Jesidische Ex-Geiseln "Die IS-Kämpfer haben keinen Gott"

Monatelang litten Hunderte alte und kranke Jesiden in Gefangenschaft des "Islamischen Staats" - dann kamen sie überraschend frei. Die Überlebenden berichten von Verschleppung, Gewalt und Tod.

REUTERS

Badri/Lalisch/Berlin - In den frühen Morgenstunden im August stand der Schäfer Amin Jendi mit seinen Tieren noch auf der Weide. Mittags trieb er die Schafe zurück in sein Heimatdorf im Sindschar-Gebirge. Doch dort waren in der Zwischenzeit die Kämpfer vom "Islamischen Staat" (IS) eingefallen. Sie nahmen Jendi fest und verschleppten ihn. Erst am Sonntag kam er nach fünf Monaten Geiselhaft frei.

"Ich wurde geschlagen, weil ich mich geweigert habe, das muslimische Glaubensbekenntnis aufzusagen", erzählt Jendi. Schnell gab der 54-Jährige nach. "Ich musste es aufsagen, um mein Leben zu retten", sagte er dem britischen "Guardian". Die Zeitung traf Jendi in Lalisch, einem Dorf in der nordirakischen Provinz Niniveh. Dort steht der wichtigste Tempel der Jesiden. Viele Ex-Geiseln wie Jendi sind in Lalisch vorerst untergekommen.

Insgesamt wurden mindestens 200 jesidische Iraker am 18. Januar vom IS überraschend freigelassen. Bei allen handelt es sich um ältere oder kranke Menschen. Für die Miliz dürften sie zunehmend zur Last geworden sein.

"Sie mussten jeden Tag fürchten, exekutiert zu werden"

Hayat Mirza hat in Lalisch ihre Eltern wiedergefunden, berichtete sie dem "Guardian". Sie selbst war vor dem IS geflüchtet. Doch ihre Eltern und ihr Bruder blieben im Dorf zurück. Mirzas Bruder werde noch immer in Mossul festgehalten, erzählt ihre Mutter, die 65-jährige Hazare Hamo.

Sie habe gesehen, wie zwei junge Mädchen, Naima und Jani, von den Dschihadisten weggebracht wurden. Der IS hat viele jesidische Frauen und Mädchen als Ehefrauen oder Sklaven an seine Anhänger verkauft. Manche jesidischen Jungen mussten konvertieren und werden nun von IS-Kämpfern aufgezogen.

Was die Freigelassenen durchlitten haben, ist schwer vorstellbar. Fast ein halbes Jahr lang waren sie in der Gewalt der Miliz, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder freikommen und ihre Angehörigen wiedersehen würden. In Lalisch würden sie nun von Ärzten und Psychologen betreut, berichtet der "Guardian". "Diese Menschen mussten jeden Tag fürchten, exekutiert zu werden", sagte der Arzt Kheri Khedr der Zeitung.

"Sie brachten die Mädchen fort"

Der Sender "Radio Freies Europa" (RFE), der von den USA finanziert wird, sprach im Nordirak mit drei Freigelassenen. Sheme Salih, eine 65-Jährige, sagte RFE, sie sei mit den anderen Bewohnern ihres Dorfes verschleppt worden. "Wir waren sechs Monate lang in ihrer Gewalt", erzählt sie. "Wir durften nicht einmal vor die Tür gehen."

"Sie haben jeden umgebracht, der sich ihren Befehlen widersetzte", erzählt der 75-jährige Khirzi Naif im Sender RFE. Er habe gesehen, wie der IS Menschen ermordete und Frauen und Mädchen verschleppte. "Einmal sah ich, wie sie etwa 500 Mädchen zusammentrieben und fortbrachten."

Merdin, eine 60-Jährige, berichtet: "Sie brachten die Mädchen fort und töteten die Männer." Die ältere Frau wurde von den Radikalen bestohlen. "Sie haben jedem das Geld, Gold, alles weggenommen", berichtet sie. "Die IS-Kämpfer haben keinen Gott."

ras



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
undog 20.01.2015
1.
Das stimmt nicht; denn es genügt (auch inzwischen bei uns), wenn jemand das behauptet im Rahmen unserer Religionsfreiheit, wie Sie von unserer Regierung und Gerichten interpretiert wird. Also komme ich der Aufforderung nach, unter den etlichen Islamströmungen zu differenzieren zu denen auch die IS Version gehört. Wer war noch mal derjenige, der uns erzählt, welches die richtige Interpretation ist?
Wortkonserve 20.01.2015
2. Islam und Frauen, ein weites Feld.
Interessant, die Kriegsbeute "Mädchen", die da immer wieder anklingt. Diese offensichtlich sexuell zunächst selber unterdrückten im Übrigen nicht erzogenen gestörten IS-Killer leben sich in dem Zusammenhang wohl völlig aus. Islam und Frauen, ein weites Feld.
honey_d 20.01.2015
3. Wahrscheinlich sind die sowas von verblendet,
dass sie glauben, es Allah rechtzumachen. Atheisten sind das sicher nicht... Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! (Und das meine ich nicht nur ironisch.) Von Religion(en) haben wir genug.
chrblum 20.01.2015
4. Keinen Gott
Ich bin angewidert von dieser IS-Mörderbande und empfinde tiefes Mitgefühl mit den Menschen, die sie terrorisieren und quälen, und Ratlosigkeit angesichts der eigenen Hilflosigkeit. Dabei scheint es mir unerheblich zu sein, ob die Täter (oder auch die Opfer) einer bestimmten Religion angehören, "einen Gott haben". Ich habe jedenfalls keinen, und zu solchen Verbrechen bin ich gewiss nicht fähig. Vielleicht auch deswegen. Die allermeisten religiösen Menschen gleich welchen Glaubens sind es auch nicht, einfach weil sie gute Menschen sind (also lasst endlich mal den Quatsch, von Muslimen eine Distanzierung zu fordern!). Nicht wegen der Religion, sondern trotz. Es macht mich allerdings immer wieder sprachlos, wie man angesichts solcher Verbrechen an einen allwissenden, allmächtigen, allgütigen Gott glauben kann.
deglaboy 20.01.2015
5. Was nicht zum Islam gehört...
wird uns an jeder Ecke erzählt von selbsternannten Islamdefinierern. Was aber zum Islam dazugehört, weiß keiner genau zu sagen. Dabei genügt doch die Lektüre im Koran und der Sunna und das Studium der Geschichte. Aber da pickt sich halt jeder raus, was ihm gefällt und lässt das andere den Bach runter. Wie bei den Christen auch. Wenn aber Sätze aus dem Koran zitiert werden, zur Rechtfertigung des eigenen Tuns, wie es z. B. der IS tut, dann muss man die Diskussion um den Koran endlich mal eröffnen. Was steht da drin, wie ist es zu verstehen, etc. Da sehe ich aber noch gar nichts in Deutschland und die Muslime selbst halten sich bedeckt, sie wissen warum!
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