Qaida-Veteranen in Syrien USA bombardieren mysteriöse Chorasan-Gruppe

Die USA bombardieren in Syrien nicht nur den "Islamischen Staat". Auch die Chorasan-Gruppe aus Qaida-Veteranen soll getroffen worden sein. Doch nicht alle Bündnispartner der USA halten die Organisation für gefährlich.

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Vom US-Militär veröffentlichte Aufnahme: Ein Gebäude in Nordsyrien bei einem Luftangriff am Dienstagmorgen
AP

Vom US-Militär veröffentlichte Aufnahme: Ein Gebäude in Nordsyrien bei einem Luftangriff am Dienstagmorgen


Nach dem Angriff ist von dem Haus nicht mehr viel übrig. Aus den Betontrümmern ragen noch Metallstäbe. Einige Helfer bergen einen Leichnam. Insgesamt sollen 15 Menschen bei den amerikanischen Luftschlägen auf ein Gebäude in dem nordsyrischen Dorf Kafr Darijan ums Leben gekommen sein. Sieben davon seien Zivilisten, berichtet die Gruppe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die als zuverlässig gilt.

Den Luftangriff auf das Gebäude in Kafr Darijan haben die USA allein durchgeführt, also ohne ihre Verbündeten. Denn es handelte sich um eine Attacke auf eine Gruppe, die Washington als Chorasan bezeichnet - und über diese Organisation gehen die Meinungen der Bündnispartner auseinander.

Die Chorasan-Gruppe ist keine eigenständige Miliz. Sie ist vielmehr Teil der Nusra-Front, dem syrischen Ableger von al-Qaida, die anfangs auch eng mit der Gruppe "Islamischer Staat" zusammenhingen. Der Name Chorasan bezeichnet ein muslimisches Reich, das jahrhundertelang in den heutigen Ländern Afghanistan, Iran und Pakistan existierte.

Nach Einschätzungen der US-Geheimdienste sind die Mitglieder von Chorasan langjährige Qaida-Veteranen, die den Zusammenbruch Syriens ab 2011 nutzten, um von Afghanistan, Pakistan und Iran nach Nordsyrien überzusiedeln. Von dort aus wollten sie ungestört Attentate planen. Denn anders als im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet oder im Jemen musste al-Qaida in Syrien bisher keine Drohnenangriffe der Amerikaner fürchten.

Schon 2012 warnten die USA vor Qaida-Veteranen in Syrien

Schon 2012 hatten die USA gewarnt, dass sie Kontakte zwischen Syrien und der Zentralführung von al-Qaida im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet beobachteten und manche Qaida-Veteranen nach Syrien gereist seien. Sie sollen in regelmäßigem Kontakt mit Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri stehen. 2013 berichteten US-Geheimdienste, dass auch aus dem Jemen langjährige Qaida-Veteranen nach Syrien übergesiedelt seien.

Eine wichtige Rolle in der Chorasan-Zelle hat offenbar Muhsin al-Fadli. Die Attacke von Kafr Darijan soll ihm, seiner Familie und seinen Vertrauten gegolten haben. Washington geht davon aus, dass er bei dem Angriff getötet wurde. Der 33-jährige Kuwaiter kämpfte schon mit al-Qaida in Afghanistan und soll zum kleinen Kreis der in die Anschlagspläne für den 11. September 2001 Eingeweihten gehört haben. Dann lebte er offenbar in Iran, bevor er nach Beginn des Bürgerkrieges in Syrien dorthin übersiedelte.

Washington glaubt, dass unter Fadlis Führung die Chorasan-Zelle zusammen mit Qaida-Bombenexperten aus dem Jemen in Nordsyrien einen Anschlag plante - wahrscheinlich auf einen Flug in die USA. Erst im Juli hatte das amerikanische Heimatschutzministerium neue Beschränkungen für Flüge in die Vereinigten Staaten erlassen und nicht aufgeladene Handys und Laptops verboten. Offenbar glaubte man in Washington, dass ein Attentat unmittelbar bevorstehen könnte.

Viele Syrer halten die Nusra-Front für weniger gefährlich als IS

Die USA wollten jetzt offenbar die Gunst der Stunde nutzen und außer den Angriffen auf die IS-Miliz auch gleich die Chorasan-Zelle attackieren.

Doch Washington ging dabei allein vor. Denn nicht alle Verbündeten teilen die amerikanische Furcht vor der Gruppe. Im Gegenteil: Viele Syrer sehen den US-Angriff auf die Gruppe mit Skepsis und Misstrauen - von der Chorasan-Zelle hatten sie bisher noch nie gehört. Dort sind die Mitglieder der Organisation nicht weiter aufgefallen, blieben ein unauffälliger Bestandteil der Nusra-Front. Ob die Zelle deutlich mehr Mitglieder hat als die nun von Washington offenbar acht getöteten, ist unklar.

Der Nusra-Front, die von den USA seit Dezember 2012 als Terrororganisation eingestuft wird, gehören Qaida-Veteranen an, die sich nun in Syrien aufhalten. Weil in ihren Reihen weniger Ausländer kämpfen, hat die Organisation in Syrien aber nicht so einen schlechten Ruf wie der "Islamische Staat". Auch ist ihre radikalislamistische Ideologie weniger radikal als die des IS. Manche der syrischen Rebellen, die Washington nun verstärkt unterstützen will, dürften im Kampf gegen den IS sogar regelmäßig mit der Nusra-Front kooperieren.

Washingtons Verbündete werden also auch nicht alle die Angriffe auf die Nusra-Front gutheißen. Katar unterhält gute Beziehungen zu der Gruppe und hat immer wieder Geiselaustausche ausgehandelt, zuletzt von auf den Golanhöhen entführten Uno-Blauhelmen.

Auch die europäischen Staaten sehen in der Nusra-Front eine geringere Bedrohung für sich als im IS, weil in ihren Reihen derzeit wenig Europäer kämpfen.

Die amerikanischen Bündnispartner eint also nur ihre Ablehnung des "Islamischen Staates".

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
steve72 24.09.2014
1.
Terror gegen Terror ,traurig !
paulibahn 24.09.2014
2. al-qaida ist nicht so schlimm?
sollte man sich mal auf der zunge zergehen lassen, wir reden hier von der offiziellen al-qaida-filiale in syrien: "Der Nusra-Front, die von den USA seit Dezember 2012 als Terrororganisation eingestuft wird, gehören zwar die Qaida-Veteranen an, die sich in Syrien aufhalten. Weil in ihren Reihen weniger Ausländer kämpfen, hat die Organisation in Syrien aber nicht so einen schlechten Ruf wie der "Islamische Staat". Auch ist ihre Ideologie weniger radikal als die der IS. Manche der syrischen Rebellen, die Washington nun verstärkt unterstützen will, dürften im Kampf gegen den IS sogar regelmäßig mit der Nusra-Front kooperieren."
Bundeskanzler20XX 24.09.2014
3. Das Hauptproblem
was wir haben sind nicht unsere Feinde sondern wir selbst. "Auch die europäischen Staaten sehen in der Nusra-Front eine geringere Bedrohung für sich als im IS, weil in ihren Reihen derzeit wenig Europäer kämpfen." Unsere Gesellschaft hat immernoch nicht verstanden, dass man nicht immer warten sollte bis eine Bedrohung aktiv ist, sondern man handeln muss bevor sich diese bereits etabliert haben. Naja, bei uns dürfen junge Erwachsene auch hunderte Straftaten begehen und werden weiterhin nach Jugendstrafrecht verurteilt. In Europa gilt immernoch der Täterschutz. Ich finde das abartig.
magetasalex 24.09.2014
4. hmmmmm
Zitat von steve72Terror gegen Terror ,traurig !
Unsere Welt scheint immer schneller in ein Fahrwasser zu geraten, in dem keiner mehr genau sagen kann, wer der "Gute" oder wer der "Böse". So nach dem Motto: "Ich töte dich mal lieber, denn es könnte sein, dass wenn ich dich jetzt nicht töte, du ja morgen zehn meiner Leute töten könntest".
spon-facebook-10000026491 24.09.2014
5. klingt ein bißchen nach ...
... "minority report"
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