Drohendes Massaker IS-Kämpfer kesseln Jesiden im Sindschar-Gebirge ein

"Wenn uns der IS nicht umbringt, wird uns der Hunger töten": Milizionäre des "Islamischen Staats" haben Tausende Jesiden im Sindschar-Gebirge umzingelt. Die Eingeschlossenen flehen verzweifelt um Hilfe.

Sindschar-Gebirge im Irak: Dschihadisten umzingeln Jesiden
REUTERS

Sindschar-Gebirge im Irak: Dschihadisten umzingeln Jesiden


Hamburg - Während die Welt auf den Kampf um Kobane schaut, spielt sich einige Hundert Kilometer weiter östlich ein Drama ab. Mehrere Tausend Jesiden sind im Sindschar-Gebirge eingeschlossen. Die Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) haben jeden Fluchtweg abgeriegelt.

Die Journalistin Düzen Tekkal steht mit mehreren Jesiden, die auf dem Höhenzug ausharren, in Kontakt. Die Eingeschlossenen berichten über verheerende Zustände. "Wenn nichts passiert, sind wir tot", sagen ihr die Menschen in Sindschar.

Unaufhaltsam rücken die IS-Milizionäre vor. Sie kommen in Humvee-Geländewagen und sind den jesidischen Kämpfern militärisch weit überlegen. Dorf für Dorf haben sie in den vergangenen Tagen erobert und bei ihrem Vormarsch mindestens 20 Jesiden getötet. Auch ein eigentlich in Deutschland lebender Kämpfer, der das Gebiet verteidigen wollte, kam ums Leben. Inzwischen können die Eingeschlossenen die Dschihadisten schon sehen, weniger als zwei Kilometer liegen zwischen ihnen, sagen die Augenzeugen.

US-Flugzeuge kreisen in der Luft, bombardieren aber nicht

Düzen Tekkal berichtet: "Es ist nur noch eine Frage von Stunden oder Tagen, sagen mir meine Kontaktleute in Sindschar. Viele haben sich schon per Telefon von ihren Familien verabschiedet." Die Versorgungslage ist verheerend, Wasser und Lebensmittel gehen zur Neige. "Wenn uns der IS nicht umbringt, wird uns der Hunger töten", berichten die Eingeschlossenen.

Die Jesiden in Sindschar beklagen, dass sie von den Peschmerga-Kämpfern keine Unterstützung erhalten. Die Kurden konzentrieren sich offenbar auf andere Frontstellungen gegen den IS. Auch aus der Luft erhalten die Eingekesselten keine Hilfe. "Sie hören zwar die US-Flugzeuge in der Luft, aber es passiert nichts", berichtet Tekkal. Dichter Nebel in den vergangenen Tagen habe den IS-Kämpfern Schutz vor den Bombenangriffen der US-geführten Koalition geboten und die Versorgung der Flüchtlinge unmöglich gemacht.

Sollte der IS tatsächlich das Rückzugsgebiet der Jesiden erobern, droht ein Massaker. Die radikalen Muslime betrachten sie als Teufelsanbeter und Ungläubige, die weder Schutz noch Respekt verdienen und als vogelfrei angesehen werden können. Die Dschihadisten brüsten sich damit, dass sie jesidische Frauen als Sklavinnen verkauft hätten.

Die Vereinten Nationen haben erst in dieser Woche gewarnt, dass die Dschihadisten einen Völkermord an der Minderheit planten, die seit Jahrhunderten im Nordirak ansässig ist.

syd

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insgesamt 49 Beiträge
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karlsiegfried 24.10.2014
1. Und die christliche Welt ...
... schaut zu. Amen.
pan-orama 24.10.2014
2.
Da verstehen sie die Lage völlig falsch! Die Jesiden in diesem Gebietsteil konnten nicht in ihre Dörfer zurück da die ISIS diese schon längst überrannt haben. Das die Evakuierung nicht vollständig war kann man schlecht den dort ausharrenden Menschen anlasten.
tednuber 24.10.2014
3. Unbegreiflich
Wo sind die westlichen Späher, Eingreiftruppen und militärischen Spezialkräfte? Dass eine zivilisierte Weltgemeinschaft tatenlos zuschaut, wie ein Haufen tollwütiger Hunde in ihrem pseudoreligiösen Blutrausch unterstützt von ein paar saudischen und anderen Privatfeldherren kurz davor sind, die Jesiden abzuschlachten, nachdem sie massenhaft jesidische Frauen vergewaltigt und versklavt haben, ist mir unbegreiflich. Es soll diesmal keiner sagen, er habe nichts mitbekommen, Frau Bundeskanzlerin, Herr US-Präsident, Herr Cameron usw.
nullneunelf 24.10.2014
4. Ich hätte nicht gedacht,
dass ich mir einmal die gut bekannten und typischen Bilder von Militäreinsatzen so herbeiwünschen und gerne das Ergebnis ansehen würde.
bicki56 24.10.2014
5. Woher kommt hier der Hass?
Weiter unten in Ihren Artikeln sollen wir Hass verstehen lernen. Warum aber wollen IS diese Leute töten? Was haben die mit dem westlichen Gedankengut zu tun? IS ist eine brutale, engstirnige Mörderbande junger Männer. Ihre Bildung beschränkt sich auf das Bedienen einer Kalaschnikow.
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