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Grünen-Außenpolitiker Nouripour zum Irak: "Deutsche Luftwaffe könnte den US-Einsatz unterstützen"

Was kann Deutschland tun, um die IS-Truppen im Nordirak zu stoppen? Waffenlieferungen sind falsch, findet der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour. Er fordert: Die deutsche Luftwaffe soll sich am US-Einsatz gegen die Islamisten beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Nouripour, Sie sprechen sich gegen Waffen-Lieferungen an die Kurden aus. Wie wollen Sie den Vormarsch der IS-Armee stoppen?

Nouripour: Das geht nicht ohne Militär. Sonst schlachten sie die Jesiden und andere Minderheiten ab. Und marschieren dann nach Bagdad.

Zur Person
  • Omid Nouripour, Jahrgang 1975, wuchs in Iran auf und lebt heute in Frankfurt am Main und Berlin. Seit September 2006 sitzt er für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Nouripour, Mitglied des Realo-Flügels bei den Grünen, ist außenpolitischer Sprecher der Fraktion.
SPIEGEL ONLINE: Was würde dabei besser helfen als Waffen?

Nouripour: Die legendären kurdischen Kämpfer der Peschmerga führen gerade einen Kampf, den eigentlich die irakische Regierung führen müsste. Man muss sie natürlich unterstützen. Aber die Frage ist, ob deutsche Waffenlieferungen die richtige Art der Hilfe sind - gerade wegen unserer zu Recht sehr restriktiven Waffenexport-Regeln.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesregierung scheint inzwischen darüber nachzudenken.

Nouripour: Es ist ja auch richtig, sich über alles Gedanken zu machen. Die Kurden brauchen unsere dringende Hilfe. Aber aus meiner Sicht kann die Antwort nicht sein: 'Wir schicken Waffen und hoffen, dass sich das Problem dann irgendwie von selbst löst.'

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Bundeswehr in den Irak schicken?

Nouripour: Ich will, dass die Bundesregierung in Abstimmung mit der internationalen Gemeinschaft überprüft, wie sie am besten helfen kann. Natürlich kann auch das Militärische eine Rolle spielen, vor allem aus der Luft. Immer von deutscher Verantwortung in der Welt zu sprechen, und dann sich in die Büsche schlagen, wenn es ungemütlich wird, das geht nicht.

Gebietsverteilung im Irak (Stand: 13. August 2014) Zur Großansicht
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Gebietsverteilung im Irak (Stand: 13. August 2014)

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Nouripour: Zum Beispiel könnte die deutsche Luftwaffe den US-Einsatz unterstützen. Ich glaube, dass die deutsche Öffentlichkeit ein sehr feines Gespür hat für Notsituationen. Und dass sie weiß, dass die Menschen dringend vor den IS-Schlächtern gerettet werden müssen. Meine Partei hat schon mehrfach ihre Zustimmung zur Schutzverantwortung für Menschenleben in solchen Situationen gegeben. Sie weiß, dass diese manchmal nur militärisch erreicht werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber schaffen das die Amerikaner nicht alleine?

Nouripour: Wir können nicht immer alle unangenehmen Aufgaben komplett den USA überlassen. Gerade wenn wir dem Einsatz der internationalen Gemeinschaft im Irak eine größere Glaubwürdigkeit verschaffen wollen, müssen wir auch eine deutsche Beteiligung prüfen. Sicher, die Amerikaner haben seit 2003 erheblich zu den heutigen Problemen im Irak beigetragen, aber die Katastrophe dort ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Die IS-Truppen bedrohen uns alle.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Nouripour: Wir reden über eine brutale Armee, die mit jeder Eroberung stärker wird. Sie finanzieren sich mittlerweile auch aus ihren Plünderungen. Die IS-Krieger wollen nicht einfach Syrien und Irak, sie wollen ein menschenverachtendes Regime im ganzen Nahen Osten errichten. Und je stärker ihre Strukturen werden, desto eher können sie auch Terroranschläge in Europa verüben. Deshalb müssen sie schnell gestoppt werden.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie in einer solchen Lage des Staatszerfalls den Wunsch der Kurden nach einem eigenen Staat?

Nouripour: Die Kurden im Irak haben Jahre lang eine Oase der Stabilität geschaffen, in der die Minderheitenrechte hochgehalten wurden. Dass sie irgendwann nicht mehr Teil eines regionalen Flächenbrands sein wollen, ist sehr verständlich. Dennoch müssen wir alles daran setzen, sie in den Prozess einer politischen Neugestaltung des Irak einzubeziehen.

Die Minderheit der Jesiden
Wo leben die Jesiden?
Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.

flo/mgb

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insgesamt 218 Beiträge
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    Seite 1    
1. Was
crocodil 13.08.2014
wollen wir eigentlich dort??????????????
2.
unumvir 13.08.2014
Was ist nur aus den Grünen geworden?
3. Ich finde
remmbremmerdeng 13.08.2014
Herr Nouripour als Kenner der Region und Sprache sowie politischer Kompetenzträger sollte vor Ort unterstützen.
4. Die "friedensbewegten" Grünen.....
donadoni 13.08.2014
....wissen spätestens seit dem Jugoslawien-Krieg 1999, dass man dabei sein muss, wenn die Säbel rasseln. Es ist zu hoffen, dass dieser Partei das gleiche Schicksal blüht wie der FDP. So eine Heuchelei einer Partei, die doch einst aus lauter Pazifisten bestand, tut richtig weh.
5. Quatsch
F.A.Leyendecker 13.08.2014
"Wir können nicht immer alle unangenehmen Aufgaben komplett den USA überlassen." Das ist Quatsch. Die USA und ihre "Koalition der Willfährigen" hat den Irak mittels eines rechtswidrigen Krieges destabilisiert. Sie allein sind nach dem Völkerrecht dafür verantwortlich, die dortige Zivilbevölkerung zu schützen. Ich schäme mich, daß ich jemals die Grünen gewählt habe.
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