, die Dschihadisten hielten sie monatelang gefangen.

"Die Männer untersuchten unsere Körper. Sie sagten uns, wir sollten aufstehen und unser Haar zeigen. Wenn sich ein Mädchen weigerte, wurde es verprügelt."

So erzählte es Jalila der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" (HRW). Die Gruppe hat 20 Frauen und Mädchen interviewt, die zwischen September 2014 und Januar 2015 aus der Gefangenschaft des IS entkommen konnten. Die Zeugenaussagen sind schockierend.

"Ich habe dem Mann gesagt, ich will zurück zu meiner Mutter. Ich war ein junges Mädchen. 'Was willst Du von mir?', habe ich ihn gefragt. Er verbrachte drei Tage damit, mich zu vergewaltigen", berichtete Jalila.

Die Sklaven des IS

HRW hat die Aussagen der Frauen und Mädchen überprüft, indem Mitarbeiter sie mit den Berichten von Hilfsorganisationen, örtlichen Behörden und Ärzten abgeglichen haben, die sich um die Entkommenen kümmern. Auch hat der IS selbst bestätigt, Tausende irakische Frauen und Kinder der jesidischen Minderheit verschleppt zu haben und als "Sklaven" zu betrachten.

Insgesamt wurden vermutlich mehrere tausend Jesiden vom IS im Sommer 2014 verschleppt. Die Uno stuft das Ausmaß der Gewalt als Völkermord ein. Knapp Tausend der Verschleppten konnten nach Angaben der irakisch-kurdischen Behörden seit August 2014 fliehen oder wurden teils gegen Lösegeld wieder freigelassen. Fast alle Entführten sind Frauen und Kinder. Jesidische Männer wurden von den IS-Kämpfern oft sofort ermordet.

Einige der Mädchen wurden bis nach Syrien verschleppt und dort an IS-Kämpfer verkauft. Dilara wurde dort in einem Hochzeitssaal zusammen mit rund 60 weiteren Frauen und Mädchen festgehalten.

"Jeden Morgen ab halb zehn kamen die Männer, kauften Mädchen und vergewaltigten sie", erzählte Dilara. "Sie brachten die Mädchen aus dem Saal, vergewaltigten sie und brachten sie im Austausch gegen andere Mädchen wieder zurück", berichtete die 20-Jährige.

Die Frauen und Mädchen wurden verkauft oder verschenkt

Von den elf Frauen und neun Mädchen, die HRW interviewte, wurde die Hälfte vergewaltigt und fast alle zwangsverheiratet: Sie wurden verkauft, manche für bis zu 2000 Dollar, oder Kämpfern als "Geschenk" übergeben. Unter den Vergewaltigern waren Europäer, Golfaraber, Tschetschenen, Nordafrikaner und andere Ausländer, die sich dem IS angeschlossen hatten.

Die zwei Schwestern Sara, 21, und Rana, 25, konnten nicht verhindern, dass ihre 16-jährige Schwester erst von vier Männern vergewaltigt und dann an einen Mann aus Saudi-Arabien verkauft wurde. Seitdem haben sie die Jüngste nicht mehr gesehen. Sara und Rana wurden mehrmals von einem Russen und einem Kasachen missbraucht.

Von "systematischen Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt" schreiben die Menschenrechtler. Die irakisch-kurdischen Behörden bemühen sich, allen Entkommenen medizinische Versorgung anzubieten. Doch psychologische Unterstützung gibt es bisher kaum.

Manche Nichtregierungsorganisationen versuchen, diese Lücke zu füllen wie etwa der deutsch-irakische "Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit" (WADI). "Alle interviewten Frauen und Mädchen wiesen Symptome von Traumatisierung auf", schreibt HRW.

ras

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