Intervention in Syrien Russland bombardiert Rebellen - nicht den IS

Die russischen Luftangriffe in Syrien gelten dem "Islamischen Staat" - sagt zumindest die Regierung. Doch die ersten Attacken trafen nicht den IS, sondern Rebellen. Das nützt Assad.

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Der russische Militäreinsatz in Syrien läuft. Die Frage ist: Wer wird da eigentlich bombardiert? Moskau hatte die USA vorgewarnt, dass es in unmittelbarer Nähe der Stadt Homs angreifen werde. Die US-Einheiten sollten sich während der Attacke aus dem syrischen Luftraum zurückzuziehen.

Der Haken: In unmittelbarer Nähe der Stadt Homs befindet sich der IS gar nicht. Es habe nicht den Anschein, als würde Russland die Terrormiliz angreifen, sagte dann auch ein US-Beamter. Ähnlich schätzten auch französische Quellen die Lage ein.

Augenzeugen in Syrien sprachen von Bombenangriffen russischer und syrischer Kampfjets auf die Kleinstadt Talbiseh in unmittelbarer Nähe der Stadt Homs sowie auf Allatamna in der Provinz Hama, nördlich der gleichnamigen Stadt. Das Assad-treue syrische Staatsfernsehen berichtete ebenfalls von insgesamt sieben russischen Angriffen bei Homs und Hama in Koordination mit syrischen Kampfjets.

Kämpfer des "Islamische Staats" wird man in dieser Region kaum finden, wohl aber verschiedene syrische Rebellengruppen.

Homs und Umgebung gelten als eine der Hochburgen der Protestbewegung gegen Präsident Baschar al-Assad. In der Stadt und benachbarten mehrheitlich sunnitischen Kleinstädten wie Talbiseh war es 2011 zu Massendemonstrationen gegen das syrische Regime gekommen, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Doch es gelang Damaskus bis heute nicht, die Region wieder ganz unter Kontrolle zu bringen.

Im Video: Russland fliegt Luftangriffe in Syrien

In Talbiseh gibt es mehrere Milizen: Radikalislamisten von "Ahrar al-Scham" und der Nusra-Front, die zu al-Qaida hält. Ebenso Einheiten, die sich zur "Freien Syrischen Armee" (FSA) zählen. So nennt sich der lose Verband der Oppositionellen, die seit 2011 gegen Assad kämpfen. In Allatamna soll ein Stützpunkt einheimischer Rebellen getroffen worden sein, die sich selbst zur FSA bekennen.

Aus Sicht des Assad-Regimes und der mit ihm verbündeten Regierungen Russlands und Irans sind Assad-Kritiker "Terroristen", egal ob Zivilisten, Kämpfer oder Dschihadisten.

Russland greift im Westen an, die USA im Osten

Für Damaskus sind die syrischen Rebellen die größere Bedrohung als der IS. Denn die Rebellen sind zuletzt in den Kernregionen des Regimes immer weiter vorgerückt: in den Provinzen Latakia an der Küste, sowie in Hama und Homs.

Gebietsverteilung in Syrien: Große Teile unter Kontrolle des IS
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Gebietsverteilung in Syrien: Große Teile unter Kontrolle des IS

Im dichtbesiedelten Westen liegen die wichtigen Städte des Landes - und es finden sich, ebenso wie in Zentralsyrien, viele Unterstützer des syrischen Regimes. Der IS dagegen hält Teile des dünnbesiedelten Ostens, viel davon Wüste. Damaskus kann auf diese Gebiete auch verzichten.

Die bisherigen Angriffe zeigen: Russlands Priorität in Syrien ist es, Baschar al-Assad zu helfen. Die Bekämpfung des IS scheint zweitrangig, anders als offiziell erklärt. Insofern ist es unwahrscheinlich, dass sich russische und amerikanische Kampfjets in die Quere kommen werden. Denn die Amerikaner konzentrieren sich auf die Dschihadisten. Während die Russen also vor allem im Westen Syriens bombardieren dürften, werden die USA weiter im Osten angreifen. Tatsächlich ignorierten die Amerikaner die Aufforderung Russlands und flogen ihrerseits am Mittwoch Angriffe in Syrien. Die Ziele lagen bei Aleppo im Norden.

Erste Tote - möglicherweise durch russischen Beschuss

Russland hat sich bisher offen gehalten, wie lange die Bombardierungen anhalten sollen. Sie könnten die Flucht vieler Syrer ins Ausland beschleunigen. In Allatamna wurde nach Angaben der örtlichen Rebellen niemand verletzt. Doch in Talbiseh sollen nach Angaben von Khaled Khoja, Chef des syrischen politischen Oppositionsrats, Zivilisten getötet worden sein.

Es ist unklar, ob sie russischen oder syrischen Angriffen zum Opfer fielen. Damaskus greift täglich mit unpräzisen Bomben Ziele im eigenen Land an und hat so weite Teile entvölkert.

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