"Islamischer Staat" Flitterwochen im Kalifat

Der "Islamische Staat" soll von einer Idee zu einem realen Land werden. Dazu schafft die Miliz in Syrien neue Fakten und lockt mögliche Bürger aus aller Welt an. Ihre wichtigsten Köder: Sex und Geld.

Rakka in Syrien: Ein IS-Kämpfer mit seinem Maschinengewehr am Ufer des Euphrat
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Rakka in Syrien: Ein IS-Kämpfer mit seinem Maschinengewehr am Ufer des Euphrat


Seine Zukünftige hatte Abu Bilal al-Homsi online kennengelernt. Monatelang chatteten die beiden. Dem 28-jährigen Syrer gefiel die 24-jährige Tunesierin: Intelligent, gebildet, religiös konservativ. Genau wie er. Dazu teilten beide denselben Traum: ein Leben im "Islamischen Staat" (IS).

Auch die junge Frau fand den studierten Informatiker offenbar sympathisch. Als er um ihre Hand anhielt, willigte sie ein. Sie reiste über die Türkei zusammen mit anderen Frauen nach Syrien. Ihr Verlobter ließ seine Heimat Homs hinter sich und zog in die IS-Hochburg Rakka. Dort trafen sich die beiden zum ersten Mal.

Die Journalistin Sarah El Deeb hat die Geschichte des heiratswilligen Syrers aufgeschrieben. Sie steht seit Jahren mit ihm in Kontakt: Abu Bilal al-Homsi, ein Kampfname, gehörte zu den Aktivisten in Homs, die 2011 den Aufstand unterstützten. 2014 entschied er sich, Kämpfer zu werden und schloss sich dem IS an.

Das Kalifat braucht Bürger

Der IS ist mehreres zugleich: Er ist eine der stärksten Milizen im Irak und in Syrien; er ist eine Marke, die bis nach Europa junge Menschen elektrisiert, und er ist ein konkretes Projekt. Um dieses nun zu verwirklichen und tatsächlich einen Staat zu gründen, muss die IS-Führung neue Fakten schaffen.

Denn bisher gibt es keinen "Islamischen Staat", nur dünn besiedelte Wüstenregionen im Osten Syriens und im Westen des Iraks, in denen der IS derzeit die stärkste Miliz ist. Dort kapern die Kämpfer bestehende Strukturen. Die Einheimischen bleiben syrische und irakische Staatsbürger. Teils beziehen sie sogar noch ihre Gehälter aus Damaskus oder Bagdad.

Die Dschihadisten streben nach eigenen Angaben keine neuen, international anerkannten Grenzen an, diese lehnen sie grundsätzlich ab. Doch auch ein selbsterklärtes Kalifat braucht Bürger. Nur so kann der Traum der Radikalen Realität werden.

Mit weltlichen Versuchungen lockt der IS

Wie weit der IS geht, um das Projekt "Islamischer Staat" umzusetzen, zeigt El Deebs Bericht, der sich mit den Beobachtungen syrischer Menschenrechtler deckt. Sein wichtigster Köder sind sehr weltliche Versuchungen: die Hoffnung auf Liebe, Sex und Geld.

Der IS hat eine Marktlücke entdeckt: den schwierigen Heiratsmarkt im Nahen Osten, aus dessen Ländern die meisten IS-Kämpfer kommen. In vielen von ihnen herrschen hohe Arbeitslosigkeit und Inflation. Für eine Hochzeit müssen junge Männer aber eine große Mitgift aufbringen können. So rückt die Ehe - und damit auch gesellschaftlich akzeptierter Sex - für viele in weite Ferne.

Der 28-jährige al-Homsi hatte diese Sorgen nicht. Als IS-Kämpfer bekam er seine Hochzeit und die Flitterwochen von der Miliz bezahlt. Weil er eine ausländische Ärztin heiratete, also eine begehrte Hochqualifizierte, die noch dazu vier Sprachen spricht, gab es vom IS nicht wie üblich 500 Dollar Hochzeitsprämie sondern 1500.

Von dem Geld verbrachten die frisch Vermählten ein paar schöne Tage in Rakka, aßen Eis und spazierten am Euphrat entlang, bevor Abu Bilal al-Homsi seine Frau schwanger zurückließ. Denn er musste wieder an die Front.

Der IS-Kämpfer hofft auf die Babyprämie

Um die Anhängerschaft bei Laune zu halten, verteilt die Miliz Kriegsbeute: In den schicken Villen und Wohnungen, die einst Vertretern des syrischen Regimes gehörten, leben nun die Familien der IS-Kader. Wer beim Feldzug gegen die Jesiden dabei war, bekam eine verschleppte Frau als Sklavin geschenkt. Zwangsprostitution ist offizielle IS-Politik.

Der IS versucht kaum, einen eigenen Sozialstaat aufzubauen. Dafür fehlt ihm schlicht das Geld. Als Miliz ist der IS vergleichsweise reich, doch für einen Staat wäre er bettelarm.

Der syrische Kämpfer al-Homsi bekommt derzeit vom IS ein Gehalt von nur 50 Dollar im Monat; seine Frau bekommt ungefähr ebenso viel. Zudem erhält al-Homsi jeden Monat ein Lebensmittelpaket und hat ein kleines Extrabudget für seine IS-Uniform.

Zuletzt war al-Homsi noch am Leben und an der Schlacht um Palmyra beteiligt. "Der Kämpfer ist an der Front. Wie soll er das Essen nach Hause bringen?", beklagte er sich. Nun hofft der 28-Jährige auf die nächste Prämie: Bis zu 400 Dollar gibt es für jedes neugeborene IS-Kämpfer-Kind.



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