Deutsche Islamisten Ex-Bundeswehrsoldaten kämpfen als Dschihadisten in Syrien

Die Bundeswehr wird für Islamisten immer attraktiver, die Zahl der Verdachtsfälle steigt. Nach SPIEGEL-Informationen sind 20 ehemalige deutsche Soldaten sogar als Dschihadisten ins Kampfgebiet nach Syrien gereist.

Von und , Düsseldorf

Polizisten bei Salafisten-Kundgebung in Berlin (Archivaufnahme): Ex-Soldaten werden zu Dschihadisten
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Polizisten bei Salafisten-Kundgebung in Berlin (Archivaufnahme): Ex-Soldaten werden zu Dschihadisten


Es gibt ein Bild von Kevin Schmitz*, es zeigt einen blassen jungen Mann mit kurzen, dunklen Haaren im Kampfanzug der Bundeswehr. Doch am stärksten fällt der Bart des Soldaten auf, ein Rauschebart wie der des Weihnachtsmannes, nur eben nicht weiß, sondern dunkelbraun, wild und fusselig. Denn Stabsunteroffizier Schmitz aus der 4. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 212 ist ein überzeugter Salafist.

Und daher kollidierte irgendwann nicht nur die Gesichtsbehaarung des heute 31-Jährigen mit den Vorschriften der Bundeswehr, bei er sich zunächst für zwölf Jahre verpflichtet hatte. Zeitsoldat Schmitz weigerte sich auch, Rekruten an der Waffe auszubilden. Die Kameraden könnten mit ihren Sturmgewehren schließlich auf Muslime schießen, erklärte er seinem verdutzten Vorgesetzen. Außerdem pries der spätberufene Konvertit, der Seminare in einschlägigen Moscheen in Berlin und Mönchengladbach besucht hatte, die Scharia als beste aller Rechtsordnungen.

Nachdem der Militärische Abschirmdienst (MAD) intensiv gegen den Verdächtigen ermittelt hatte, wurde Schmitz vor einiger Zeit aus der Truppe entlassen. Das Verwaltungsgericht Minden bestätigte die Entscheidung, gegen die der Extremist geklagt hatte - mit Berufung auf die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit. Die Kammer sprach ihm jedoch die charakterliche Eignung für den Militärdienst ab: Schmitz erfülle nicht die Anforderungen an einen Soldaten.

Auch nach dem Karriereknick änderte der Extremist seine Haltung nicht. Vielmehr scheint sich Schmitz in der vergangenen Zeit weiter radikalisiert zu haben. Nach SPIEGEL-Informationen konnten Sicherheitsbehörden im Frühjahr 2014 eine Ausreise des ehemaligen Soldaten in den syrischen Bürgerkrieg verhindern. Es war ein kleiner Sieg der Dienste.

20 ehemalige Bundeswehr-Soldaten nach Syrien ausgereist

In vielen anderen Fällen funktionierten diese Vorkehrungen indes nicht. Nach Informationen des SPIEGEL gelangten bislang 20 ehemalige Angehörige der Bundeswehr in die Krisenregion - womöglich um dort auf Seiten dschihadistischer Gruppierungen zu kämpfen. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, handelt es sich bei ihnen um ehemalige Wehrdienstleistende, die sich erst nach ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr radikalisiert hatten.

Die in der Bundesrepublik trainierten Ex-Soldaten sind für Gruppierungen wie die Terrormiliz "Islamischer Staat" von einigem Wert. Im Gegensatz zum Großteil der rund 400 in die Region ausgereisten deutschen Dschihadisten verfügen sie über militärische Grundkenntnisse. "Der IS kann den Großteil der westeuropäischen Terrortouristen als Krieger eigentlich nicht gebrauchen. Diese jungen Kerle haben fast nie eine militärische Ausbildung und auch sonst nur wenige Fähigkeiten", sagte der Terrorismusforscher Peter Neumann unlängst im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Mit einigem Ehrgeiz suchen islamistische Organisationen daher in deutschsprachigen Broschüren nach geschultem Personal, nach Fanatikern vom Fach. Neben Ingenieuren und Ärzten sind "Leute mit militärischen Sachkenntnissen" besonders gefragt. Dass angehende Dschihadisten die Bundeswehr aber gezielt als Ausbildungsstätte missbrauchen, ist nach Einschätzung von Experten nicht zu erkennen.

Islamismus als zunehmendes Problem der Bundeswehr

Gleichwohl betrachtet der MAD den Islamismus als zunehmendes Problem der Truppe, Stabsunteroffizier Schmitz ist längst kein Einzelfall mehr. Im vergangenen Jahr ging der Geheimdienst fast 50 Verdachtsfällen nach, in denen unter anderem salafistische Bestrebungen erkennbar gewesen sein sollten. Acht Soldaten wurden schließlich als Extremisten eingestuft und aus der Bundeswehr entlassen. Trotzdem unterzieht die Armee angehende Soldaten vor ihrer Einstellung und Ausbildung noch immer keiner Regelüberprüfung: Im Unterschied zu anderen sensiblen Bereichen kommt in die Truppe fast jeder rein.

Als Kevin Schmitz schließlich wieder draußen war, blieb er auch als Zivilist im Visier der Nachrichtendienste. Wie aus einem vertraulichen Papier des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) hervorgeht, wollte der Inlandsgeheimdienst den Ex-Soldaten offenbar im Vorfeld einer geplanten Studienreise in den arabischen Raum als V-Mann anwerben. Zudem erwogen die Beamten den Einsatz eines "virtual agents", der sich dem Salafisten wohl in sozialen Netzwerken nähern sollte. Es ist unklar, ob das Vorhaben erfolgreich war.

Dass der ehemalige Stabsunteroffizier Schmitz zuletzt aber in den Dschihad ziehen wollte, zeigt deutlich, wie weit er sich innerlich von seiner Heimat entfernt hat. Seine Zeit beim Bund muss ihm inzwischen wie ein anderes Leben erscheinen.

*Name geändert

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
ehf 31.08.2014
1. Kevin Schmitz*?
Wie heisst Murat Ö. denn wirklich, SPON?
sir.viver 31.08.2014
2. Reißerische Überschrift
Ebenso könnte man schreiben: Ehemalige Grundschüler - oder - ehemalige Berufsschüler. Da bei den meisten Deutschen die (damalige) Wehrpflicht - also Bundeswehrzugehörigkeit - ganz normal zum Lebenslauf gehört, ist diese Meldung nichtssagend.
kimba_2014 31.08.2014
3.
Immer mehr "Deutsche" werden offenbar als Selbstmordattentäter für den islamischen Staat eingesetzt. Die Anführungszeichen sind allerdings von mir, da der Besitz eines BRD-Passes für mich nicht zwangsläufig ein Kriterium darstellt, jemand als Deutschen zu bezeichnen. Was hier als "Deutsche" bezeichnet wird, sind nicht integrationswillige Muselmanen, ohne Schul- und Berufsabschluß, deren Bildung sich auf ein paar Koranverse beschränkt, die ihnen ein Haßprediger mühsam beigebracht hat. Die Gott-ist-groß-Terroristen können mit diesen Leuten so wenig anfangen wie Merkeldeutschland, nur gäbe es hier Hartz IV und "Reschpeckt!" Dort drüben im Irak und in Syrien werden diese Menschen eben verbraucht, im Dienst der "guten Sache". Wenn gerade keine Selbstmordmission ansteht, dürfen diese "Kämpfer" in die vorderste Linie, damit die Gegner erst mal Munition verballern, bevor die richtigen Kampftruppen eingesetzt werden.
nfil 31.08.2014
4. Terroristen
Kann man Leuten die Staatsbuergerschaft entziehen, wenn sie nachweislich Terroristen sind und irgendwo Dschihad betreiben und unschuldige Menschen toeten? Diese Typen brauchen doch gar nicht wieder in die liberale EU zurueckkehren.
Sandman 31.08.2014
5. überascht?
Da sieht man wohin die überzogene Toleranz hinführt...... toll dann ballern und bomben also bald gut ausgebildete Islamisten auf uns? Ach neee, kann ja nicht sein, der islam bedeutet ja friede. schöne linke Welt.....
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