Krieg gegen den "Islamischen Staat" Endlose Schlacht um Kobane

Der "Islamische Staat" scheint geschwächt, im Irak wird die Gruppe zurückgedrängt, Kämpfer desertieren. Doch die erbitterte Schlacht um Kobane zeigt: Der Krieg gegen die Dschihadisten ist noch lange nicht vorbei.

AP

Berlin/Damaskus/Bagdad - Fast hundert Tage Belagerung, fast hundert Tage Tod und Leid. Der Kampf um Kobane (Arabisch: Ain al-Arab) zeigt, wie zermürbend der Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) ist.

Die Dschihadisten hatten die Provinzstadt im Norden Syriens am 15. September mit Panzern und schweren Geschützen angegriffen. Täglich kommt es seither zu Gefechten, Muslime gegen Muslime: kurdische Milizen und syrische Rebellen gegen die IS-Kämpfer. Ein Ende der Kämpfe in Kobane ist nicht absehbar. Weite Teile der Stadt sind verwüstet.

Fast täglich fliegt die internationale Koalition Angriffe auf IS-Stellungen, manchmal sechs Attacken pro Tag. Mal wird ein Fahrzeug der Dschihadisten zerstört, mal schwere Maschinengewehre, mal ein Mörser, notiert das US-Verteidigungsministerium. Der Luftkrieg gegen den IS ist ein langwieriges Unterfangen. Den Bodenkrieg scheut das Ausland.

Kämpfer sterben auf beiden Seiten. Rund tausend Dschihadisten wurden in Kobane bereits getötet, schätzt die US-Regierung. Verlässliche Informationen aus der Stadt gibt es kaum. Diese Zahl entspricht den Angaben der Organisation Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich bisher als recht zuverlässig erwiesen hat. Auf kurdischer Seite hat sie die Namen von über 430 Kämpfern dokumentiert, die in Kobane gefallen sind.

Ein Ende der Belagerung ist nicht in Sicht. Zwischenzeitlich drangen IS-Truppen bis ins Zentrum vor. Etwa die Hälfte der Stadt stand unter Kontrolle der Dschihadisten. Doch mittlerweile haben die kurdischen Kämpfer wieder Boden gutgemacht. Keine Seite kann die Schlacht für sich entscheiden.

In Schwarz: Die Dschihadisten haben sich im Nordosten Syriens und Nordwesten Iraks eingenistet
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In Schwarz: Die Dschihadisten haben sich im Nordosten Syriens und Nordwesten Iraks eingenistet

Der IS ist geschwächt, aber immer noch stark

Kobane ist nur eine Front von vielen im Krieg gegen den IS. Das Schicksal der syrischen Provinzstadt lässt aber erahnen, was im kommenden Jahr auf die irakische Großstadt Mossul zukommen dürfte. Dort haben sich die Dschihadisten seit Juni eingenistet. Die irakische Armee will im Frühjahr eine Offensive beginnen, um Mossul wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Auch dort droht dann ein zermürbender Kampf um jeden Straßenzug, um jedes Haus.

Dabei geben die aktuellen Erfolge Anlass zur Hoffnung, die Dschihadisten wirken geschwächt.

  • Ideologisch: Der IS hat im Irak Gebiete verloren, die er bereits zu Teilen seines Kalifats erklärt hatte. Der Führung bereitet das Probleme, zumal die erfolgreiche Expansion nach historischem Vorbild ein wichtiger Teil der IS-Ideologie ist. Doch statt neuer Eroberungszüge rückt die Verwaltung der bereits kontrollierten Gebiete in den Vordergrund. Unter IS-Anhängern nimmt der Missmut zu. Einem Pressebericht zufolge wurden vor Kurzem 100 IS-Kämpfer exekutiert, weil sie für unzuverlässig gehalten wurden.

  • Materiell: Die Luftschläge bereiten dem IS Verluste: Die Ölförderung wird beeinträchtigt, eine von vielen Einnahmequellen der Dschihadisten. Auch haben sie einen Teil ihrer schweren Waffen und Fahrzeuge verloren - wie viel genau, ist nicht bekannt.

Doch zu unterschätzen ist die Gruppe trotz dieser Rückschläge nicht. Sie bleibt weiterhin eine der größten Terrororganisationen im Irak und in Syrien. Sie kontrolliert noch immer ein Gebiet größer als Belgien - auch wenn vieles davon Wüste ist. Bisher scheint auch der Zustrom ausländischer Kämpfer zum IS ungebrochen.

In der IS-Kernregion bleibt die Miliz stark - es fehlen Alternativen

Zurückgedrängt wurden die Dschihadisten bisher fast nur aus Gebieten, in denen sie ihre Herrschaft ohnehin nur schwer durchsetzen konnten: In Regionen etwa, die mehrheitlich nicht-arabisch oder nicht-sunnitisch waren wie das Sindschar-Gebirge, in dem hauptsächlich irakische Jesiden leben. Der "Islamische Staat" ist eine radikal-sunnitische Miliz. Die meisten nicht-arabischen oder nicht-sunnitischen Gegenden im Irak und in Syrien konnte sie erst gar nicht erobern, weil es an örtlichen Verbündeten fehlte.

Das sieht in den ländlichen sunnitisch-arabischen Regionen ganz anders aus: Dort fällt es äußerst schwer, die Dschihadisten wieder loszuwerden. Dies gilt etwa für die nordwestlichen Provinzen des Iraks sowie die nordöstlichen Provinzen Syriens. Dort gab es schon lange ein Machtvakuum - auch vor dem Einzug des IS. Viele Menschen fühlen sich von den nicht-sunnitisch geprägten Regierungen in Damaskus und in Bagdad bedroht. Sie sind ihren Hauptstädten längst entglitten.

Wer soll den IS also vor allem in Syrien stoppen? Die syrische Rebellengruppen wohl kaum. Sie kämpfen seit zwei Jahren mit mäßigem Erfolg gegen die Dschihadisten. Es scheint aktuell nur eine Frage der Zeit, bis sie vom IS besiegt werden. Und noch eine beunruhigende Tendenz: Mangels Alternativen kooperieren die Rebellen in Syrien immer öfter mit den Dschihadisten.

Den Einsatz von eigenen Bodentruppen lehnt die internationale Allianz gegen den IS weiter ab. Im Irak haben sie die Peschmerga-Truppen, die in den nördlichen Gebieten eingreifen können. Vergleichbares fehlt in Syrien, dort beschränkt sich das Ausland auf Luftangriffe, am Boden gibt es keine Unterstützung. Und mit dem verhassten Machthaber Baschar al-Assad und dessen Regierungseinheiten will das Ausland auf keinen Fall kooperieren.

In diesem Patt befindet sich Syrien seit langem - ein Ende ist kaum absehbar. Besiegt ist der "Islamische Staat" noch lange nicht. Und auch der Kampf um Kobane dürfte weiter andauern.

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
kleinbürger 22.12.2014
1. schlacht
der autor hat in vielen teilen recht vor allem in bezug auf syrien. selbst wenn perschmerga und irakische truppen den IS im irak besiegen können werden sie wohl kaum in syrien einmarschieren und ohne ausländische (irakischen und kurdische) truppen wird der IS in syrien nicht zu besiegen sein. nicht zustimmen kann ich ihm in bezug auf mossul, die millionenstadt ist kein kleines nest wie kobane, sie ist schwer zu verteidigen und wenn es an nachschub an kämpfern und material fehlt bricht der widerstand schnell zusammen (siehe bagdad 2003, oder mossul selbst vor ein paar monaten).
meier_7 22.12.2014
2.
Ja da zeigt sich wie unausgegoren und machtpolitisch motiviert das Ganze ist. Lieber lässt man die Terrorbanden der ISIS morden und vergewaltigen, als mit Assad zusammenzuarbeiten, das liegt natürlich auch daran, dass man Iran , der in diesem Zusammenhang eine positive Rolle spielt aussen vor lässt während man mit den unterstützern dieser wahabitischen Verbrecherideologie Saudi Arabien bestens zusammenarbeitet, so wird das nie was.
alfredjosef 22.12.2014
3. Ganz schlimme Lage
Wie schlecht muss es den sunnitischen Arabern unter ihren jeweiligen Regierungen - dem Regime Assad in Syrien, der von der Mehrheit gewählten Schiitenkoalition im Irak - gegangen sein, dass sie sich freiwillig dem islamischen Staat anschliessen. Das gibt zu denken. aj
nurEinGast 22.12.2014
4.
Ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit bis Kobane zurückerobert wird. Schliesslich werden und wurden die Kurden waffentechnisch dort extrem aufgerüstet. Es gibt ja jetzt schon genügend Videos (u.a. auf Facebook) welche Peschmergakämpfer mit deutschen Panzerfahrzeugen zeigen. Die sind wohl zufällig zwischen die Schutzwesten geraten... Interessanter finde ich dagegen die Berichte vom Herrn Todenhöfer, der deutsche Waffen (MG3) bei IS-Kämpfern dokumentiert hat. Bin gespannt, wann diese Waffen wieder den Weg nach Deutschland finden um hier gegen Deutsche eingesetzt zu werden. So spendabel, wie Merkel und Co derzeit Waffen und Technik in alle Welt verteilen ist es nur eine Frage der Zeit.
dbbkmorg 22.12.2014
5.
Zitat von alfredjosefWie schlecht muss es den sunnitischen Arabern unter ihren jeweiligen Regierungen - dem Regime Assad in Syrien, der von der Mehrheit gewählten Schiitenkoalition im Irak - gegangen sein, dass sie sich freiwillig dem islamischen Staat anschliessen. Das gibt zu denken. aj
Und was taten genau diese Sunniten, als sie unter Saddam an die Macht waren? Ja genau, Giftgas gegen Kurden einsetzen! Und es gibt keine irakische Yeziden! Es gibt nur kurdische Yeziden. Und was Alternativen in Syrien angeht... Auch dort gibt es Kurden, die wie die kurdische Peshmerga eine große Rolle spielen könnten, aber die darf man natürlich nicht unterstützen, weil der Nato-Partner Türkei ja was dagegen haben könnte... Laut kurdischen Angaben sollen noch 15% von Kobanê in der Hand von IS sein. Kurden werden auch das zurückerlangen, denn die Alternative wäre unter der Herrschaft der IS zu leben, womit Kurden nichts anfangen können.
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