EU-Terrorexperte 3000 Europäer kämpfen für "Islamischen Staat"

Der Anti-Terror-Koordinator der EU schlägt Alarm: Für die IS-Milizen in Syrien und im Irak kämpfen immer mehr EU-Bürger.


London/Brüssel - Immer mehr Europäer beteiligen sich am Kampf der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Die Zahl der EU-Bürger, die in Syrien und im Irak für den IS kämpfen oder gekämpft haben, ist auf 3000 gestiegen. Das sagte der Anti-Terror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove, am Freitag dem britischen Rundfunk BBC. Anfang des Jahres sei man noch von 2000 europäischen Dschihadisten ausgegangen.

Zu den 3000 Extremisten zählt Kerchove auch diejenigen, die im Kampf getötet worden oder nach Europa zurückgekehrt sind. Die Luftschläge der USA und deren Verbündeter ziehen seiner Ansicht nach eine erhöhte Gefahr von islamistischen Angriffen auf europäische Ziele nach sich. Außerdem könnten rivalisierende Terrorgruppen sich zu neuen Verbrechen veranlasst sehen, sagte Kerchove: "Der Aufstieg der IS könnte al-Qaida veranlassen, etwas zu unternehmen, um zu zeigen, dass sie nach wie vor von Bedeutung ist."

Den Sicherheitsbehörden von Spanien und Marokko ist ein Schlag gegen Anhänger der Dschihadistenmiliz gelungen: Neun mutmaßliche islamistische Terroristen wurden festgenommen. Die Aktion sei am frühen Freitagmorgen in enger Zusammenarbeit in der spanischen Nordafrika-Exklave Melilla und auch in der 15 Kilometer entfernten nordostmarokkanischen Küstenstadt Nador durchgeführt worden. Das teilte das spanische Innenministerium in Madrid mit. Die Festgenommenen gehörten den Erkenntnissen zufolge einer dem IS nahestehenden Organisation an, hieß es.

Einer der Männer sei spanischer Staatsbürger, acht seien Marokkaner, berichtete das spanische Fernsehen unter Berufung auf die Behörden. Das Ziel der Gruppe sei es gewesen, junge Menschen für den Dschihad, den "heiligen Krieg", zu werben.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

vek/dpa/Reuters

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
humpalumpa 26.09.2014
1. Das müssen ja extrem überzeugende Leute sein...
Ich versteh es einfach nicht. Die Reden von diesen Leuten müssen ja imens überzeugend sein, dass auch nur Einer ernsthaft auf die Idee kommt, sich in den Flieger richtung Krieg zu machen, um sich als Kanonenfutter herzugeben oder durch das islamische Bootcamp zu robben, um dann hier Leute zu meucheln, die er nicht mal kennt. Ganz zu schweigen von dem, was man seiner Familie damit antut! Ehrlich, vielleicht ist ja ein übergelaufener Dschihadist hier, der mir bitte mal erklären kann, wie man sich auf sowas einlassen kann?!? Oder ist das einfach Darwinismus in Reinkultur? Keine Ironie, sondern ernstgemeinte Frage.
Daueronline 26.09.2014
2. Europäer...
Wieso werden diese Leute eigentlich immer wieder als Europäer, Franzosen oder Deutsche bezeichnet? Irgendwie finde ich das ärgerlich. Außer einem Stück Plastik haben diese Leute nichts mit Europa oder der Europäischen Kultur gemeinsam. Sie leben hier ihr eigenes Leben, schotten sich ab und verachten die Europäische Kultur. Wer die Gelegenheit nutzt, um im Namen des Glaubens quasi als Kriegstouristen unbehelligt Unschuldige zu töten, dem sollte die Staatsangehörigkeit eines Europäischen Landes entzogen werden können.
darthmax 26.09.2014
3. Dschihad
der Weg zum Paradies , war auch für Europäer vor rd. 800 Jahren das Ziel und wenn man Abkürzen kann, indem man Ungläubige umbringt und dabei Märtyrer wird, auch nicht neu. Solange Schamane auf dieser Welt Ihren Unsinn predigen, wird es Eiferer geben.
cherrypicker 26.09.2014
4. Das Angebot lautet: Identität
Zitat von humpalumpaIch versteh es einfach nicht. Die Reden von diesen Leuten müssen ja imens überzeugend sein, dass auch nur Einer ernsthaft auf die Idee kommt, sich in den Flieger richtung Krieg zu machen, um sich als Kanonenfutter herzugeben oder durch das islamische Bootcamp zu robben, um dann hier Leute zu meucheln, die er nicht mal kennt. Ganz zu schweigen von dem, was man seiner Familie damit antut! Ehrlich, vielleicht ist ja ein übergelaufener Dschihadist hier, der mir bitte mal erklären kann, wie man sich auf sowas einlassen kann?!? Oder ist das einfach Darwinismus in Reinkultur? Keine Ironie, sondern ernstgemeinte Frage.
Junge Muslime in Europa stecken in einem Dilemma: Die Lebenswirklichkeit in einer postmateriellen Perfomance-Gesellschaft, in der alles auf Aufmerksmakeit gerichtet ist (Facebook, Selbstvermarktung, "Soft Skills" als Notwendigkeit für den Arbeitsmarkt etc.) steht in krassem Verhältnis zu den patriarchalischen Werten, mit denen sie aufgewachsen sind ("die Frau ist weniger wert als der Mann und hat zu Hause zu bleiben", "der Mann muss stark sein und bringt das Geld nach Hause","wer mich nicht respktiert, bekommt eine aufs Maul" etc.). Hinzu kommt der Widerspruch, sich als Bürger zweiter Klasse zu fühlen, obwohl man doch der "richtigen" Religion angehört. Die Hassprediger machen sich diesen Umstand zunutze: Sie lösen mit einfachen Rezepten sämtliche Widersprüche auf. "Die Ungläubigen sind an allem schuld, tötet sie und kommt in den islamischen Staat, dann werdet ihr glücklich und lebt gottgewollt. Und wenn ihr sterbt, seid ihr keine Versager, sondern kommt direkt ins Paradies." Die Hassprediger geben diesen jungen Menschen das, was unsere Gesellschaft ihnen nicht bietet: Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, eine Aufgabe und ein Ziel zu haben, das nicht nach 5 Minuten für irrelevant erklärt wird, weil sich "der Markt" mal wieder gedreht hat. Sie bekommen eine Identität, und dafür waren Menschen schon immer bereit zu töten. Menschen wünschen sich Verbindlichkeit. Mich wundern die 3.000 europäischen Irren im IS nicht. Mich wundert, dass es nicht viel mehr sind.
Alwran 26.09.2014
5.
Moin, Nein - das sind nicht alles grandiose Redner oder so. Die picken sich gezielt unzufriedene, gescheiterte und perspektvlose Menschen raus. Bis auf wenige Ausnahmen - die sich dort vielleicht als kommende Führungskräfte sehen - sind das halt Menschen, die von der Gesellschaft abgehängt wurden oder vermeintlich keine Chance bekommen. Wer 50 mal gehört hat - du passt nicht zu uns, wir finden dich unzuverlässig usw. und dann hört - ihr seid doch die besten ... ihr müsst nur und dann werdet ihr dies und das erreichen ... der wird sich damit halt beschäftigen - das ist der gleiche Mechanismus, der Menschen in klar rechte Gruppierungen treibt, der Sie an bestimmte Verschwörungen glauben lässt etc. Es ist einfach ein Zeichen nicht ausreichender Integration (ohne jetzt die Ursachen dafür analysieren zu wollen) und damit verbunden empfundener Chancenlosigkeit.
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