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Kampf gegen IS-Miliz: Die Stunde der Kurden

Von , Istanbul

Kurden gegen IS: Peschmerga-Armee und PKK-Kämpfer Fotos
AFP

Wer kann die IS-Terrormilizen im Irak und in Syrien stoppen? Der Westen sieht in den Kurden die einzige Rettung. Sie selbst hoffen jetzt auf einen eigenen Staat, doch untereinander sind sie zerstritten.

Noch nie wurden die Kurden vom Westen so umworben wie heute. Die Milizen der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) haben weite Teile des Irak und Syriens erobert und treiben ihren Plan vom "Kalifat" mit Waffengewalt voran. Und plötzlich glaubt man in Washington und Berlin, London und Paris und selbst in Ankara, dass die Kurden die Einzigen sind, die diesen Vormarsch stoppen und Stabilität in der Region schaffen können. Sicherheitspolitiker diskutieren, wie man sie am besten unterstützen kann, ob man ihnen auch Waffen liefern soll. Die USA und Frankreich rüsten die Kurden bereits auf, auch in Berlin ist man nun bereit dazu.

Die unverhoffte Beliebtheit eröffnet den Kurden eine Jahrhundertchance: größere Autonomie im Nordirak oder möglicherweise gar einen eigenen Staat zu erlangen. Der blieb dem Volk mit weltweit schätzungsweise 30 Millionen Angehörigen, die meisten davon in der Türkei, im Irak, in Syrien und Iran, bislang verwehrt. Jetzt sei die Gelegenheit gekommen, diesen Traum zu verwirklichen, betonen Kurden aus allen Ländern - auch wenn Außenminister Frank-Walter Steinmeier einen unabhängigen Kurdenstaat zuletzt noch einmal ablehnte.

"Alt, ängstlich und übergewichtig"

Doch sosehr die Kurden dieser gemeinsame Traum eint, so zersplittert sind sie doch in unterschiedliche Gruppierungen. Umworben wird derzeit ausschließlich die kurdische Autonomieregierung im Nordirak unter Präsident Massud Barsani. Die Rüstungshilfe kommt deren Peschmerga-Armee zugute. Rund 7000 Peschmerga-Kämpfer flüchteten Anfang August vor den anrückenden IS-Dschihadisten. Sie behaupteten, einen Befehl zum Rückzug erhalten zu haben. Dabei war es wohl die pure Angst, die sie forttrieb.

Erst einer anderen kurdischen Einheit gelang es, IS-Milizen zurückzudrängen, nämlich ausgerechnet einem syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die jedoch gilt in der Türkei, genau wie in der EU und den USA, als Terrororganisation, weil sie jahrelang mit Gewalt für einen unabhängigen kurdischen Staat kämpfte.

In der PKK ist man über den westlichen Kurs verärgert, die Peschmerga im Irak mit Waffen zu unterstützen. "Die Peschmerga-Kämpfer sind alt, ängstlich und übergewichtig", schimpft ein hochrangiges PKK-Mitglied, das namentlich nicht genannt werden will. "Sie haben seit dem Sturz des Saddam-Regimes nicht mehr gekämpft. Warum unterstützt der Westen eine Truppe, die den heutigen Herausforderungen überhaupt nicht gewachsen ist?" Die jüngsten Erfolge der Peschmerga seien "nur auf die Unterstützung durch US-Luftschläge" zurückzuführen. "Wirksam gegen IS wäre es, uns, die PKK, zu unterstützen", sagt er.

Die PKK aber ist verboten, also darf sie keine Waffen erhalten. Tatsächlich hat sie eine blutige Vergangenheit: Der Konflikt mit dem türkischen Staat kostete seit 1984 rund 45.000 Menschen das Leben. Die PKK rechtfertigte die Gewalt mit der massiven Unterdrückung der Kurden wie etwa das Verbot ihrer Sprache nach einem Militärputsch 1980. Kurden konnten in der Türkei lange Zeit nur beruflich erfolgreich sein, wenn sie ihre Ethnie verschwiegen.

Peschmerga verärgert über PKK-Kritik

Inzwischen hat ein Umdenken begonnen. Am Montag starb zwar ein junger Kurde bei Zusammenstößen zwischen PKK-Sympathisanten und Sicherheitskräften. Offiziell schweigen die Waffen aber seit einundhalb Jahren, die Regierung in Ankara ist um eine Annäherung bemüht. Kurdisch wurde als Unterrichtssprache in den kurdischen Gebieten wieder zugelassen, das Verbot der nur im Kurdischen, nicht aber im Türkischen verwendeten Buchstaben Q, W und X aufgehoben. Vergangene Woche ließ der seit 1999 inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan aus seiner Zelle auf der Gefängnisinsel Imrali verkünden, es gebe Hoffnung, dass der Konflikt bald beigelegt werde.

Schon werden im In- und Ausland Rufe laut, das PKK-Verbot aufzuheben. Türkische Zeitungen berichteten jüngst, PKK-Kämpfer hätten 13 IS-Dschihadisten verhaftet, die auf dem Weg nach Syrien waren. Die Botschaft sollte sein: Die PKK ist keine Terrororganisation mehr, sondern bekämpft selbst Terroristen.

Die Peschmerga sind verärgert über die Kritik der PKK. "Ich verstehe nicht, warum die PKK sich jetzt einmischt und sich gegen Hilfe für die Peschmerga wendet", sagt Dilshad Barsani, der Bruder des kurdischen Regionalpräsidenten und Vertreter der Autonomieregierung in Berlin. Jetzt sei nicht die Zeit, gegeneinander zu agieren, sondern vereint gegen die Islamisten vorzugehen. "IS ist eine Armee mit mittelalterlichen Vorstellungen, aber hochmodernen Waffen." Man müsse die Peschmerga deshalb entsprechend aufrüsten. "Die PKK hat mit Nordirak und den Kurden dort nichts zu tun!"

Barsani sieht keine Gefahr, dass es zu größeren Streitereien zwischen den kurdischen Gruppierungen kommt oder dass Kurden in Zukunft die vom Westen gelieferten Waffen gegen andere Kurden richten. "Wir haben den Norden des Irak wiederaufgebaut nach Jahren der Verfolgung und des Krieges. Wir haben bewiesen, dass wir vernünftige Leute sind."

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DER SPIEGEL

Gebiete unter Kontrolle in Syrien und im Irak

Kurden
Kurdische Ethnie
Weltweit gibt es etwa 30 Millionen Kurden. Ihr Hauptsiedlungsgebiet, das in der Türkei, im Irak, in Syrien und in Iran liegt, bezeichnen sie als Kurdistan. Einen eigenen Staat haben sie nicht. Kurden bilden eine Ethnie. Die meisten von ihnen sind sunnitische Muslime, es gibt aber auch Schiiten, Aleviten, Jesiden, Christen und Juden unter den Kurden.
Kurden in Deutschland
Allein in Deutschland leben etwa eine Million Kurden. Wegen ihrer Staatenlosigkeit werden sie hier meist als Türken, Iraker, Syrer oder Iraner wahrgenommen. Dabei bilden sie die drittgrößte Migrantengruppe in der Bundesrepublik.
Sprachen
Es gibt mehrere kurdische Sprachen, die wiederum jeweils ein Dutzend Dialekte haben. Am weitesten verbreitet ist die Sprache Kurmandschi. Interessanterweise sind es also weder Sprache noch Religion, die die Kurden als Volk zusammenhält, sondern "ihr Miteinander, verwurzelt in einer gemeinsamen Vergangenheit, die mehr oder weniger mythisch ist", wie die Ethnologen Jean-Loup Amselle und Guy Nicolas schreiben.
Autonome kurdische Region
Bis in das 20. Jahrhundert hinein lebten Kurden in Stammesgesellschaften. Heute leben sie in sehr unterschiedlichen Umfeldern. Die autonome kurdische Region im Irak gilt als die stabilste und sicherste im Land. Durch Zugang zu Erdöl ist sie wohlhabend.
Kurden in der Türkei
Kurden in der Türkei sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Überproportional viele sind jedoch arm, weil ihnen Bildung erschwert wurde. Unterricht auf Kurdisch war jahrzehntelang verboten. Viele Kurden kamen erstmals mit ihrer Einschulung mit Türkisch in Berührung.
Kurden im Irak
Das kurdische Autonomiegebiet liegt im Nordirak und wird von den Kurden Südkurdistan genannt. Im Irak wurden die Kurden lange Zeit verfolgt. Tragischer Höhepunkt war der Giftgasangriff des sunnitischen Diktators Saddam Hussein am 16. März 1988 auf den kurdischen Ort Halabdscha, bei dem etwa 5000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

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insgesamt 88 Beiträge
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1. Sehr oft enttäuscht
troy_mcclure 20.08.2014
Die Kurden sind schon sehr oft enttäuscht worden und auch dieses Mal - so meine Meinung - werden sie leer ausgehen, was einen eigenen Staat betrifft.
2. Waffen für Kurden / PKK
ihrwisstnix 20.08.2014
Jetzt werden die armen Kurden instrumentalisiert! Für das Versagen der USA und deren Vasallen. Wenn dann die Kurden ihren Staat haben wollen dürfen wir sie bekämpfen - da machen wir dann ja auch wieder mit -- Kämpfen gegen die eigenen von uns gelieferten Waffen. Mutti und Flintenuschi verstehen nichts. Die Amis sollen den Mist den sie angerichtet haben selber ausbaden - und dann sollten wir uns mit Schurkenstaaten wie den USA nicht mehr abgeben. Ich dachte, die PKK und deren Gliederungen sind Terrorgruppen? Und da dürfen wir jetzt Waffen liefern? Ach so - es geht ja eigentlich um Öl und Gas - na dann ist das was Anderes ...
3.
Realityisverydifferent 20.08.2014
was hält erdogan eigentlich von der aufrüstung der Kurden - gibt es dazu auch Infos? Oder was ist Erdogans Strategie/Position gegenüber dem Kuddelmuddel südlich der Türkei?
4. es eine gute Gelegenheit..
Zentrus 20.08.2014
hier ein zusammenhängiges Staatsgebiet zu bilden. Meinetwegen auch gern was von Syrien und der Türkei dazu (letzteres wird sicher nicht klappen) Der Irak als Staat hat sich überholt. Man sollte entweder eine Förderation formen, oder eine engere Zusammenarbeit trotz Selbständigkeit.
5. Bloß nicht dreckig werden !
Max H. 20.08.2014
Wenn man sich selber zu schön ist und sich die Hände nicht dreckig machen will, was macht man dann ? Natürlich andere schicken. Hier hast du Waffen. Hier hast du Panzer. Jetzt renn los und mach die Irren da drüben platt. Was ich davon halten soll weiß ich nicht. Aber das hört sich stark für mich nach einer reinen Instrumentalisierung an. Oder viel einfacher gesagt, die Kurden werden ausgenutzt.
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