Deutscher Jesiden-Kämpfer im Nordirak "Die Welt muss uns nur helfen"

Er hat 2000 Kameraden verloren und kämpft in Sichtweite der IS-Milizen an der Seite der Jesiden: Der Deutsche Qasim Shesho führt im Sindschar-Gebirge die Bürgerwehr an. Hier erzählt er, wie der Sieg gegen die Dschihadisten doch noch gelingen kann.

Ein Interview von , Istanbul

privat

Vor zwei Wochen sah es besonders schlecht aus für Qasim Shesho. Zusammen mit mehreren hundert Kämpfern hatte er sich in der Pilgerstätte Sherfedin verschanzt, dem zweitwichtigsten heiligen Ort der Jesiden, Angehörige einer kurdischsprachigen religiösen Minderheit. Die Angreifer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) waren vorgerückt und inzwischen in Sichtweite. Immer wieder rücken neue IS-Kämpfer mit modernen Gewehren nach. Die Jesiden dagegen verfügten nur über ihre alten Kalaschnikows.

Shesho, 62, und seine Bürgerwehr kämpften um ihr Leben. Stundenlang lieferten sie sich Gefechte, schlugen Alarm, per Telefon, Facebook und Twitter, und baten um Hilfe von außen. Schließlich schickte die kurdische Autonomieregierung Peschmerga-Kämpfer. Gemeinsam mit den Jesiden drängten sie die IS-Milizen zurück.

Shesho lebt eigentlich im nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen und war nur zufällig im Heimatdorf seiner Familie im Nordirak, als der IS seinen Angriff auf die Region am frühen Morgen des 3. August startete. Die Bürgerwehr machte ihn zu ihrem Anführer. Auch zwei Söhne und ein Neffe, allesamt deutsche Staatsbürger, kämpfen an seiner Seite im Sindschar-Gebirge. Am Freitagabend telefonierte er mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Herr Shesho, die Lage im Sindschar-Gebirge ist angespannt, immer wieder rücken IS-Kämpfer vor. Sie sind Deutscher Staatsbürger, was treibt Sie an, hier zu kämpfen?

Qasim Shesho: Ich bin ein Jeside. Das ist keine Ethnie, sondern bezeichnet eine religiöse Zugehörigkeit. Ethnisch bin ich Kurde. Tausende jesidische Frauen sind in Gefangenschaft des "Islamischen Staates", werden von diesen Leuten als Sexsklavinnen gehalten und wie Vieh auf Märkten verkauft. Tausende Menschen wurden umgebracht, unsere Kinder getötet, manche geköpft, andere bei lebendigem Leib begraben. Es ist also eine Frage der Ehre, es geht um das Überleben meines Volkes.

Im Irak werden tatsächlich Tausende irakische Frauen und Kinder vermisst, sie wurden verschleppt von IS-Anhängern - als Kriegsbeute. Menschenrechtsorganisationen gehen von 2500 bis 7000 Verschleppten aus. Die Miliz hat solche und ähnliche Gräueltaten eingeräumt.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau kämpfen Sie?

Shesho: Wir haben etwa 3000 Kämpfer im gesamten Sindschar-Gebirge. Ich selbst bin in der Pilgerstätte Sherfedin. Am 20. Oktober, um drei Uhr morgens, begann hier die IS-Attacke auf uns. Sie kamen in Dutzenden Humvees und kesselten uns ein. Immer neue Kämpfer rückten nach, es war beängstigend.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein solcher Ort es wert, sein Leben zu riskieren?

Shesho: Sherfedin bedeutet für uns so viel wie für die Katholiken der Vatikan. Wenn der IS Sherfedin zerstört, wäre das das Ende der Jesiden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die IS-Angreifer zurückgedrängt?

Shesho: Wir haben gekämpft und gekämpft. Glücklicherweise kamen uns Peschmerga-Einheiten zu Hilfe. Jetzt stehen die nächsten IS-Milizen dreieinhalb Kilometer von uns entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Jene Armee, die Anfang August vor den IS-Kämpfern zurückgewichen ist und so überhaupt erst ermöglicht hat, dass die Dschihadisten mehrere Ortschaften in der Region einnehmen konnten? Tausende Jesiden mussten deshalb flüchten.

Shesho: Der Präsident der kurdischen Autonomieregion Masud Barzani hat persönlich dafür gesorgt, dass solche Dinge nicht mehr geschehen und dass die Peschmerga uns helfen. Das haben sie getan und tun es immer noch.

Erst vor wenigen Tagen haben Milizionäre des "Islamischen Staats" den Jesiden im Gebirge den Fluchtweg abgeschnitten. Die Jesiden beklagten, dass sie kaum Hilfe von den Perschmerga bekamen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hegen also keinen Groll mehr gegen sie?

Shesho: Wir verfolgen das gemeinsame Ziel, den IS zu besiegen und Sindschar und die Region zu befreien.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben Sie und Ihre Kämpfer im Gebirge?

Shesho: Wir nutzen alle Gebäude, auch solche, die noch gar nicht fertig sind, und Zelte. Hier in den Bergen harren, neben den Verteidigungskräften, immer noch rund 10.000 Zivilisten aus. Wir alle versuchen, mit dem klarzukommen, was uns zur Verfügung steht.

SPIEGEL ONLINE: Wer versorgt all die Menschen?

Shesho: Das ist das größte Problem. Waffen und Munition bekommen wir von den Peschmerga, aber es ist zu wenig. Wir brauchen dringend schweres Geschütz, Artillerie, solche Sachen. Lebensmittel haben wir über die umliegenden Dörfer bekommen, aber die sind seit einigen Tagen nun vom IS besetzt. Es wird knapp.

SPIEGEL ONLINE: Sie bitten um humanitäre Hilfe. Kommt die denn an? Bei früheren Versorgungsflügen gab es Beschwerden, die Pakete aus der Luft würden Sie nicht erreichen.

Shesho: Doch, mittlerweile funktioniert das. Aber es ist zu wenig. Es fehlt an allem: Lebensmittel, Trinkwasser, Waffen und Munition, Medikamente, Verbandsmaterial. Wir könnten alles gebrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Bilanz Ihres Kampfes der vergangenen bald drei Monate?

Shesho: Noch sind wir hier. Das ist ja schon etwas. Insgesamt haben wir aber schon 2000 Kämpfer verloren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie in den vergangenen Tagen Kriegsgefangene gemacht?

Shesho: Die meisten unsere Feinde sterben im Gefecht. Aber wir hatten tatsächlich acht Gefangene.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit ihnen geschehen?

Shesho: Wir haben sie vor ein Gericht unserer Bürgerwehr gestellt. Sie wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Planen Sie, nach Deutschland zurückzukehren?

Shesho: Ich bleibe, bis Sindschar vom IS befreit ist. Entweder erreichen wir dieses Ziel, oder ich sterbe hier. Aber ich hoffe, dass ich irgendwann Deutschland wiedersehe. Ich kämpfe hier seit bald drei Monaten, nach Wochen der Hitze hat hier jetzt eisige Kälte eingesetzt. Ich vermisse meine Familie in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie Ihr Ziel für realistisch?

Shesho: Alleine können wir es nicht erreichen. Aber wenn die USA und ihre Partner ihre Luftschläge verstärken und wir größere Unterstützung bekommen, halte ich es für möglich. Die Welt muss uns nur helfen.

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Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Seite 1
jakam 31.10.2014
1.
Ich schäme mich für unsere reichen und verwöhnten Länder, die mehr zusehen und schöne Worte schwingen, statt endlich tatkräftig zu helfen.
Minette 31.10.2014
2.
Komisch, auch ich hatten exakt die gelichen Gedanken. Ich schäme mich für Deutschland und die anderen, daß wir nicht tätig werden, immer nur quatschen, beteuern, daß wir helfen müssen, daß unser Land sich nicht drückt, aber passieren tut nichts! Und das Schlimmste ist, die Piloten streiken ( absolute Gutverdiener) und ebenso die Bahn. Häh? Wie absurd ist das denn? Schämen die sich nicht? Sollten lieber freiwillig Hilfslieferungen zu den Jesiden fliegen, statt zu streiken. Unfassbar.
KingTut 31.10.2014
3. Not
Zitat von jakamIch schäme mich für unsere reichen und verwöhnten Länder, die mehr zusehen und schöne Worte schwingen, statt endlich tatkräftig zu helfen.
Ich wünschte mir insgesamt mehr Engagement unserer deutschen Regierung in der Region, auch militärisch. Man sollte aber trotz aller Unzulänglichkeiten nicht vergessen, dass die humanitäre Hilfe Deutschlands nicht unerheblich ist. Erst kürzlich, bei der Flüchtlingskonferenz in Berlin Syriens Nachbarstaaten insgesamt 500 Millionen Euro Hilfe zugesagt hat. Der Westen wird mit etlichen Milliarden Euro helfen. Beschämend finde ich eher, dass Russland und China hier nicht mit von der Partie sind, wie immer wenn irgendwo in der Welt Not herrscht.
kaiserudo 31.10.2014
4. ja die Welt MUSS helfen
die westliche freie Welt MUSS endlich eingreifen. es kann nicht sein das nur die Kurden auf dem Boden gegen die bekloppten Terroristen kämpft. Ein internationales Heer muss endlich eingreifen. Noch ist es nicht zu spät.
gabeljürge 31.10.2014
5. Erst einmal mit Politik versuchen...
Herr Kazim, dessen Berichterstattung ich insgesamt als sehr seriös schätze, lässt leider einige Fragen offen: 1. Die Jeziden deutscher Staatsbürgerschaft, die im Irak kämpfen - und sogar Gefangene hinrichten - stellen die deutschen Behörden vor ein ernstes Problem: De jure kämpfen sie für fremde bewaffnete Kämpfe und müssten nach ihrer Rückkehr eigentlich einige Fragen deutscher Untersuchungsorgane beantworten. Und, gesetzt den Fall, nicht die "guten" Peschmerga, sondern die "terroristischen" PKK/PYD-Kurden hätten sie herausgehauen, müssten sie sich sogar wegen der "Unterstützung einer terroristischen Veraeinigung" verantworten... 2. aber, entscheidender, wenn unser Verbündeter Türkei den IS offenbar differenzierter bewertet als unsere öffentliche Meinung : warum wird in diesem Falle nicht auch auf das Mittel der Politik, des Gespräches gesetzt, sondern sofort nach Waffen und der Bundeswehr gerufen ? Wäre es nicht denkbar, auch zu den Spitzen des IS, dem "Kalifen", wenigstens den Gesprächsfaden zu suchen ? Mit anderen Worten: Gefragt ist deutsche Politik, nicht deutsches Militär ! Und auch die Meinung der Kurden ist kritisch in Frage zu stellen !
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