Jesiden im Nordirak Die Flüchtlinge in der Fünf-Sterne-Ruine

Keine Wände, keine Geländer: 364 Jesiden aus Sindschar sind in einen 13-stöckigen Rohbau eines Luxushotels in Dohuk geflüchtet. Dort sind sie Wind und Kälte schutzlos ausgesetzt. Und die IS-Dschihadisten sind nur eine Stunde entfernt.

Aus Dohuk berichten Eric Lafforgue und Constantine Savvides

Eric Lafforgue

Das Gebäude ein paar Kilometer außerhalb der irakischen Stadt Dohuk sollte eigentlich mal ein Fünf-Sterne-Hotel werden. Doch nun ist aus dem Rohbau ein provisorisches Flüchtlingslager geworden. Nachdem die Terroristen des "Islamischen Staats" Anfang August die Stadt Sindschar angriffen, sind Tausende Jesiden aus dem Ort geflüchtet. Ein paar Hundert haben in dem 13-stöckigen Hotel Kayar Zuflucht gefunden. Der Name bedeutet übersetzt so viel wie "Ort, an dem man Freunde empfängt".

Die Bauarbeiten an dem Hotel wurden in einem frühen Stadium gestoppt. Das Betongerippe ist nun die ungastliche Herberge für 63 jesidische Familien, insgesamt 364 Menschen. Kinder spielen in dem Gebäude - ständig in der Gefahr, in die Tiefe zu fallen, weil es weder Geländer noch Wände gibt. Die Flüchtlinge sind Kälte und Wind schutzlos ausgeliefert, viele hungern. In dem Bau wimmelt es von Skorpionen, Ratten, Insekten und Schlangen. Und die IS-Terroristen stehen nur eine Stunde vom Hotel entfernt.

"Wir wollen Zelte, genau wie alle anderen Flüchtlinge", sagte einer der Bewohner, nachdem wieder einmal ein Herbststurm über die Bauruine hinweggefegt war. Auch für diese Woche sind wieder starke Regenfälle vorhergesagt. Viele Flüchtlinge sind verzweifelt. "Ich hatte meinen Kindern gesagt, dass meine Freunde kommen würden, um uns zu helfen. Aber sie sind nie gekommen", erzählt Ismail, einer der Jesiden. Er arbeitete früher als Übersetzer für die US-geführten Streitkräfte im Irak. Sechs Tage hatte er mit seiner Familie im Sindschar-Gebirge ausgeharrt, eingeschlossen von den Dschihadisten. Er sah, wie andere Jesiden vor Durst und Hunger umkamen.

Nun kommt der harte Winter

Der Nordirak ist mit dem Flüchtlingsdrama völlig überfordert. Für die Jesiden, die im Hotel Kayar untergekommen sind, gibt es keinen anderen Platz. Der Besitzer des Gebäudes hat den Flüchtlingen erlaubt, den Rohbau zu beziehen. Unter einer Bedingung: Offenes Feuer ist verboten.

Mehrere Familien teilen sich eine Etage. Der Boden ist nur mit dünnen Matratzen und Planen ausgelegt. Viele Räume haben keine Mauern, die den Flüchtlingen Schutz vor der Kälte bieten könnten. Sie hüllen sich in Decken, um warm zu bleiben. Es ist fast, als würden die Menschen im Freien schlafen. Überall ist Matsch. Vor dem Haus wärmen sich Kinder an einem Feuer. Fast alle sind barfuß.

Nun steht der Winter bevor - mit Schnee und Temperaturen unter null Grad. Wenn die Menschen im Hotel Kayar nicht bald Hilfe bekommen, droht ihnen das Schlimmste.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
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vox veritas 06.11.2014
1. Ganz ehrlich?
Das interessiert doch keinen Menschen in diesem Land, ansonsten hätten sich bereits kilometerlange Menschen- und Lichterketten in den Innenstädten gebildet, um gegen die dortigen Zustände zu protestieren! Wo sind denn die Organisatoren, die in der Vergangenheit die ganzen Demonstrationen gegen Kriege, Castoren, AKWs, die NATO, etc., etc. geplant haben? Traurig, aber wahr.
ompo58 06.11.2014
2. traurig
Das ist so traurig und beschämend. Was helfen Lichterketten? Man ist so ohnmächtig.
messwert 06.11.2014
3. Auch wenn Zensur droht, das musste halt gesagt werden.
Man spürt die seit Wochen verfolgte Absicht mit all den Flüchtlingsdramen unsere Bereitschaft für eine dauerhafte Flüchtlingsflut zu gewinnen und - ist VERSTIMMT! Weder Medien, noch Politik, interessieren die drastischen Folgen für unser Land daraus! Entgegen all den hierzulande maroden Bereichen, siehe nur die Öffentlichen Verkehrsmittel in NRW, Berlin, etc, Brücken, Straßen usw., heißt es stereotyp: “ Wir seien ein reiches Land!” Andererseits, verweist man auf die 2,3 Billionen Staatsverschuldung um den politischen Sparzwang an allen Ecken, bis hin zu unserem Sozialwesen, zu rechtfertigen. Wem ist denn geholfen, wenn Deutschland weiterhin jährlich Flüchtlinge in der Größenordung einer 150 000 -Einwohnerstadt aufnimmt, zu versorgen hat und sich dabei selbst ruiniert? Ganz zu schweigen von den zu erwartenden Unruhen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Aufnahme JA, aber in verträglichem Maß! Gibt es in Übersee - Ländern etwa nicht jede Menge Platz für sie?
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