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Dänemark: Aus dem Dschihad zum Psychologen

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Junger Däne in einem Terrorcamp in Syrien: Umsorge für die Dschihadisten Zur Großansicht
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Junger Däne in einem Terrorcamp in Syrien: Umsorge für die Dschihadisten

Gespräche, Jobsuche, Termine beim Psychologen: Die dänische Stadt Aarhus will Syrien-Rückkehrer wieder integrieren - aber die Angst vor einem Import des Terrors wächst.

Berlin - Gelber Klinker, weiße Fensterrahmen, ein niedriges Haus. Am Grimhøjvej 7, im öden Industriegebiet von Aarhus, steht so etwas wie die Zentrale für radikale Muslime in Dänemark. 22 der 100 Dschihadisten, die aus Dänemark in den Krieg nach Syrien und Irak zogen, gingen laut Sicherheitsbehörden in der Moschee am Rande der dänischen Stadt Aarhus ein und aus.

Im reichen Dänemark sind Umfragen zufolge die Menschen weltweit am glücklichsten. Aber das kleine Land weist noch einen anderen Rekord auf. Nur Belgien verzeichnet in Westeuropa pro Kopf mehr junge Muslime, die in den "Heiligen Krieg" gezogen sind. 16 Muslime aus Dänemark sind dort bereits gestorben. Allein aus Aarhus sind es fünf. 50 der Dschihadisten sind nach Dänemark zurückgekehrt.

Die meisten dänischen Dschihadisten waren gut integriert

Als vor acht Jahren dänische Zeitungen Mohammed-Karikaturen druckten, waren es Imame aus Kopenhagen und Aarhus, die mit den Zeichnungen in den Nahen Osten reisten und dort die Stimmung anheizten. Immer wieder gibt es Schlagzeilen, dass in Dänemarks Moscheen Prediger Juden als Nachfahren von Affen und Schweinen bezeichnen.

Dänemark - ein Hort der Radikalen. Wie konnte das passieren?

Seit den neunziger Jahren gebe es in Dänemark ein Umfeld für gewaltbereite salafistische Gruppen, erklärt die Journalistin Charlotte Aagaard, die an der Universität in Odense lehrt. Prominente islamistische Führer zum Beispiel aus Ägypten hätten sich in Dänemark niedergelassen. Grund waren die damals sehr liberalen Einwanderungsregeln. Die Strukturen sind da - und die Mobilisierung sei in dem kleinen Land einfach. Wer einem radikalen Prediger zuhören wolle, sei schnell überall, so Aagaard.

Beschränkungen dafür, was man sagen darf, gibt es in Dänemark kaum, auch nicht für Imame. "Die Freiheit zu sagen, was man denkt, gehört zu unserer nationalen Identität", sagt Manni Crone, Wissenschaftlerin am Dänischen Institut für Internationale Studien. Konflikte werden hart ausgetragen - auf allen Seiten. Die rechtspopulistische Volkspartei, die immer wieder Stimmung gegen Einwanderer macht, stellt seit vielen Jahren die drittstärkste Fraktion im dänischen Parlament.

Naser Khader war Abgeordneter für die Linksliberalen im Parlament in Kopenhagen - genau zu der Zeit als in arabischen Ländern die Unruhen wegen der Mohammed-Karikaturen ausbrachen und das kleine Dänemark in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Khader gründete damals die Initiative der "demokratischen Muslime". Heute sagt er: "Es ist zu einfach, immer der politisch anderen Seite die Schuld dafür zu geben, dass sich so viele Muslime radikalisieren." Eines sei aber zu beobachten: Die meisten jungen Syrien-Ausreisenden seien gut integriert, stammten aus der Mittelschicht. "Es ist eine ähnliche Struktur wie bei den RAF-Terroristen oder den 9-11-Attentätern."

"Mein Kindheitsfreund ist Dschihadist geworden"

Der Journalist Jakob Sheikh ist in Kopenhagen groß geworden, er hat einen pakistanischen Vater und eine dänische Mutter. Genau wie einer seiner Schulfreunde. Der ist als Dschihadist nach Syrien gezogen und nennt die Enthauptungen des IS "wunderschön". Sheikh dagegen ist heute Redakteur bei der Zeitung "Politiken". Die beiden Jungen hatten die gleichen Voraussetzungen und doch haben sie so unterschiedliche Wege eingeschlagen.

Sheikh hat darüber einen berührenden Artikel geschrieben. Er beschreibt, wie er mit seinem früheren Freund, er nennt ihn Amir, noch einmal die Orte ihrer Kindheit aufsucht, wie seine Worte den anderen aber nicht mehr erreichen, wie Amir wieder nach Syrien will.

Für Männer wie Amir hat die Polizei in Aarhus ein besonderes Programm entwickelt - planen sie die Ausreise oder kehren sie aus Syrien oder dem Irak zurück, startet eine umfassende Initiative: Gespräche, Jobsuche, Termine beim Psychologen. Die Hoffnung dahinter: Wenigstens die, die enttäuscht aus Syrien zurückkommen, wieder in die dänische Gesellschaft zu integrieren.

Regierung kündigt harte Maßnahmen an

Polizeikommissar Allan Aarslev leitet die Abteilung für Verbrechensprävention in Aarhus. Von den 16 Jugendlichen, die aus Syrien in seine Stadt zurückgekommen sind, seien zehn in dem Programm. Die übrigen sechs hätten es alleine geschafft, in ein normales Leben zurückzukehren. Er sagt: "Natürlich werden wir auch versuchen, die Jugendlichen strafrechtlich zu verfolgen. Aber auch wenn wir denken, dass sie eine Straftat begangen haben, lassen wir sie nicht alleine". Die Zahlen scheinen dem Konzept Recht zu geben. 2013 gingen 30 Aarhuser nach Syrien oder in den Irak, 2014 soll es nur einer gewesen sein.

Der "soft-handed-approach" hat weltweit Schlagzeilen gemacht, aber in Dänemark selbst wird die Kritik daran lauter. Es wächst die Angst davor, dass die Syrien-Rückkehrer den Terror nach Dänemark bringen. Kommissar Aarslev sagt: "Es ist nicht so, dass es entweder einen weichen oder einen harten Ansatz gibt. Die Realität ist oft: Entweder wir versuchen es mit einem Dialog, oder wir bekommen überhaupt keinen Kontakt."

Bislang gibt es keine einzige Anklage gegen einen der 50 Syrien-Rückkehrer. "Man bekommt das Gefühl, die dänischen Behörden geben automatisch auf, wenn es sich um ein Verbrechen handelt, das im Ausland verübt wurde", sagt die Journalistin Aagaard.

Tatsächlich ist die rechtliche Handhabe beschränkt. "Es gibt in Dänemark derzeit kein einziges rechtliches Mittel, jemanden an der Ausreise nach Syrien zu hindern, selbst wenn er sagt, er will sich dort dem IS anschließen", so Wissenschaftlerin Crone.

Die dänische Regierung hat jetzt neue Maßnahmen angekündigt. Wer trotz behördlicher Warnung nach Syrien reist und zurückkehrt, soll künftig seine Aufenthaltsgenehmigung verlieren. Dänischen Staatsbürgern soll der Pass entzogen werden, auch eine Gefängnisstrafe soll möglich sein.

Amir, der Kindheitsfreund von Journalist Sheikh, ist noch in Dänemark. Ob die neuen Gesetze rechtzeitig greifen, um seine Ausreise zu verhindern - niemand weiß es.

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